Freie ORF-Mitarbeiter: "Entlohnt wie Praktikanten"

  • Im Jänner protestierten die freien ORF-Mitarbeiter erstmals in der Öffentlichkeit gegen ihre prekären Arbeitsbedingungen.
    foto: apa/neubauer

    Im Jänner protestierten die freien ORF-Mitarbeiter erstmals in der Öffentlichkeit gegen ihre prekären Arbeitsbedingungen.

"Wie kann man neues Programm präsentieren, wenn das vorhandene gar nicht durchfinanziert ist?" - Freie ORF-Mitarbeiter erinnern, dass sie dessen Auftrag erfüllen "an der Grenze zum Existenzminimum" - Die Gewerkschaft will die Krankenkasse einschalten - Offener Brief im Wortlaut

Wien - Schon im März erhielten Manager und Stiftungsräte Post von freien ORF-Mitarbeitern. Akribisch schlüsselten sie auf, wie viel öffentlich-rechtliche Kernangebote nur mit freien Mitarbeitern zustande kommen. In Ö1 sollen sie laut Stiftungsräten auf mehr als die Hälfte der Sendezeit gekommen sein. Im Kulturmontag auf ein Drittel. Radiochef und Personalmanager redeten mit den Freien. Montag präsentierte Chef Alexander Wrabetz den ersten Nachhaltigkeitsbericht, der vom " zeitgemäßen" Honorarkatalog kündet. Wovon die Freien bisher nichts merkten. Donnerstag empörten sie sich zu Stiftungsrat und Programmpräsentation: neue Sendungen, wo die alten nicht durchfinanziert seien. Als "Freiwild" neoliberalen Wirtschaftens fühlen sie sich.

Sie produzierten maßgeblich, was "den Bildungsauftrag rechtfertigt", Kernstücke des Public-Value-Berichts, mit dem "der ORF seinen Gebührenzahlern beweist, dass ihr Geld gut angelegt ist. Dass er sich abhebt vom Boulevard-Diktat der Privaten." Die ORF-Chefs Wrabetz und Richard Grasl nennen den Brief "rotzig und unsensibel". Betriebsrat Gerhard Moser findet ihn "gerechtfertigt", er war "schon optimistischer" .

Die Gewerkschaft der Privatangestellten will die Krankenkasse einschalten, um die freien Dienstverhältnisse zu prüfen. Das kann für den ORF teuer werden. (fid, DER STANDARD, 14.9.2012)

Der offene Brief im Wortlaut:

"Die Wahrheit ist dem ORF zumutbar

Dieser Tage wird ein neues ORF Programm präsentiert. Neue Serien, neue Formate, neue Moderatoren. Währenddessen - während all der Promo-Termine und gebührenden Feiern - ist einem wesentlichen Teil der ORF-MitarbeiterInnen nicht zum Feiern zumute. Sie arbeiten täglich für das Unternehmen. Auch an Wochenenden und Feiertagen. Ohne Zuschlag versteht sich. Sie produzieren zu 100 Prozent öffentlich-rechtliches Programm und das mit viel Idealismus und Energie. Und leben deswegen an der Grenze zum Existenzminimum. Qualitätsjournalismus kostet eben. In ihrem Fall ein abgesichertes Leben. Diese Freien MitarbeiterInnen stellen sich zu Recht die Frage: wie kann man neues Programm präsentieren, wenn das vorhandene gar nicht durchfinanziert ist? Jenes Programm auf Ö1 und FM4, in der Fernseh-Kulturberichterstattung und den mehrsprachigen Sendungen, das in seiner Vielfalt und mehrfach ausgezeichneten Qualität den Bildungsauftrag rechtfertigt. Jene Sendungen, die jahrein jahraus neben der Information das Kernstück des Public Value Berichts bilden. In dem der ORF seinen Gebührenzahlerinnen und -zahlern beweist, dass ihr Geld gut angelegt ist. Dass er sich abhebt vom Boulevard-Diktat der Privaten und seinen Finanziers etwas bietet. Kunst und Kultur, Philosophie und Wissenschaft, Information und Hintergrundanalysen. Wissensvermittlung auf hohem Niveau und trotzdem unterhaltsam und für jedermann verständlich.

Die Macherinnen und Macher dieses Programms verdienen keine sprichwörtlichen ORF-Bonzen-Gehälter. Sie verfügen über keinerlei Privilegien - außer dass sie ihren Beruf lieben. Sie wissen oft nicht wie sie ihre Miete bezahlen sollen oder die Raten für ihre Sozialversicherung. Sie sind keine Studentinnen und Studenten, die sich als BerufseinsteigerInnen erst ihre Sporen verdienen müssen. Sie sind Mittdreißiger, Mittvierziger und Mittfünfziger. Sie können fantastische fachliche Qualifikationen vorweisen, die ihre hochqualitative journalistische Arbeit erst möglich machen. Und werden vom ORF dafür entlohnt wie PraktikantInnen. Die Verantwortlichen dieses großen Medienunternehmens wissen darüber Bescheid. Nicht erst seit den öffentlichen Protesten im Frühjahr 2012.

