Verlangsamung als schnellster Weg zum Ziel

30. Juni 2003, 19:48
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Kopf des Tages: Inka Parei gewann mit beeindruckendem Romananfang Bachmannpreis

"Er hatte den Vorsatz gefasst, beim Sterben in den Himmel zu blicken." Bevor der alte Mann das Vorhaben, mit dem Inka Parei ihre preisgekrönte Lesung beim Klagenfurter Bachmannwettbewerb beschloss, umsetzen kann, wird voraussichtlich einige Zeit vergehen. Steht der Satz doch auf einer der ersten Seiten des Romans, als dessen Protagonisten man den Greis und sein Vorhaben des würdevollen Todes vermuten darf - und ist dieser Roman zudem mitnichten fertig. Gegen Ende des Jahres will Parei das Manuskript im Frankfurter Schöffling Verlag abliefern; und ein weiteres Dreivierteljahr soll vergehen, bis der Verlag das Buch wohllektoriert auf den Markt bringt.

Gut ein Jahr lang wird das interessierte Publikum also auf die Fortsetzung des viel versprechenden Romananfangs warten müssen - und kann sich unterdessen mit einem anderen Buch vertrösten: Pareis vor vier Jahren erschienenem Romandebüt "Die Schattenboxerin, das eine junge, nach einer Vergewaltigung vereinsamte Frau durch die Brachflächen des Berlin der Wendezeit begleitet.

In beiden Texten Pareis ist die hohe Konzentration spürbar, mit der die 1967 in Frankfurt am Main geborene Autorin sich auf ihre Figuren und die Schauplätze einlässt, an denen sie sich bewegen. So gibt es denn von Parei auch keine Texte in Anthologien zu lesen, auch keine lukrativen journalistischen Nebenprodukte ihrer künstlerischen Arbeit - und das, obwohl sie bereits 1997 beschloss, sich als freie Schriftstellerin zu versuchen. Der Erfolg ihrer Texte scheint ihr Recht zu geben. "Die Schattenboxerin" wurde in sechs Sprachen übersetzt, darunter zur Freude der studierten Sinologin auch in die chinesische; zehn Filmproduktionsfirmen bewarben sich um die Rechte; Schüler analysieren den Roman im Unterricht; die renommierte SWF-Bestenliste der Kritiker (Vorbild der neuen ORF-Bestenliste) platzierte das Buch auf Platz eins.

Wie ihre erste Protagonistin lebt übrigens auch Inka Parei - der Name ist eine Eindeutschung aus dem Französischen hugenottischer Vorfahren - seit 1987 in Berlin, wo sie neben der Sinologie Germanistik und Politologie studierte und sich heute als verheiratete Mutter eines elfjährigen Sohnes auf Lebensläufe konzentriert, deren Schicksal sich abseits aller Aufgeregtheiten der deutschen Verwertungsgesellschaft im Grau eines deregulierten Alltags zu verlieren scheinen.

Den alten Mann jedenfalls führt ein später Lebensweg in die entgegengesetzte Richtung, die Inka Parei einschlug: Die Erbschaft eines heruntergekommenen Eckhauses am Stadtrand von Frankfurt, das eine Gaststätte und eine Fleischhauerei beherbergt, bringt ihn dazu, Berlin zu verlassen. In einem Jahr werden wir seine Spur aufnehmen. (DER STANDARD, Printausgabe 01.07.2003)

Von Cornelia Niedermeier
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