Ohne Kamera kein Krieg
Ein Symposion zu Krieg und Kino in der KunsthalleWien

23. Juli 2004, 10:46
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Wien - Dass Filmbilder die TV-Berichterstattung von realen Kriegen beziehungsweise mindestens deren Rezeption prägen, ist schon fast ein Allgemeinplatz. Mitunter generiert diese Sichtweise das Paradox einer angenommenen Vorwegnahme (die etwa rund um das 9/11-Szenario diskutiert wurde). Weiters unterstellt sie auch gerne eine gewisse Linearität, eine Art von Selffullfilling Prophecy, einen übergeordneten fiktiven Plan, der sich - in fataler Weise - fortlaufend aktualisiert.

Im Rahmen der Ausstellung Attack! - Kunst und Krieg in den Zeiten der Medien in der Kunsthalle beschäftigte sich ein Symposion der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte, konzipiert vom Historiker Siegfried Mattl und dem Filmwissenschafter Drehli Robnik, unter dem Titel Kamera-Kriege. Moderne Kriegsführung und filmische Gedächtnispolitik nunmehr drei Tage lang mit der Beziehung von Krieg und Kino.

Nicht zuletzt in Anbetracht der Tatsache, dass das Kriegsfilmgenre in den vergangenen Jahren eine überraschend breitenwirksame Renaissance erlebte, eine relevante Thematik: Drei von sieben Vortragenden aus Wien, Berlin und Amsterdam setzten sich denn auch mit dem Hollywood-Kino als global agierender Bilderfabrik auseinander.

Weitere Beiträge befassten sich mit den - ebenfalls boomenden - deutschen TV-Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg, mit dem "Reflexivwerden" der TV-Bilder vom jüngsten Irakkrieg sowie mit Dokumentarfilmen über die Zerfallskriege im ehemaligen Jugoslawien.

Dabei rückte unter anderem die Nachträglichkeit des Kinos, dessen rückwirkende Aneignung historischer Ereignisse aus der jeweiligen Perspektive der Entstehungszeit konkreter Filme in den Vordergrund. Und damit Tatsachen wie jene, dass sich etwa in Bezug auf die jüngste Welle US-amerikanischer Spielfilme zum Zweiten Weltkrieg - mit Steven Spielbergs Saving Private Ryan als Schlüsselwerk - (Be-)Deutungsverschiebungen erkennen lassen. Diese scheinen der Legitimierung gegenwärtiger Kriegseinsätze - Stichwort: Rettungsmission - geschuldet. Und bieten sich deshalb unter anderem als Vorlage für die Berichterstattung über aktuelle Ereignisse an - siehe das Newsweek-Cover "Saving Private Lynch".

Verwirrungstaktik

Die Konfusion, in der sich die Helden von Black Hawk Down und Co im zeitgenössischen US-Kriegsfilm erst orientieren und definieren müssen, während sie sich bereits unter Beschuss befinden, war bereits im Diskurs über den Vietnamkrieg ein zentraler Begriff - wie Jan Distelmeyer ausführte, der in Ikonografie und Inszenierungsstrategien von 80er-Jahre-Vietnamkriegsfilmen ein filmisches Bezugssystem aktueller Produktionen ortete.

Während der Krieg real noch im Gange ist, bleiben die Filmkameras hingegen mitunter auf andere Szenarien gerichtet: Das Gros der NS-Filmproduktion zu Kriegszeiten etwa bestand aus Unterhaltungsfilmen. Der Filmhistoriker Malte Hagener untersuchte solche "Heimatfrontfilme" auf ihre implizite Einbeziehung nationalsozialistischer Medienstrategien. Propaganda taucht darin beispielsweise eher indirekt über deren Medien wie das Radio auf.

Umgekehrt meint ein Mann vor der Kamera in Nikolaus Geyrhalters Das Jahr nach Dayton, es wäre ihm am liebsten, wenn es diese Kamera nicht gäbe. Das würde dann nämlich heißen, dass der Krieg, als dessen Opfer er nun für einen Dokumentarfilm Rede und Antwort steht, gar nicht stattgefunden hätte.
(DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2003)

Von Isabella Reicher

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KunsthalleWien
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