Als Master George zu Mohammed wurde

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  • In der Mitte: Prophet Mohammed, den man laut islamischem Recht eigentlich nicht abbilden darf.
    foto: youtube.com/screenshot

    In der Mitte: Prophet Mohammed, den man laut islamischem Recht eigentlich nicht abbilden darf.

Die Hintergründe des umstrittenen Mohammed-Schmähfilms werden immer verwirrender, Schauspieler distanzieren sich und der Regisseur ist abwechselnd Jude oder Christ

Rund 14 Minuten reichten, um große Teile der islamischen Welt zu erzürnen. 14 Minuten, in denen der Prophet Mohammed verunglimpft wird. Diese 14 Minuten sind Teil des Films "Innocence of Muslims" (Die Unschuld der Muslime), den man unter normalen Umständen als Werk allerunterster Trash-Schublade ignoriert hätte. Nun aber ist der Film weltberühmt, und mit ihm sein Macher Sam Bacile, der eigentlich gar nicht existiert.

Mittwoch, 12. September 2012, der Tod des US-Botschafters im libyschen Benghazi bestimmt gerade die weltweite Nachrichtenlage. Sam Bacile, berichtet das "Wall Street Journal", ist der Macher des Films, der indirekt mehrere Todesopfer forderte. 52 Jahre alt, Immobilienentwickler und wohnhaft in der Nähe von Los Angeles. Er sei ein in Israel geborener US-Bürger, den fünf Millionen US-Dollar teuren Film will er mit Spenden hunderter Juden finanziert haben. In einem Telefon-Interview mit der Zeitung bezeichnet er den Islam als "Krebs". Die Hintergründe des Films scheinen also klar zu sein, und sie passen perfekt, um die Emotionen in der islamischen Welt hochkochen zu lassen: Jüdische Kräfte in den USA greifen aus Hass auf den Islam den Propheten Mohammed an.

Nun wird es aber richtig interessant: Die Nachrichtenagentur AP erreicht Nakoula Nakoula und führt mit ihm in der Nähe von Los Angeles ein Interview. Er hat "Innocence of Muslims" mitproduziert, sagt er. Nakoula, 55, ist koptischer Christ und besorgt über die Diskriminierung seiner Glaubensbrüder durch Muslime in der arabischen Welt. Bacile teile seine Sorgen, erklärt er. Bereits da hat AP den Verdacht, dass Nakoula und Bacile dieselbe Person sein könnten. Nakoula leugnet dies aber und zeigt als Beweis seinen Führerschein her. Zufall oder nicht, Nakoula legt dabei seinen Daumen über die Stelle, an der sein zweiter Vorname steht: Basseley.

Morris Sadek ist ebenfalls koptischer Christ der konservativen Art, er warb für "Innocence of Muslims" auf seiner Website. Über ihn gelangt AP an die Telefonnummer Baciles. Am anderen Ende der Leitung meldet sich aber ein Bewohner jenes Hauses, in dem auch Nakoula wohnt. Ein Sam Bacile ist ihm nicht bekannt. AP hinterlässt trotzdem eine Nachricht und bittet um Rückruf. Bei der Nachrichtenagentur meldet sich schließlich Steve Klein, christlicher Aktivist und eigenen Angaben zufolge an Baciles Film beteiligt. Er bestätigt die Interview-Anfrage, wenig später meldet sich Bacile selbst. Deckungsgleich mit dem Interview mit dem "Wall Street Journal" ist er in Israel geboren, und auch hier bezeichnet er den Islam als "Krebs". Nur ist er innerhalb weniger Stunden um Jahre gealtert, jetzt gibt er sein Alter mit 56 an. Seinen Film betrachtet er als provokantes politisches Statement gegen eine Religion, die er verachtet.

