Wenn ein Kumpel zum Boss mutiert

Kopf des Tages |

Die meisten Franzosen kennen den neuen Chef der sozialistischen Partei und schätzen ihn

Harlem Désir (52) ist ein guter Kumpel - ein "pote", wie man auf Französisch sagt. Die meisten Franzosen kennen und schätzen ihn. Allerdings nicht aus der jüngsten Zeit, sondern aus den fernen 1980er-Jahren. Damals gründete der Philosophiestudent die Organisation SOS Racisme, seither Modell von Anti-Rassismus-Initiativen in vielen Industriestaaten.

Désirs Vater stammte aus dem französischen Übersee-Departement La Martinique, einer früheren Sklavenkolonie; seine Mutter ist Elsässerin jüdischer Abstammung. Grund genug, als direkt Betroffener gegen jede Form von Rassismus und Diskriminierung anzutreten.

1982 trat Désir in den Parti Socialiste (PS) ein. Wie es heißt, fiel er bald dem damaligen Staatspräsidenten François Mitterrand auf, der nach seiner Wahl 1981 Mittel suchte, Kontakte mit der engagierten Jugend Frankreichs herzustellen.

Rühr meinen Kumpel nicht an

Désir zeigte sich der Aufgabe gewachsen. Während heutzutage Vorsitzende von SOS Racisme selten bleibende Spuren hinterlassen, bleibt Désirs Name in Frankreich verbunden mit der Organisation, die eine schützend und warnend erhobene gelbe Hand zum Emblem hat. Auf ihrer Innenfläche steht "Touche pas à mon pote!" - Rühr meinen Kumpel nicht an!

Désir gab den Stab weiter, als die Organisation auf dem Gipfel ihrer Popularität stand. Die große Frage für ihn war: Was macht man nach einem solchen Erfolg abseits der Institutionen? Désir wählte den Gang durch dieselben - das heißt: die Politik. 1994 kam der zuvor Geschiedene in den 200-köpfigen Parteirat des PS, drei Jahre später in die Parteileitung. 1999 wurde der Vater von zwei Kindern als sozialistischer Vertreter der Region Paris ins Europaparlament gewählt.

Konsenspolitiker

Dort mauserte sich Désir zu einem Konsenspolitiker mit technokratischem Touch und geschliffener Zunge. In seiner Partei zählt er zu den EU-Befürwortern.

Seine Kritiker verweisen auf eine Gerichtsverurteilung im Jahre 1998: Wegen eines Scheinjobs in einem Verein in Lille, für den er bezahlt wurde, obwohl er ihn nie ausübte, erhielt Désir achtzehn Monate Haft auf Bewährung sowie eine Geldstrafe von umgerechnet 4500 Euro. Dieser Fleck auf der sonst blütenweißen biografischen Weste war kein Problem, solange Désir keine höchsten Ämter ausübte. Für den Parteivorsitz mag dieses Kapitel zwar noch knapp durchgehen - aber jedenfalls weniger für eine Präsidentschaftskandidatur. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 13.9.2012)

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