Die Anden in Chile, Bolivien und Peru

Höchste Höhen, weiteste Weiten bei extremem Wind und Wetter. Beate Schümann bereiste die Vulkan- und andere Landschaften der Anden

Auf 4800 Metern steht nur eine Baracke. Eisiger Wind zerrt an der rot-gelb-grünen Flagge über ihrem Dach. Schnee glitzert in den Bergfalten, die Sonne beißt. Vor der Tür stehen Touristen Schlange, die ihre Papiere zitternd in den Händen halten und sich in die schützende Passkontrollstation drängen: Einreise nach Bolivien.

In der hoheitlichen Bude sitzt ein Beamter am Holztisch und stempelt Ausweise. Über ihm hängt das gerahmte Bild von Evo Morales, des Indiopräsidenten, der das ärmste Land Südamerikas seit 2006 regiert. Daneben strahlt sein venezolanischer Kollege Hugo Chávez im T-Shirt von einem Poster. "Krise? Welche Krise?" fragt er. "Kommt, macht Urlaub bei uns!"

In den Anden will man zu Vulkanen und Gletschern, in die Weite des Hochlandes und ins Stammland der Inkas. Die längste Gebirgskette der Erde erstreckt sich über 7500 Kilometer an der Westküste Südamerikas. Allein für den mittleren Abschnitt von Chile über Bolivien nach Peru benötigt man drei Wochen. Eine Zeit mit langen Busfahrten und womöglich Höhenfieber. Unter 3000 Metern ist es mit den Anden kaum zu machen.

Die Atacamawüste von Nordchile liegt auf nur 2400 Meter, wo man sich mit dem Höhenfeeling schon mal anfreunden kann. Die weltweit trockenste Wüste ist aber eine kahle Hölle mit unvorstellbaren Ausmaßen und unmenschlichen Bedingung. Die Berge sind gerötet, die Hänge geröstet, die Täler und Wellen aschfarben, ein Meer aus gebackenem Sand.
Im Tal des Mondes

San Pedro de Atacama ist ein belebtes Lehmhüttendorf, Grenzort und Treffpunkt von Backpackern und Touristen. Ausflüge in die Salzwüste Salar de Atacama, ins Naturreservat Las Flamencos und ins Mondtal Valle de la Luna, eine bizarre Erosionslandschaft, locken. Die Atacameñas haben haselnussfarbene Haut, beten den Rosenkranz, zünden Kerzen an und verehren außerdem Pachamama, die Mutter Erde. Die Pfarrkirche besitzt zwar einen Altar, aber ohne Christus und ohne Maria. Auf dem kleinen Markt kann man sich mit Kokablättern eindecken, bolivianische Schmuggelware und probates Mittel gegen die Höhenkrankheit.

In der Aymara-Sprache der Ureinwohner bedeutet Chile "Wo die Welt zu Ende ist". Und doch, es geht weiter. Criso ist der Fahrer des Allrad-Jeeps, ohne den auf dem Altiplano und auf den Sandpisten im 715 Hektar großen Naturpark Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Abaroa nichts geht. "Wir rollen auf dem Rücken des Himmels", sagt er stolz. Gefühlt ändert sich das Bild im Halbstundentakt. Grandios zeigen sich die Anden in Farben von Beige, Braun bis Kastanie, Walnuss und Marone bis zur violetten Feige. Wie Schnee blendet die Laguna Blanca, smaragdgrün schillert die Laguna Verde. In der Geröllwüste Piedras de Dalí liegen Felsklötze, als gehörten sie in ein Gemälde des spanischen Surrealisten.

Am Salar de Chalviri hält Criso bei den Termas de Polques, in denen trotz der arktischen Kälte einige baden. Wo Vulkane sind, sind auch Thermalquellen, zischende Geysire und blubbernde Fumarolen. Jetzt braucht man eine Barra Energetica, eine Art andiner Müsliriegel aus Amaranth, Quinua und Maca. Denn auf dem Weg nach Sol Mañana passiert der Jeep die 5000-Meter-Grenze. Endlich tauchen die seltenen "vicuñas" auf, jene Lama-Art, die ein noch feineres Fell hat als die Kaschmirziege. Auch Evo Morales Amtstracht im Andenlook fertigte die Modeschöpferin Beatriz Patiño aus Vikunjawolle. Nächster Halt ist bei der Laguna Colorada. Eine besondere Algenart färbt sie rot und gibt den Chile-, Anden- und Kurzschnabelflamingos Nahrung. In der Abendsonne setzen die zahllosen Vögel vor den schneebedeckten Vulkanen plötzlich zu einem faszinierenden Flug an.


Der Salar de Uyuni.

