Wifo-Chef warnt vor sinkendem BSP ab 2015

30. Juni 2003, 16:48
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Sollte höhere Pro-Kopf-Wertschöpfung Rückgang bei Erwerbspersonen nicht ausgleichen können

Bad Tatzmannsdorf - Vor einem Rückgang des Bruttosozialprodukts (BSP) in Österreich ab Mitte des kommenden Jahrzehnts warnte am Montag Wifo-Chef Helmut Kramer. Das BSP könnte etwa ab 2015 schrumpfen, sollte der Anstieg der Pro-Kopf-Wertschöpfung den zu erwartenden Rückgang der Zahl der Erwerbspersonen nicht ausreichend kompensieren können. Diese Gefahr werde bei den Pensionsreform-Diskussionen in allen Ländern übersehen, auch in Österreich. Die jüngste heimische Reform bezeichnete Kramer beim Pressekolloquium des Versicherungsverbandes als grundsätzlich richtig, "aber eigentlich nicht ausreichend".

Zwischen 2010 und 2030 werde die Zahl der Erwerbstätigen in Österreich um 600.000 oder um ein Fünftel sinken, eine geringe Zuwanderung von jährlich 10.000 Menschen bereits eingerechnet. Und sollte ab 2010 die Wertschöpfung pro Kopf nicht stärker ansteigen als bisher, könnte ab 2015 ein kritischer Zeitpunkt mit "Alarmstufe 1" eintreten, so Kramer.

Zu verhindern sei dies nur durch umfassende Strategien, die einerseits für ein überproportional steigendes Wachstum der Produktivität sorgen, aber auch auf eine höhere Erwerbsbeteiligung in der Zukunft abzielen: Dies hieße etwa länger arbeiten bis in höhere Altersstufen, kürzere Ausbildungszeiten und Anhebung der Frauenerwerbsquote.

"Jüngste Pensionsreform reicht nicht aus"

Die demographische Entwicklung werde sich auf Grund höherer Lebenserwartung und sinkender Beschäftigungsquoten im 2. und 3. Jahrzehnt dieses Jahrhunderts verschärfen, mit entsprechenden Effekten auf die Altersbelastungsquote. Die jüngst beschlossene Pensionsreform habe zwar eine andere Umverteilung zwischen den Generationen eingeleitet, es fehle jedoch noch ein Konzept für Innovationsförderungen.

Vor allem sollte massiv ins Bildungssystem investiert werden, "die Fähigkeiten der nachrückenden Generationen sind unser wichtigstes Kapital". Zu überlegen wäre dabei auch eine Art Regelschulsystem für 48- bis 52-jährige, um sie mit neuem Wissen bis 65 in Arbeit halten zu können. Dazu zählten aber auch Investitionen in "jüngere Länder" mit stärkerem Wachstum, etwa Türkei oder Indien, aus denen dann später Kapitalerträge zurückfließen würden.

Verlockungen der "grauen Wirtschaft"

Vor einer weiteren Erhöhung der Pensionsversicherungsbeiträge etwa an die 30 Prozent warnt der Wifo-Chef, da die junge Generation verstärkt in die "graue Wirtschaft" abwandern würde und auch der Anreiz, überhaupt zu arbeiten, sinken könnte: "Die müssen dann den Generationenvertrag gar nicht mehr formell kündigen."

Andererseits würden die künftigen Ruhestandsbezieher mit ungleich höheren Ansprüchen in Pension gehen. Sie seien wesentlich leistungsfähiger, gesünder und ambitiöser als frühere Rentnergenerationen und bei weitem nicht so sparsam und genügsam, "wie ich das von meiner Großmutter her kenne".

All dies spreche für eine verstärkte individuelle Privatvorsorge, so Kramer, wobei auf längere Sicht Aktien auf jeden Fall eine wesentliche Säule bei privat angesparten Renten darstellen würden. Auch hier müsse jedoch jeder einzelne die Notwendigkeit einer Risikostreuung beachten. (APA)

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