In der Sommerhitze der Winternacht

30. Juni 2003, 19:14
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Am Mittwoch um 17.30 wissen die Salzburger Olympiawerber, ob sie die Braut heimführen oder nicht - bis dahin schwitzen sie in Prag

Die Hitze in Prag ist überall, nur nicht in den gut abgeschotteten Hallen, wo morgen vom IOC die Entscheidung getroffen wird, welche der drei Bewerberstädte - Salzburg, Vancouver oder Pyeongchang - den Zuschlag für die Winterspiele 2010 erhält. Das Prager Hilton hält bis dahin die Abgeordneten und IOC-Mitglieder schön kühl, während in der Stadt Salzburger Wagen mit dem Stern und dem Kennzeichen "S-Olympia" herumflitzen. Von den Häusern wehen Fahnen mit dem Logo des südkoreanischen IOC-Topsponsors Samsung; im Foyer sitzt Kanadas ehemaliger Weltklasse-Abfahrer Steve Podborsky, eher bekannt für seine spektakulären Stürze als seine historischen Siege: "Wer zu früh jubelt, der stürzt im Zielhang."

Auch Unschlagbare verlieren

Rund 100 Mitarbeiter der Salzburger Bewerbung befinden sich derzeit in Prag und hoffen, dass die mehr als zweijährige Geschichte ein gutes Ende nehme. Am 25. März 2001 beschloss die Salzburger Landesregierung, die Bewerbung um die Winterspiele 2010 zu unterstützen. Am 9. Mai 2001 zog der Salzburger Gemeinderat nach. Nun liegt es in der Hand von 120 IOC-Mitgliedern. Favorit zu sein muss den Kanadiern aus Vancouver noch nichts nützen - vor vier Jahren ging der als unschlagbar geltende Bewerber Sion aus der Schweiz leer aus, Turin erhielt den Zuschlag.

Angeblich hatte sich der alte Giovanni Agnelli das von Juan Antonio Samaranch noch einmal gewünscht, und wer konnte dem "Patriarchen" schon jemals einen Wunsch abschlagen. Agnelli ist tot - die Italiener bewerben sich diesmal nicht. Die Hälfte der Wahlberechtigten kommt aus Afrika, Lateinamerika oder Asien, wo Winterspiele nicht gerade ein Thema sind, das den Schlaf raubt. "Alle drei Kandidaten könnten sehr gute Spiele organisieren - es wird keine Rangliste erstellt", steht schwarz auf weiß im IOC-Abschlussreport vom 21. März.

Beckenbauer kommt

Salzburg erwartet neben der heimischen Sportprominenz wie Franz Klammer, Toni Sailer, Annemarie Moser-Pröll und Hermann Maier auch einen ausländischen Helfer in Prag: Franz Beckenbauer soll am Dienstag eintreffen und Salzburgs Delegation die letzte innere Festigkeit und Strahlkraft verleihen. Beckenbauer hat immerhin für sein Land die Fußball-WM 2006 geholt; er wohnt in Kitzbühel, wo die olympischen alpinen Herrenrennen stattfinden sollen. Ob Deutschland freilich so glücklich ist mit Beckenbauers Initiative, steht auf einem anderen Blatt, denn Leipzig will die Sommerspiele 2012 haben. Und die Auguren rechnen eher nicht damit, dass im Abstand von nur zwei Jahren die Spiele in Mitteleuropa stattfinden werden.

Die deutschen IOC-Mitglieder Thomas Bach, Walther Tröger und Roland Baar dürfen am Mittwoch ja mitstimmen, obwohl die Rodelbewerbe im bayerischen Rodel-Mekka Königssee steigen sollen. Stimmen sie gegen Salzburg, erhöhen sie Leipzigs Chancen, aber sie schaden Königssee.

Verzettelt?

Vancouver hat die größten Entfernungen zwischen den Sportstätten, und doch wurde es für sein Motto - "Zwischen Meer und Himmel" - gestreichelt. Salzburg hat sich vielleicht mit Mozart, Maier und Sailer und der Unzahl an Sportstätten verzettelt. Vielleicht hilft die bayerische Rodellegende Schorsch Hackl, der Salzburg in Prag persönlich unterstützt. Pyeongchang könnte natürlich als Hoffnungsmarkt des IOC eingestuft und gewählt werden. Schließlich können die Alpen nicht ewig als einzige Wintersportregion herhalten. Die Frage ist: Kriegt es Österreichs Wintersport-Lobbykraft hin? (DER STANDARD PRINTAUSGABE 1.7. 2003)

Fritz Neumann aus Prag
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    montage: derstandard.at
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