Frauen sind stärker von Armut bedroht

30. Juni 2003, 12:51
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Michaela Moser, Vertreterin der Armutskonferenz im European Antipoverty Network im dieStandard.at-Interview

dieStandard.at Sind Frauen anders und stärker von Armut bedroht?

Michaela Moser Wenn man rein von den Zahlen und Statistiken ausgeht und sich somit die sogenannte Einkommensarmut anschaut, sind Frauen eindeutig stärker betroffen. Obwohl man sagen muss, dass relativ wenig detaillierte Zahlen vorhanden sind und normalerweise ja in Haushalten gerechnet wird.

dieStandard.at Inwieweit verfälscht dieser Zugang die reale Situation?

Michaela Moser Armut hat auch sehr viel mit Ausgrenzung zu tun, was ja nicht mit Zahlen fassbar gemacht werden kann. Außerdem produziert das Sozialsystem wieder Armut in sich, da es ja auf das männliche Ernährersystem ausgerichtet ist. Das stimmt ja nur mehr in Ausnahmefällen und ist für die meisten weiblichen Lebenssituationen nicht mehr passend.

dieStandard.at Sind da bereits andere Zahlen in Arbeit?

Michaela Moser Ja, Salzburg hat einen Frauenarmutsbericht gemacht und Vorarlberg will auch einen machen. Es geht aber auch darum, mehr qualitative Zahlen zu finden, was zum Beispiel den Zugang zu Kultur, Ausbildung und demokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten betrifft.

Vor allem am neuen Pensionsmodell kann man das ganz gut sehen. Wenn du nie Erwerbsarbeit geleistet hast, kriegst du so gut wie gar nichts mehr. Das einzige, das sich hier von diesem Zugang unterscheidet, ist das Kinderbetreuungsgeld, das aber in anderen Punkten problematisch und nicht einmal existenzsichernd ist.

dieStandard.at Welche Alternativen siehst du als Person zu diesem Modell?

Michaela Moser Ich persönlich bin für ein bedingungsloses Grundeinkommen, gekoppelt mit einer Arbeitszeitverkürzung. Alles darüber Geleistete sollte extrem besteuert werden, wovon dann wieder das Grundeinkommen finanziert werden könnte.

Das momentane Modell lässt den Frauen nur zwei Möglichkeiten der sozialen Sicherheit: entweder sie gehen selber arbeiten oder sie bekommen ihre Absicherung über einen Mann. Aber auch "normale" Männerkarrieren gibt es nicht mehr. Auch sie müssen mit Unterbrechungen rechnen, da gilt es sich etwas zu überlegen.

dieStandard.at Wie siehst du da die Rolle der Armutskonferenz?

Michaela Moser Unsere Aufgabe ist es, das Thema im Gespräch zu halten, und da kann man in den letzten Jahren auch eine totale Wendung feststellen. Armut wird im Kopf einfach schon hingenommen. Früher hat man wenígstens gemeint, dass es schlimm ist, dass es Armut gibt - theoretisch.

Ebenso machen wir Monitoring der Sozialpolitik, wo es Armut gibt und wo zu wenig passiert und versuchen Alternativen aufzuzeigen. Wichtig ist uns auch das Lobbying für Gruppen, die keine Lobbies haben. Da passiert aber auch viel Ausgrenzung und Stigmatisierung, das hat leider in Österreich keine Tradition.

(e_mu)

Michaela Moser ortet in der schlechten Zahlenlage ein großes Manko in der Erforschung von Frauenarmut.

Das Interview führte Elke Murlasits.
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