Wer kann, sorgt vor: Hohes Risiko inklusive

30. Juni 2003, 13:20
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Ein Drittel der Bevölkerung kann von Eigenvorsorge nur träumen. Der Staat subventioniert riskante Finanzprodukte. Umverteilung?

Bei den 18 bis 29-Jährigen ist der Vertrauensverlust in das staatliche Pensionssystem am größten: 85 Prozent der Bevölkerung in dieser Altersgruppe sagen in Umfragen, dass die Pensionen langfristig nicht finanzierbar sein werden; bei den 30- bis 49-Jährigen sind 79 Prozent dieser Meinung. Die Pensionsreform hat da kaum etwas geändert, die Diskussion darüber haben eher noch zusätzlich verunsichert.

Wer es sich irgendwie leisten kann, legt also etwas zur Seite. Die Konjunkturforscher wissen ein Lied davon zu singen. Die Inlandsnachfrage liegt nicht zuletzt deshalb am Boden, weil nicht konsumiert, sondern neuerdings angespart, angelegt, vorgesorgt werden muss. "Angstsparen", sagen die Ökonomen dazu.

Bausparverträge, fünf Millionen gibt es davon in Österreich, sind am beliebtesten. Dahinter rangieren das gute alte Sparbuch sowie die Lebensversicherung. Aktien, Anleihen und Investmentzertifikate sind weit abgeschlagen, doch stark im Kommen. Nicht zuletzt durch massive staatliche Hilfe. Die Lobby der Finanzwirtschaft hat gute Arbeit geleistet.

Während sich die einen fragen, wohin mit dem Geld, fragen sich die anderen, woher nehmen, wenn nicht stehlen. Banken schätzen, dass sich mindestens ein Drittel der Bevölkerung Eigenvorsorge nicht leisten kann. Manche Experten sagen, der Anteil liegt bei bis zu 50 Prozent, vor allem bei Frauen. 49 Prozent aller erwerbstätigen Frauen verdienen brutto unter 1500 Euro im Monat.

Österreichs breiter Mittelstand samt den wirklich Betuchten zahlte hingegen allein im Vorjahr 5,7 Milliarden Euro an Prämien für Lebensversicherungen ein. Und jedes Jahr kommen neue Vorsorgeprodukte auf den Markt. Das Angebot schafft sich seine Nachfrage, notfalls mithilfe der Politik.

Die heuer von der Bundesregierung ins Leben gerufene "Zukunftsvorsorge" lockt mit einer Prämienförderung von 9,5 Prozent bis zu einer maximalen Einzahlung von 1851 Euro im Jahr, einer Kapitalgarantie, die vor Verlusten schützt, sowie der steuerfreien Auszahlung als monatliche Rente in der Pension. 40 Prozent aller auf diese Weise zusammenkommenden Kundengelder müssen die Produktanbieter - Banken und Versicherungen - in Aktien der Wiener Börse investieren.

Bis zu 176 Euro legt der ansonsten so Not leidende Finanzminister also pro privaten Zukunftsvorsorgevertrag an öffentlicher Förderung drauf. 60.000 Verträge konnten seit Jahresanfang bereits verkauft werden, 140.000 sollen es bis Jahresende sein, sagt die Finanzbranche. Das macht einen staatlichen Zuschussbedarf von bis zu 24,6 Millionen Euro - im ersten Jahr.

Mittel- bis langfristig, sagen die Fachleute voraus, könnte das boomende Produkt Vertragszahlen in der Dimension des Bausparens erreichen. Die grobe Überschlagsrechnung für den vorhergesagten Endausbau der Zukunftsvorsorge: Bis zu 880 Millionen Euro, das entspricht einer halben Steuerreform, müssten also Jahr für Jahr aus dem Bundeshaushalt abgezweigt werden, um die Prämienförderung aufrechtzuerhalten. Wer hier die Umverteilungspolitik von unten nach oben übersieht, muss auf mehr als einem Auge blind sein.

Im Endeffekt darf der privat Vorsorgende, nachdem sein Vertrauen in die staatliche Vorsorge so zerrüttet ist, nun in zweifacher Hinsicht an die Eigenvorsorge glauben: Dass es auf den Aktienmärkten, die jetzt drei Jahre lang nur eine Richtung kannten, irgendwann wieder nach oben geht und, dass der Staat nicht schon beim nächsten Sparpaket auf die Idee kommt, sich die großzügigen Prämienförderungen eigentlich gar nicht leisten zu können.

Wohin die Reise geht, wird in anderen Ländern längst vorexerziert. Während in Österreich noch 90 Prozent aller Renten aus der 1. Säule kommen, entfallen in Deutschland noch 80 Prozent, in Großbritannien nur noch 65 Prozent oder in der Schweiz gar nur mehr 47 Prozent auf das staatliche Umlageverfahren. In Irland wird bereits ein gleich hoher Betrag vom gesamten volkswirtschaftlichen Pensionsaufwand für die 1. (staatliche) Säule, wie für die 2. (betriebliche) und 3. (private) Pensionssäule aufgewendet.

Zum großen Ärgernis des Finanzministers hat die ansonsten überaus diplomatische Nationalbank in ihrem letzten "Finanzmarktstabilitätsbericht" klar auf die Veranlagungsrisiken in der Zukunftsvorsorge hingewiesen. Die Kritik schade dem so wichtigen Vorsorgegedanken, lautete die prompte Antwort. (DER STANDARD, Album, Printausgabe, 28./29. Juni 2003)

Von Michael Bachner
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