Viel Feind und voll friedlich

30. Juni 2003, 21:59
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Empfehlung: "Die Kunst der Feindschaft" beim 6. Festival der Regionen

Das sechste Festival der Regionen in Oberösterreich fragt bis 6. Juli in wandernden und stationären Projekten nach der "Kunst der Feindschaft". Ein formidables Konzept mit überraschenden Blüten: Hinfahren!


Wolfsegg - Es war, als würde das Herz des Bergwerks in der Wolfsegger Kohlegrube noch einmal losschlagen, als die Lichtrhythmen des Elektronikmusikers Hons bei der freitägigen Eröffnung des Festivals der Regionen das Betongerippe des Kohlebrechers zum Zittern brachten. Wolfgang und Peter Weinhäupl haben das einst der Kohleverarbeitung dienende Bauskelett ersteigert und es dem Festival als heurigen Knotenpunkt dienstbar gemacht.

Dort gab nach der Bergknappenkapelle gleich die Volx- TheaterKarawane den Ton an: "Pühringer, du bist mein Führinger! / Führinger, du bist mein Temelín!" schallmeite die berühmt-berüchtigte mobile Einsatztruppe, um die Rede des Landeshauptmanns Josef Pühringer (VP) vorsätzlich zu stören. Die übertrieben auf den Plan gerufene Staatspolizei übernahm den Gegenpart. Letztlich stand, wie bei "Räuber und Gendarm" oft üblich, der eine wie der andere bloß Aug in Aug mit dem schönen Fichtenwald.

Dass die Verbalattacken im dezitierten Kontext einer Feindbildanalyse vom Stapel liefen, war scheinbar nicht von Belang. Zwei Einsatztruppen üben die "Kunst der Feindschaft" - das Thema des Festivals. Beide sehr amateurhaft. Spätestens beim Attwenger-Konzert löste sich alles in Wohlgefallen auf.

Die somit gestörte Rede des Landeshauptmannes blieb hingegen von der planmäßig dafür vorgesehenen Gruppe Hymnos zur Gänze verschont. Die Möchtegernflucher schickten immerhin im Anschluss zarte Fluchversuche ("Du Schuft!") in die wieder reine Luft. Vokalartistisch war damit die Kunst in der Feindschaft erneut ins Lot gerückt, bevor der ungarische Dichter György Dalos seinen Feind-Exkurs beitrug.

Wie gerufen kam daraufhin aus dem einsetzenden Halbdunkel der Nacht die Künstlerin Andrea Krenn geschritten. Krenn setzt Situationen gnadenloser Gegnerschaft in absurde Revolver-Bilder um: Mein Feind, der verstopfte Ausguss - auf ihn schieß' ich! Mein Feind am Schreibtisch, der Stapel ungelesener Bücher - den knall' ich ab!

Auf der Überlandpartie von Wolfsegg (im Übrigen jenes des Thomas Bernhard) nach Schwanenstadt - ein Meer von Kukuruz, die Felder im Kornhochstand - flimmert unter der sengenden Sonne am Horizont dann die Fata Morgana eines Traktorduells: Steyr gegen John Deere. An anderem Ort: Wie verhält sich die Bibel zum Koran? Der Bürgermeister zum Kriegerdenkmal, das Giebel- zum Flachdach oder noch einmal: die VolxTheaterKarawane zu Pühringer?


Die Gartenzwergfrage

Allesamt Untersuchungen, die diese sechste Ausgabe des oberösterreichischen Festival auf höchst umsichtige Art betreibt. 25 von insgesamt über 200 eingereichten Projekten verteilen sich derzeit über das Hausruckviertel. Die dezentrale Struktur garantiert dem Festival jene Konzentriertheit, die es von Fluchtpunkten in Zentren unterscheidet. In seltsam wirkungsvoller Art funktionieren die hier gezeigten Kunstprojekte als Reflexion und Fortführung der Realität mit scheinbar nur leicht abgeänderten Mitteln.

Manches Mal ist es allein die Gartenzwergfrage, die Feindschaften zum Erblühen bringt. Der insbesondere im ländlichen Raum hoch entwickelte Bautrieb zeitigt nämlich nicht immer einhellig bejubelte architektonische Werke. Deshalb: 4 frauen fahren fort, um zu trösten ("So a schiachs Haus") und zu vermitteln.

Die Architekturexkursion ins nahe Salzburg zu einem Einfamilienhaus am Wallersee geriet zu einer Kritik gesellschaftlicher Urteilskraft à la Bourdieu: Mit Gemeindevertretung, Bauherren und Interessierten wurde nach dem Besuch bei der um ihr Bauvorhaben betrogenen Familie "Kennen und Anerkennen" geübt. Im Verbund mit Natur-und Landschaftsschutz machten Bebauungspläne dieser Gegend den Wunsch zum Flachdach nämlich zunichte.

Genau das ist das Mark des Festivals: sich auf die Identität eines Ortes einzulassen, vorherrschenden Strukturen nachzugehen. So wie mit einer Schülertruppe der HAK Lambach im Oldtimerbus auf den Gedenkstein-Highway nach Stadl-Paura und Fischlham, wo eine von mehreren "versteinerten Feindschaften" verrät: "Zur mahnenden Erinnerung: Hier hat Adolf Hitler lesen und schreiben gelernt."

Die bei heimischen Wirten platzierten Speisekarten-Interventionen (zwischen Eiernockerln und Fisolengemüse der Aufruf: "Denk mal ans Denkmal!") sowie die selbst fabrizierten T-Shirts (vorne: "Ich will dich", hinten: "warnen") der Jugendlichen verteilten die Last der Erinnerung und machten sie mobil.


Rotzbremse, ade!

Schwanenstadt müsste nach der Heimsuchung durch die Schnurrbart-Gegner Juhann & Jod nun volkswirtschaftlich am Leistungshöchststand sein. Das Kabarettduo machte im vorgeblichen Interesse an einer hygienischen und also gesunden Gesellschaft gezielt Jagd auf Oberlippenbärte. Stellvertretend auch für die Liebhaber haarloser Gesichter.

Weiters unterwegs: eine vazierende Elektra; eine mit wahrhaftigen Kamelen nach Art des (feindlichen) fahrenden Volkes gen Linz ziehende Karawane des Vereins ohne Namen. Und nicht versäumen: "Fuck you!" - verlesene Variationen des Neinsagens von Thomas Edlinger und Fritz Ostermayer am 4. und 5. Juli im Schlachthof Wels. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2003)

Von
Margarete Affenzeller

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www.fdr.at
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