Mohammed-Film: Nichts ist heilig

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  • Demo für Meinungsfreiheit und gegen religiöse Denkverbote und Zensur in Tunis im Oktober 2011.
    foto: reiner wandler

    Demo für Meinungsfreiheit und gegen religiöse Denkverbote und Zensur in Tunis im Oktober 2011.

Gewalt ist kein Mittel, um seiner Ablehnung einer veröffentlichten Meinung Ausdruck zu verleihen

Was ist das für eine Welt, in der ein Film reicht, um einen Flächenbrand auszulösen? Und was ist das für eine Welt, in der Kolumnisten großer Tageszeitungen mehr oder weniger Verständnis für die "verletzten religiösen Gefühle" zeigen?

Da ist die Rede von Tabus im Islam. Ägyptens Muslimbrüder sähen sich gezwungen, für Freitag zu einer Demonstration zu rufen, um den Radikalen nicht das Feld zu überlassen. Es wird mehr über den amerikanischen und - wie könnte es anders sein - israelischen Filmemacher berichtet, der von reichen Juden, deren Identität er nicht preisgeben will, Gelder bekommen hat, um seinen Streifen zu drehen. Die Verschwörungstheorien halten unterschwellig auch Einzug in europäische Redaktionsstuben.

Es geht mir nicht darum, den fraglichen Film und seine Inhalte zu verteidigen. Ich habe ihn - wie die meisten, die darüber schreiben oder in den muslimischen Ländern auf die Straße gehen - nicht einmal gesehen. Hätte ich ihn gesehen und sollte er nicht so banal sein, dass Nichtbeachtung die angebrachte Reaktion ist, wäre er mir ganz gewiss eine lange, sehr kritische Kolumne wert.

Dennoch kann und will ich eines nicht akzeptieren: Gewalt ist kein Mittel, um seiner Ablehnung einer veröffentlichten Meinung Ausdruck zu verleihen. Denn die Gedanken sind frei, gerade in gedruckter, gezeichneter oder filmischer Form. Und wenn sie rote Linien wie Rassismus, Sexismus oder Aufruf zur Gewalt überschreiten, sind Richter gefragt und nicht Steine, Brandsätze und Gewehre. Dafür kann es keinerlei Verständnis geben. Nicht einmal im Ansatz.

Das gilt ganz besonders für die Kritik an der Religion - egal welcher Couleur. Denn mit dieser Freiheit hat - das sollten wir nicht vergessen - auch hier im sogenannten Westen einst alles angefangen. So mancher Freigeist wurde von erzürnten Massen und der kirchlichen Hierarchie dafür gelyncht. Zum Glück ist heute die Kritik an der Kirche, an der Bibel, an Gott und an seinem bayrischen Stellvertreter auf Erden in den meisten Ländern kein Grund mehr für Ausschreitungen, Mord oder Verurteilung zu Haftstrafen.

Wenn jeder radikale Diskurs über Christentum und Judentum in der arabisch-muslimischen Welt, wenn jedes Schulbuch oder jedes Fernsehprogramm, in dem schon Kinder zur Intoleranz gegenüber "Ungläubigen" erzogen werden, im Westen zu Demonstrationen führen würde, kämen die Straßen vor den entsprechenden Botschaften nie wieder zur Ruhe.

In einer globalisierten Welt kann es nicht darum gehen, Karikaturisten das Zeichnen zu verbieten oder auch noch so schlechte und radikalisierte Filmemacher von ihrem Tun abzuhalten und Verständnis für "verletzte religiöse Gefühle" zu entwickeln.

Die Toleranz gegenüber den Andersdenkenden, das Recht, Religion und Kirche offen abzulehnen, ja gar die Existenz von Gott zu verneinen, und die daraus resultierende Verbannung des Religiösen ins Private und die mehr oder weniger gelungene Trennung von Kirche und Staat - die Überzeugung, dass dem freien Geist nichts heilig sein darf, ist eines unserer wertvollsten intellektuellen Erben. Es ist die Grundlage dessen, was wir Demokratie nennen. (Reiner Wandler, derStandard.at, 13.9.2012)

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