Inflationsminus wird Stimmung in der Eurozone heben

29. Juni 2003, 19:42
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Klaus Liebscher, Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank, ist für die fernere Zukunft optimistisch und glaubt an eine Inflationsrate "deutlich unter zwei Prozent" im Euroland

Wien - Die Europäische Zentralbank (EZB) beabsichtigt vorläufig keine Änderung des derzeitigen Zinsniveaus und will abwarten, ob eine Lockerung der Geldpolitik bei einer rückläufigen Inflation nötig ist, sagte nun Klaus Liebscher, Ratsmitglied der EZB in einem Interview.

Außerdem zeigte er sich von den Aussichten für die Inflation für die nächsten zwölf Monate "sehr beeindruckt". Die Inflationsrate werde unter die Marke von zwei Prozent fallen, meint er. Die daraus folgende höhere Inlandsnachfrage werde die wirtschaftliche Erholung in der Eurozone unterstützen, sagte Liebscher. "Man kann für die nähere und ferne Zukunft vorsichtig optimistisch sein", meint er deshalb.

Talsohle offenbar durchschritten

Die Talsohle sei offenbar durchschritten. Eine Rückkehr zum Trendwachstum sei erst Ende 2004 und dann 2005 zu erwarten, sagte Liebscher. Die EZB definiert als Trendwachstum zwischen 2,0 und 2,5 Prozent Wirtschaftswachstum. Gefragt, ob die Geldpolitik angemessen bleibe, wenn die Inflationsrate in der Eurozone in Richtung ein Prozent falle, sagte Liebscher: "Wir werden sehen, ob das passiert. Aber wir erwarten die Inflation deutlich unter zwei Prozent."

Liebscher sagte, dass der Zinsunterschied zwischen den den USA und der Eurozone von einem Prozentpunkt der EZB den nötigen Spielraum gebe, falls dies nötig sei.

Mit Lockerung warten

In den vergangenen Wochen hatten EZB-Mitglieder den Enthusiasmus des Marktes hinsichtlich eines Zinsschrittes im September immer wieder gedämpft. Es sei noch zu früh, nach der gerade erfolgten Leitzinskürzung auf ein historisches Tief von zwei Prozent eine Lockerung der Geldpolitik zu diskutieren, war der Tenor.

Liebschers Aussagen - einen Tag nach dem quartalsmäßigen Treffen des EZB-Rates in Frankfurt - waren dahingehend expliziter, als dass er betonte, die EZB wolle mit einer Lockerung der Geldpolitik zuwarten, bis sie wirklich nötig sei. Marktteilnehmer sind nach der jüngsten Zinssenkung der US-Fed um 25 Basispunkte wieder mehr im Zweifel über einen möglichen Zinsschritt der EZB. Liebscher wollte dies nicht ausschließen. Er zeigte sich zunehmend optimistisch in Anbetracht der zu erwartenden Entwicklung der Wirtschaft und der Inflation in der Eurozone. So beginne sich die Industrieproduktion langsam zu erholen, die Wachstumserwartungen für die kommenden zwölf Monate seien positiver und auf den Aktienmärkten sei eine Stabilisierung oder gar ein Aufwärtstrend sowohl in Europa wie auch in den USA eingetreten. (Stella Dawson, Marcus Kabel, Reuters, Der Standard, Printausgabe, 30.06.2003)

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    Nationalbankgouverneur Klaus Liebscher

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