Statt verzichten - genießen!

30. Juni 2003, 13:25
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Warum sich exotische Anlageformen meist nicht lohnen

Vorsorgen heißt verzichten. Sich in der Gegenwart also das absparen, was sich für die Zukunft renditeträchtig vermehren soll. Denn nur so wird auch das achte Weltwunder Wirklichkeit - der Zinseszinseffekt: Über die Jahre vermehrt sich das Entbehrte dann ja nicht linear, sondern durch die wieder veranlagten Zinsen exponentiell. Ein mühsames Projekt, heißt es doch in der Gegenwart bereits gegen künftige Schrecken konsequent und diszipliniert anzukämpfen: Entbehrungen der Gegenwart gegen mögliche Sicherheiten in der Zukunft zu tauschen und trotzdem nie Aktionär in der Werde-reich-AG zu sein.

Wie tröstlich nimmt sich dagegen die Vorstellung aus, das Entbehrte in vollen Zügen zu konsumieren, alles Geld in den Konsum zwecks Vorsorge zu stecken. Und dabei noch den Kunstsinn und andere sinnliche Begierden zu stillen. Abgesehen vom kurzfristigen volkswirtschaftlichen Nutzen und der vorbildlichen Erfüllung oberster Bürgerpflicht in Zeiten der konjunkturellen Stagnation könnte sich dazu auch noch der Genuss gesellen, könnte der Augenblick verweilen, weil er so schön ist.

Beispielsweise in den berühmten Weinkellern der Franzosen, beispielsweise in den Häusern der Großen an der Rive Gauche. Oder vielleicht bei den Händlern der Wiener Werkstätten in der Wiener City: Punzen besehen, Powolnys sammeln, auf den Spuren der Peggy Guggenheim wandeln. In der Schmuckschatulle mit der Seele baumeln. Champagner beim Diamantenhändler - die bunten Kohlenstoffe sind derzeit recht in. Gut, auch Gold glänzt und erfrischt die arbeitsmüden Augen . . .

Niemand wird den emotionalen Mehrwert solcher Erwerbungen bestreiten. Geht es allerdings um die Vorsorge, dann gilt: Diamanten machen sich besser am Finger, denn Schmuck im Notfall zu veräußern ist ein schlechtes Geschäft. Bei Anlagediamanten gibt es für Private keinen Sekundärmarkt, auch nicht bei Gold.

Theoretisch steigen Kunstgegenstände kontinuierlich im Wert - das heißt aber, abgesehen von exquisiten Sammlungen, noch lange nicht, dass sich ein Wiederverkaufswert berechnen ließe. Selbst wenn der Chateau Mouton den erwarteten Preis erzielt - Vorsorge braucht kontinuierliche Renditen, und solche Varianten für das Schöne hat der Geldmarkt noch nicht erfunden. Wäre aber eine interessante Idee: ein Sekundärmarkt zwecks Verleasen des Schönen, auf dass der Besitzer vorgesorgt hätte . . .

Zurück in die banale Wirklichkeit: Das Wertpapier des kleinen Mannes, die Briefmarke, war lange sehr gefragt als Sammelobjekt zwecks Notgroschen und Vererbung. Böses Erwachen für die Kinder: Die blaue Mauritius war leider nicht dabei, der Opa war detailverliebt, die Sammlung ist aber wertlos. Dabei hatte der Opa ja noch seine staatliche Pension. Wir müssen uns also mit den langweiligeren, dafür aber sichereren und kontinuierlichen Renditebringern der privaten Vorsorge quälen. (DER STANDARD, Album, Printausgabe, 28./29. Juni 2003)

Von Karin Bauer

Die STANDARD- Redakteurin arbeitet zurzeit an einem Buch über Anlegerschutz in Österreich, das im Herbst im Linde Verlag erscheinen wird.

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