Olympia: "Affäre" um IOC-Chefprüfer

29. Juni 2003, 14:40
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Norweger Heiberg wird Parteinahme für Vancouver aus geschäftlichen Gründen vorgeworfen

Prag - Drei Tage vor der Vergabe der Winterspiele 2010 durch die Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Prag gibt es Turbulenzen um Gerhard Heiberg. Dem Norweger, der als Vorsitzender der IOC-Evaluierungskommission eine wichtige Rolle im Dreikampf zwischen Vancouver, Salzburg und PyeongChang spielt, wird im Finale der bisher sauber geführten Wahlkampagne Parteinahme für Vancouver aus geschäftlichen Gründen vorgeworfen.

100-prozentig reines Gewissen

Heiberg hat die Vorwürfe der Interessenskollision unmittelbar nach seiner Ankunft in Prag zurückgewiesen: "Ich habe nicht ein 99-prozentig reines Gewissen, sondern ein 100-prozentiges." Vor der Vergabe der Winterspiele am Mittwoch und der Wahl zur IOC-Exekutive am Freitag rechne er "mit noch mehr Gerüchten". Dann werde er vor der Vollversammlung "das Thema ansprechen". Zuvor nahm er jedoch Vancouvers Konkurrenten in Schutz. Er wisse, dass die Vorwürfe nicht aus Salzburg oder PyeongChang kommen, sondern aus Kanada.

In einem siebenseitigen Papier der "No-Games-Coalition" in Vancouver werden 16 Positionen aufgelistet, die Heiberg in den 90er Jahren zu einem der einflussreichsten Wirtschaftsmanager Norwegens aufsteigen ließen. Der 64-Jährige war unter anderem Bankenchef, Vorsitzender der norwegischen Wirtschaftskammer und Vorstands- und Aufsichtsratschef des Unternehmens Aker (bis 1996).

Im Interesse des Konzerns?

Der konkrete Vorwurf lautet: Heiberg habe vor einem Jahr bei der Fusion von Aker mit dem Konzern Kvaern zu einem weltweit tätigen Öl-, Chemie- und Schiffsbau-Multi durch die Nominierung des Aufsichtsrats entscheidend mitgewirkt; Aker Kvaern betreibe in Kanada zwölf Geschäftsfelder, allein vier davon in Vancouver. "Welchen Hut hat Mr. Heiberg aufgehabt", als er im vergangenen März die Stadt auf seine olympische Eignung überprüfte, heißt es in dem Schreiben.

Heiberg sagt: "Ich habe viel Geld verdient, aber in diesem Nominierungskomitee (zur Bildung des Aufsichtsrats von Aker Kvaern) Null." Deswegen, und weil "dieses Unternehmen in Südkorea mehr Geschäfte macht als in Vancouver und weil ich von 1966 bis 1972 in Salzburg gelebt habe", sei es ihm nicht in den Sinn gekommen, sich für befangen zu erklären.

Komission nicht verständigt

Das sehen manche IOC-Mitglieder anders, auch wenn Heibergs deutscher Kollege Thomas Bach sagt: "Gerhard Heiberg ist ein integrer Mann." In Folge des Korruptionsskandals um den Olympia-Bewerber Salt Lake City wurde ein verschärfter Ehrenkodex eingeführt. Er schreibt den IOC-Mitgliedern vor, jede berufliche Tätigkeit, die mit der Funktion im IOC kollidieren könnte, der neu geschaffenen Ethik-Kommission zu melden. Das hat Heiberg nicht für notwendig gehalten.

Heiberg war 1994 in Lillehammer Cheforganisator der Winterspiele. Wenig später wurde er mit der Aufnahme in das IOC belohnt. Dort zählt er zu den Reformern. Mit seinen Forderungen nach mehr olympischer Demokratie und Transparenz liegt er ganz auf der Linie von IOC-Präsident Jacques Rogge, der ihn auch zum Vorsitzenden der Marketing-Kommission befördert hat.

Wahl des Vizepräsidenten

Bei der Wahl zum Vizepräsidenten trifft der Norweger auf den Südkoreaner Un Yong Kim, der das "alte" IOC verkörpert. Kim erhielt im Zusammenhang mit dem Skandal um Salt Lake City wegen der Protektion seinen Sohnes John, der kürzlich auf Intervention der USA in Bulgarien festgenommen wurde und dort in Haft ist, eine "ernste Verwarnung". Vor zwei Jahren unterlag der 71-Jährige in Moskau Rogge bei der Präsidentenwahl. Heiberg sagt auf die Frage, ob er Unterschiede im Ränkespiel von Wirtschaft und Politik sowie IOC sehen würde: "Ich dachte zuerst ja, jetzt denke ich das nicht mehr." (APA/dpa)

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