Legendärer Formel-1-Arzt Watkins gestorben

In seinen Armen verschied Ayrton Senna, aber etlichen anderen Piloten konnte der Chefarzt das Leben retten - Der Neurochirurg starb am Mittwoch, sechs Tage nach seinem 84. Geburtstag

London - Ronnie Peterson, Gilles Villeneuve, Riccardo Paletti, Roland Ratzenberger und Ayrton Senna - die Liste der Formel-1-Piloten, die seit 1978 in offiziellen Trainings oder Rennen ums Leben kamen, ist relativ kurz. Auch ein Verdienst von "Doctor Sid", wie Sid Watkins im Zirkus geheißen wurde. 26 Jahre lang, von 1978 bis 2004, war der Neurochirurg aus Liverpool eine Konstante im schnelllebigen Metier.

Watkins, den Bernie Ecclestone an den internationalen Automobilverband (Fia) vermittelt hatte, war stets als einer der Ersten an den Unfallstellen, oft nur, um sich zu vergewissern, dass der Crash glimpflich ausgegangen war, oft als Ersthelfer wie bei Michael Schumachers Beinbruch 1999 in Silverstone, manchmal aber auch als Lebensretter, etwa 1982 für den französischen Ferrari-Fahrer Didier Pironi auf dem Hockenheimring oder 1995 in Adelaide, wo er beim finnischen McLaren-Star und späteren Doppelweltmeister Mika Häkkinen einen Luftröhrenschnitt setzen musste.

Im Jahr davor hatte Watkins seine schlimmsten Stunden in der Formel 1 erlebt. Am Freitag vor dem Grand Prix von San Marino in Imola verunglückte Rubens Barrichello in einem Jordan. Watkins zog den Brasilianer, der sich einen Arm und die Nase gebrochen hatte, selbst aus dem Wagen. Für Roland Ratzenberger konnte er tags darauf nichts tun. Der Simtek des 33-jährigen Salzburgers zerschellte im Qualifying an einer Mauer, Ratzenberger erlag einem Genickbruch.

Schicksalsträchtiges Gespräch

Der Tod des Rookies traf Ayrton Senna, der von Vorahnungen geplagt war, besonders schwer. Der Brasilianer weinte sich bei Watkins aus. In seinen Memoiren (Leben am Limit: Triumphe und Tragödien in der Formel 1) schrieb der Arzt, er habe Senna mit den Worten "Hör auf und lass uns angeln gehen" zum sofortigen Rücktritt geraten. "Sid, es gibt bestimmte Dinge, über die wir keine Kontrolle haben. Ich kann nicht aufhören, ich muss weitermachen", habe dieser ihm geantwortet. 24 Stunden später, am 1. Mai, verunglückte Senna im Rennen tödlich. Eine Strebe der Radaufhängung des Williams bohrte sich durch den Helm des 34-jährigen Dreifachweltmeisters. "Wir hoben ihn aus dem Cockpit und legten ihn auf den Boden. Dabei seufzte er, und obwohl ich Agnostiker bin, fühlte ich, wie in diesem Moment seine Seele ihn verließ", schrieb Watkins.

Nach Sennas Tod wurden die Bemühungen um mehr Sicherheit in der Formel 1 intensiviert, Watkins lieferte das medizinische Know-how und Vorschläge. 2004 übergab der von der Queen dekorierte sechsfache Vater, ein Liebhaber von Whiskey und Zigarren, seine Agenden an den in Belgien lebenden US-Amerikaner Gary Hartenstein.

"Ein schwerer Verlust für die Formel 1, und nicht nur für sie. Sid verband Kompetenz mit Herz, und für uns Fahrer war er immer da", rief Rekordweltmeister Schumacher Watkins am Donnerstag nach. (sid, lü, DER STANDARD, 14.9.2012)

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6 Postings
"Senna" im Filmmuseum

Sid Watkins Bemühen um das Leben der Rennfahrer ist zu sehen in der nicht konventionellen Biografie "Senna" von Asif Kapadia am 27. und 28. September im Österreichischen Filmmuseum.

Bye Bye Sid

bin seit Anfang der 80er Jahre Zuseher der Formel 1 und dieser Name war immer eng damit verbunden - dürfte ein sehr sympatischer Mensch gewesen sein...

Senna wird ihn nun mit offenen Armen an einem besseren Ort begrüßen.

Einer von dem der Heinz Prüller unendlich oft erzählt hat ...

Von wem hat der Prüller NICHT oft erzählt?

Baba Sid. Warst ein Guter.

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