Auf seinem Youtube-Profil ist Bacile übrigens 74 Jahre alt, doch nicht nur beim Alter dürfte er es nicht so genau mit der Wahrheit genommen haben. In kalifornischen Registern für Immobilienentwickler taucht sein Name nicht auf, auch israelischen Behörden ist Sam Bacile fremd.

Pseudonyme ohne Ende

Der Verdacht, dass es Sam Bacile gar nicht gibt, bestätigt sich schließlich. Am Dienstag noch gab Steve Klein gegenüber AP an, dass Bacile ein israelischer Jude sei, der sich um Verwandte in Ägypten sorge. Einen Tag später gab er aber zu, dass "Sam Bacile" nur ein Pseudonym sei. Und die Person dahinter ein Christ.

Ob hinter diesem Pseudonym tatsächlich Nakoula Basseley Nakoula steckt, kann momentan nicht eindeutig bewiesen werden. Fakt aber ist, dass Nakoula bis Juni 2011 eine 21-monatige Haftstrafe verbüßt hat, und zwar wegen Bankenbetrugs. Dabei agierte er laut Gerichtsdokumenten unter mehreren Identitäten, unter anderem als Nicola Bacily, Mark Basseley Youssef und Youssef M. Basseley.

Mohammed statt Master George

Ob nun Sam Bacile oder Nakoula Basseley Nakoula: Auch die Hintergründe des Films selbst weisen einiges an Skurrilität auf. Ursprünglich trug das Projekt den Titel "Desert Warrior", erst später wurde der Film in "Innocence of Bin Laden" und schließlich "Innocence of Muslims" umbenannt. Dass es um Mohammed gehen sollte, war den Schauspielern nicht bekannt. Cindy Lee Garcia, die eine kleine Rolle in dem Film spielt, gab gegenüber dem New Yorker Blog "Gawker" an, dass es offizell um das Leben in Ägypten vor 2.000 Jahren gehen sollte. Die Person, die im Endeffekt als mordender und kinderschändender Prophet gezeigt wurde, trug während des Drehs auch nicht den Namen "Mohammed", sondern "Master George". Erst nach dem Dreh dürfte eine Neusynchronisation hinzugefügt worden sein, die noch dazu so ganz und gar nicht zur Mimik der Schauspieler passt.

Auf dem Set lernte Garcia den Regisseur nur kurz kennen. Er agierte sehr zurückhaltend und gab kaum Anweisungen. Es wurde gesagt, dass "Sam Bacile" ein israelischer Immobilien-Mogul sei. Garcia selbst stellte er sich aber als Ägypter vor.

Wann die fragwürdige Neusynchronisation stattgefunden hat, kann nicht eindeutig gesagt werden. Im Juni lief der der Film unter dem Namen "Innocence of Bin Laden" für einige Tage in einem alten Kino auf dem Hollywood Boulevard. Einem Mitarbeiter des Vine Theater zufolge waren anti-islamische Szenen darin noch nicht enthalten. Eingeprägt haben sich bei ihm dafür die Schauspielleistungen der "allerschlimmsten Art". 

Zwischen diesem Zeitpunkt und dem 2. Juli dürfte es schließlich zur Neusynchronisation gekommen sein. Dann nämlich wurde der knapp 14-minütige Trailer auf Youtube online gestellt. Doch erst im September gelangte der Film zu zweifelhafter Berühmtheit, als er in die arabische Sprache übersetzt wurde. Morris Sadek, bereits davor mit Verbalattacken auf Muslime aufgefallen, veröffentlichte das Video auf seiner Webseite, Medien griffen das Thema auf, der weitere Verlauf ist hinlänglich bekannt.

Mittlerweile hat sich die 80-köpfige Crew von "Innocence of Muslims" distanziert. Sie veröffentlichte ein Statement, in dem sie betonte, dass sie sich vom Regisseur in die Irre geleitet fühlt. Da sind sie wohl nicht die einzigen. (Kim Son Hoang, derStandard.at, 13.9.2012)

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