Transgene Schweine im Menschenpark

29. Juni 2003, 19:45
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Bestsellerautorin Margaret Atwood entwirft in ihrem neuen Roman "Oryx und Crake" ein Zukunftsszenario, in dem Gentechnologien Unheil bringen

... Intercell-Biotechnologe Alexander von Gabain gibt Entwarnung.

Der Mensch der Zukunft hat grüne Augen und trägt keinen Bart. Er ist hübsch anzuschauen und ein bisschen dämlich. Auch seine Lebenserwartung ist beschränkt: An seinem dreißigsten Geburtstag fällt er tot um - die Altersvorsorge kann er sich also sparen.

Craker heißen die Wesen, die ein genialer Genetiker in Margaret Atwoods neuestem Roman "Oryx und Crake" (Berlin Verlag) nach seinem eigenen Geschmack in die Welt gesetzt hat. Harmlose Kreaturen - im Unterschied zum tödlichen Virus, den der Genetiker ebenfalls kreierte und der bis auf wenige Ausnahmen die Menschheit dahinrafft.

Es ist - bei aller Ironie und bei all den witzigen Seitenhieben, mit denen Atwood ihren Roman in der Nachfolge von Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" spickt - ein beklemmendes Szenario, das die kanadische Bestsellerautorin entwirft: Die neuen Technologien sind außer Rand und Band geraten. Vor allem die Biotechnologien definieren völlig neu, was Leben ist bzw. zu Leben werden kann.

Ein beklemmendes Szenario auch für jemanden wie Alexander von Gabain, Vorstandsvorsitzenden beim Wiener Biotech-Unternehmen Intercell. Wenngleich aus ganz anderen Gründen: "Man sollte die Möglichkeiten, die die Gentechnik heute eröffnet, nicht dämonisieren. Dumpfe Ängste zerstören mehr, als sie ermöglichen."

Gerade im Kampf gegen Infektionskrankheiten und bösartige Tumore haben die neuen Möglichkeiten zu großen Erfolgen geführt: "Viele der derzeitigen Impfstoffe, ich denke etwa an den Hepatitis-B-Impfstoff, wären ohne den Einsatz von Gentechnologien nicht möglich gewesen. Es wäre nicht einmal möglich, Bakterien und Viren auf ihre Bestandteile zu analysieren und zu schauen, was die Struktur sein könnte, mit der ich das Immunsystem erziehen muss."

Die Visionen des Menschenparks der Zukunft, wie sie etwa im deutschsprachigen Raum der Philosoph Peter Sloterdijk formulierte (und damit eine veritable Diskussion auslöste), schlagen gerade im Fall neuer Anwendungen im Bereich der Biotechnologien schnell in Hysterie um. Der Umgang mit Sars hat gerade erst gezeigt, wie sensibel die Öffentlichkeit auf neue Gefahren reagiert. Zu sensibel, wie nicht wenige aus der Forschergemeinschaft meinen. Andere dagegen halten Ethikdiskussionen für unabdingbar: "Mit Gentechnik, Nanotechnologie und Robotik öffnen wir eine neue Büchse der Pandora, aber offenbar ist uns das kaum bewusst", schrieb der Chefwissenschafter von Sun Microsystems, Bill Joy, in einem beachteten Artikel in Wired.

Margaret Atwood betont, dass sie in ihrem Roman "nichts erfunden habe, was wir nicht bereits erfunden haben oder dabei sind, es zu erfinden." Und plädiert ebenfalls für einen breiteren Bewusstmachungsprozess.

Dagegen hat auch Alexander von Gabain nichts: Nur sollte man die Kirche im Dorf lassen: "Im Impfstoffsektor sehe ich überhaupt keine Gefahren. Die Gefahren der Gentechnik liegen im Bereich der Gentherapie. Da muss man vorsichtig sein. Andererseits muss man vielleicht Leute einmal durch eine Krebsstation führen, damit sie ermessen, wie vielen Leuten einmal geholfen werden könnte."

Gabain nennt es eine "Vermittelalterisierung" unserer Gesellschaft, wie diese mit Ängsten in Bezug auf neue Technologien umgeht, einen Rückfall in voraufklärerische Zeiten. Das beste Beispiel könne etwa derzeit in der Genmaisdebatte beobachtet werden: "Wenn alle wissenschaftlichen Untersuchungen besagen, dass Genmais keine Gefahr darstellt, dann muss man das akzeptieren. Der existierende Mais ist ja bereits genmodifiziert. Er ist ein Züchtungsprodukt der Indianer."

In Atwoods Roman sind ganz andere Dinge bereits Wirklichkeit geworden: Transgene Schweine dienen in "Oryx und Crake" als Wirte für Organe aus menschlichem Gewebe. Fünf bis sechs Nieren können Organschweine gleichzeitig erzeugen. Und in Zukunft vielleicht noch mehr. (Stephan Hilpold/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.6. 2003)

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