Musikrundschau zwischen infernalisch und Zierrat

  • "The Seer"
    foto: young god records

    "The Seer"

Neue Alben von Swans, Dead Can Dance und den Pet Shop Boys

SWANS The Seer (Young God Records)
Über Michael Gira und seine vor einigen Jahren reformierten Noiserock-, Verlangsamungs- und Hau-drauf-Wiederholungstäter Swans aus den frühen 1980er-Jahren wurde und wird an dieser Stelle regelmäßig berichtet - heuer etwa schon über das formidable Tourdokument "We Rose From Your Bed With The Sun In Our Head". Mit dem neuen, zweistündigen Studioalbum "The Seer", teilweise über halbstündigen Kompositionen und Gastmusikern von befreundeten Bands wie Karen O von den Yeah Yeah Yeahs, Al und Mimi von Low, Leuten der Akron/Family, Expartnerin Jarboe oder dem australischen Hansdampf zwischen Elektronik, Noise und Neoklassik, Ben Frost, ist so ein wuchtiges, monolithisches, gewaltiges, pastorales, infernalisches Großwerk entstanden, das zu den besten Arbeiten in Giras Karriere zählt. An der Schnittstelle von andächtigem Folkgeschrumme und häuserblockverschiebenden Einakkord-Exerzitien an den E-Gitarren grummelt Gira über die wesentlichen Befindlichkeiten des Menschen auf diesem Planeten. Colonel Kurtz lässt grüßen.

DEAD CAN DANCE Anastasis (Pias)
Brendan Perry und Lisa Gerrard stammen aus Australien, kommen vom keltischen Folk und gründeten ihre Band 1981, um bald darauf zu Hausheiligen der Gruftieszene aufzusteigen. Folk, ethno-touristische Einflüsse aus dem arabischen Raum, Nordafrika, Fernost wurden mit neuklassischen Elementen und dem lautmalerisch in den Nebeln Irlands irrlichternden Gesang Gerrards kombiniert. Wem die ungleich weltbekanntere Seelenverwandte Ennya diesbezüglich zu kommerziell ist, der ist mit diesem nach längerer, über 15-jähriger Studiopause entstandenen Comeback bestens versorgt.

PET SHOP BOYS Elysium (EMI)
Eigentlich hat man sich längst damit abgefunden, dass eine der intelligentesten Pop-Formationen aus den 1980er-Jahren seit auch schon wieder fast 20 Jahren, also seit dem letzten großen Album "Very" von 1993, nur noch gediegen arrangierten Zierrat produziert. Dieser dient zur Beschallung von Designerhütten, Midlife-Crisis-Boutiquen und gefällt Menschen, die beim Musikhören Besseres zu tun haben, als Musik zu hören. Dazu verbreiten die Pet Shop Boys aktuell auf diesem in Los Angeles aufgenommenen Album gepflegten Weltschmerz für die Zielgruppe Wechseljahre, Verlangsamung des Stoffwechsels, letztmaliger Wunsch, sich beruflich dringend verändern oder sich jetzt endlich scheiden lassen zu wollen. Das geht schon in Ordnung. Ein bisschen aber hat man den Verdacht, dass sich Neil Tennant und Chris Lowe doch mehr auf ihre wohlverdiente Frührente als auf ihr Lebensende freuen. Das Bedürfnis, trotz aller kommenden Alterswehwehchen noch ein wenig hier zu bleiben, kann man ja niemandem absprechen. Back for good. Gekommen, um zu langweilen. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 14.9.2012)

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