Sie kennen die Zahlen und das Budget in- und auswendig. Sie wissen um die schändliche Entlohnung und schicken die Freien MitarbeiterInnen von einem Verantwortlichen zum nächsten.Ergebnislos. Sie weisen ständig darauf hin, nicht zuständig zu sein. Denn die Freien MitarbeiterInnen haben keine Lobby. Sie sind Freie. Und damit Freiwild für neoliberalistische Finanzierungspläne, die auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Der ORF lässt sie im Stich. Seine RepräsentantInnen sprechen in Interviews über Arbeitskreise zum Thema Freie, von denen die Betroffenen nichts wissen. Und über Verhandlungen, in denen auf ihre Hauptforderung - die Erhöhung der Honorare - bis heute nicht eingegangen wurde. So schindet man Zeit ohne das Problem zu lösen.

Die Freien MitarbeiterInnen arbeiten in der Zwischenzeit weiter. An jenen Programmen, die oftmals keine Werbeeinnahmen bringen, keine Publicity, sondern nur öffentlich-rechtlichen Mehrwert. Jener Wert ist es jedoch, der die Existenz eines gebührenfinanzierten ORF samt seiner DirektorInnen überhaupt erst rechtfertigt.
Management bedeutet Verantwortung. Diese wird jedoch im Falle der Freien MitarbeiterInnen bis dato nicht übernommen. Stattdessen wird ein neues Programm präsentiert. Auf roten Teppichen, in eleganten Präsentationsräumlichkeiten, mit ansprechend dekoriertem Buffet. Während die Finanzierung des vorhandenen Programms noch immer nicht geregelt ist. Das ist die Wahrheit in diesen Tagen. Und sie ist unangenehm. Sie zeigt das soziale Ungleichgewicht innerhalb des ORF. Sie beschädigt die gerade jetzt frisch herausgeputzte Fassade eines erfolgreichen öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie stört die Verantwortlichen aus Imagegründen und die Betroffenen aus Überlebensgründen. Doch solange diese Wahrheit nicht durch Taten nachhaltig widerlegt wird, ist sie dem ORF zumutbar."

Dieser Kommentar wurde im Namen folgender ORF-MitarbeiterInnen verfasst:

Martin Adel (Ö1), Sabrina Adlbrecht (Ö1), Gabriele Anderl (Ö1), Tiziana Arricó (ORF Kultur/TV), Teresa Arrieta (Ö1), Alexandra Augustin (FM4), Susanne Ayoub (Ö1), Sarah Barci (Ö1), Sonja Bettel (Ö1), Lothar Bodingbauer (Ö1), Judith Brandner (Ö1), Gudrun Braunsperger (Ö1), Eva Brunner (FM4), Christian Brüser (Ö1), Renate Burtscher (Ö1), Maria Anna Dessewffy (Ö1), Nicole Dietrich (Ö1), Ulla Ebner (Ö1), Margarete Engelhardt-Krajanek (Ö1), Isabelle Engels (Ö1), Andreas Felber (Ö1), Michael Fiedler (FM4), Sebastian Fleischer (Ö1), Martina Frühwirth (Ö1), Julia Gindl (Ö1), Constanze Griessler (ORF Kultur/TV), Hans Groiss (Ö1), Matthias Haydn (Ö1), Alexander Hertel (FM4), Judith Hoffmann (Ö1), Christina Höfferer (Ö1), Johanna Jaufer (FM4), Günter Kaindlstorfer (Ö1), Monika Kalcsics (Ö1), Barbara Kaufmann (Ö1), Verena Kalenda (ORF TV), Nora Kirchschlager (Ö1), Natasa Konopitzky (Ö1), Barbara Köppel (FM4), Michael Köppel (Ö1), Sarah Kriesche (Ö1), Thomas Kugler (Landesstudio Tirol), Claudia Kuschinski-Wallach (Ö1), Conny Lee (FM4), Christian Lerch (Ö1), Paul Lohberger (Ö1), Tanja Malle (Ö1), Clemens Marschall (Ö1), Ute von Maurnböck-Mosser (Ö1), Petra Meisel (Ö1), Franziska Meyer-Keber (ORF Kultur/TV), Christa Nebenführ (Ö1), Michael Neuhauser (Ö1), Hans Georg Nicklaus (Ö1), Sabine Nikolay (Ö1), Sibylle Norden (Ö1), Marlene Nowotny (Ö1), Stefanie Panzenböck (Ö1), Julia Reuter (Ö1), Nadine Rosnitschek (ORF Kultur/TV), Christine Scheucher (Ö1), Julia Schlager (Ö1), Nikolaus Scholz (Ö1), Astrid Schwarz (Ö1), Katharina Seidler (FM4), Bea Sommersguter (Ö1), Anna Soucek (Ö1), Irene Suchy (Ö1), Karoline Thaler (ORF Kultur/TV), Ronny Tekal-Teutscher (Ö1), Teresa Vogl (Ö1), Brigitte Voykowitsch (Ö1), Désirée Walter (ORF Kultur/TV), Sonja Watzka (Ö1), Simon Welebil (FM4), Daniela Zimper (Ö1), Andreas Zinggl (Ö1)

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