Uyuni ist unansehnlich. Das zeigt sich gleich am nächsten Morgen. Allerdings zählt die einstige Garnisonsstadt an die sechzig Reiseagenturen und das mit gutem Grund. Der Salar de Uyuni ist der weltweit größte Salzsee. Die weiße Fläche erinnert an die Weite Alaskas. Criso, der in Uyuni geboren ist, setzt die Sonnenbrille auf und fährt. Wie ins Blaue, denn auf dem 180 Quadratkilometer großen See gibt es nichts, woran sich der Blick heften könnte. Nur die Polizei überholt, die immer wieder orientierungslose Touristen aufspürt. Wie eine Fatamorgana wächst Inca Huasi aus dem Salzsee, eine Insel mit einem Kakteenwald. Der Naturschützer Alfredo Lazaro hat das Eiland vor rund 25 Jahren entdeckt und zur Touristenattraktion gemacht.

Zurück auf dem braunen Altiplano wechselt die Gruppe in den Reisebus Richtung Potosí. Um Superlativen war die "Pforte zur Hölle" am Cerro Rico nie verlegen, ob als reichste Stadt der Welt oder höchstgelegene Großstadt der Erde. Sie ist laut, stickig und im Dauerstau. Doch ein Besuch in einer der 300 aktiven Minen, in denen Hunderttausende starben, erklärt das System Potosí. Abends leuchtet der Silberberg unter einer glänzenden Girlandenkette. Wie friedlich er aussehen kann. "Bolivien ist eine Mischung aus Kafka und Groucho Marx", meint ein Deutscher, der in der Hotelbar den typischen Chuflay trinkt, ein Traubenschnaps mit Ginger Ale. "Hinreißend, aber schwer zu verstehen."

Auf dem Hexenmarkt

Auf dem Papier ist Sucre die konstitutionelle Hauptstadt Boliviens, doch der Regierungssitz liegt in La Paz. Die Zwei-Millionen-Einwohnerstadt füllt den Talkessel unter dem schneebedeckten Illimani, einem fast 6500 Meter hohen Berg. Unter ihm mischen sich Arm und Reich, Provinzielles und Urbanes. Die Plaza Murillo, Hauptplatz und Machtzentrum, bevölkern Indígenas in weiten Röcken, eilige Geschäftsleute im Anzug, Touristen und zahllose Tauben. Am Prachtboulevard Prado reihen sich moderne Hochhäuser, Villen, Clubs und Botschaften. Oberhalb der Francisco-Kirche gelangt man ins bunte Marktviertel, wo von Papayas und Malanga über Jeans bis zu Kühlschränken alles verkauft wird. Die Läden des "Hexenmarktes" horten den kompletten Bedarf der Schamanen, alle Opfergaben wie Kokablätter, Hostien, Kreuze, Muscheln, Konfetti und Lamaföten. Pachamama fühlt man sich näher als der Jungfrau Maria.


Der Titicacasee.

Am nächsten Morgen flitzt das Tragflächenboot über den Titicacasee. Ohne auf nationale Belange zu achten, geleitet die schneebedeckte Königskordillere zur peruanischen Seeseite. Kaum irgendwo sonst berühren Inkakultur und Kolonialzeit mehr als in Cuzco. "Nabel der Welt" nannten die Inkas die strahlende Metropole ihres Imperiums, das von Chile bis nach Kolumbien reichte. Man kann Stunden die schön verschachtelten Gassen ablaufen, zig Kirchen besichtigen, auch die wuchtige Kathedrale, und in der Calle Hatun Rumiyoc eine inkaische Mauer aus fugenlos aneinandergereihten Steinquadern bestaunen. Über dem Sonnentempel Qoricancha errichteten die Spanier die Klosterkirche Santo Domingo. Bei einem Erdbeben kamen Teile des verehrten Inka-Heiligtums wieder zum Vorschein.

Cuzco ist zugleich das Tor zum Heiligen Tal, das den Río Urubamba entlang zu den Kultstätten der Inkas führt. Bei der Inkastadt Ollantaytambo verursachen Reisebusse ein Chaos, das auf das, was in Machu Picchu wartet, schon einstimmt. Denn im Heiligen Tal scheint nichts mehr heilig. "Machu Picchu ist ein religiöser Ort, kein Disneyland", klagt Rafael. Der Student aus Cuzco wartet in Aguas Calientes mit anderen Hundertschaften auf den Shuttlebus, der alle fünf Minuten zur berühmten Ruinenstadt durch den Dschungel pendelt. Erst zerstörten die Spanier die Inkakultur, heute wird sie vom Tourismus ruiniert. Oben im Tempel von Pachakutec kann man sich leicht wie in einem Ameisenhügel fühlen. Täglich kommen an die 2000-3000 Besucher. Die Unesco fordert eine Begrenzung auf 800 Tagesgäste. "Doch die Regionalregierung plant, die Zahl zu verdoppeln, in Tages- und Nachtschicht", sagt Rafael bitter. Erst am Abend, wenn der letzte Bus abgefahren ist, gewinnt der "alte Berg" der Inkas seine Magie und seine Würde zurück. (Beate Schümann, Rondo, DER STANDARD, 14.9.2012)

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