"Initiativen Behinderter werden nicht automatisch vom Staat finanziert"

Julia Schilly, 21. September 2012, 05:30
  • Behindertenarbeit.at ist eine Plattform, die Jobs im Behinderten- und Sozialbereich vermittelt.
    foto: behindertenarbeit.at

    Behindertenarbeit.at ist eine Plattform, die Jobs im Behinderten- und Sozialbereich vermittelt.

  • Betrieben wird sie von Thomas Stix, gemeinsam mit Isabell Supanic und Anna Maria Hosenseidl.
    foto: behindertenarbeit.at

    Betrieben wird sie von Thomas Stix, gemeinsam mit Isabell Supanic und Anna Maria Hosenseidl.

Gleichberechtigte Beteiligung am Arbeitsmarkt fordert das Unternehmen behindertenarbeit.at

Manchmal werde Thomas Stix mit dem Vorwurf konfrontiert, dass seine Forderungen hinsichtlich Behindertenpolitik zu radikal oder zu unrealistisch seien. Dabei habe er selbst schon erfahren, dass vieles Realität werden kann, was eine große Mehrheit als unrealistisch betrachtet. Seit seiner Geburt lebt er mit einer fortschreitenden Muskelerkrankung, ihm wurde von Ärzten eine Lebenserwartung von sechs Jahren prognostiziert.

Heute ist er Unternehmer und führt im Büro in der Apostelgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk mit zwei Mitarbeiterinnen die erfolgreiche Internetseite behindertenarbeit.at, das Portal der Behinderten- und Sozialarbeit in Österreich.

Zu finden sind darauf Stellenangebote, Termine und Fortbildungstipps. Die Internetseite wurde vor zwölf Jahren vom Berufsverband der BehindertenbetreuerInnen ins Leben gerufen. Bis ins Jahr 2010 wurde die Seite von Ehrenamtlichen  betrieben. Der Arbeitsaufwand wurde jedoch nach ein paar Jahren zu hoch. Daher wurde die Leitung an Thomas Stix übertragen. Ein Jahr später ging die Plattform mit neuem Design und Konzept online.

Positives Feedback von Sozialbetrieben

Die Jobangebote richten sich an Arbeitssuchende oder potentielle BewerberInnen, die im Behinderten- oder Sozialbereich arbeiten wollen. Aus den Sozialbetrieben, die dadurch ihr Personal finden, kommen positive Rückmeldungen. Die Internetseite locke schon das Klientel an, das auf diesen Bereich spezialisiert ist. Das ist gerade für Unternehmen mit vakanten Führungspositionen spannend.

Ein Punkt ärgert den Geschäftsführer besonders, daher räumt er ihn gleich zu Beginn aus: "Wenn Behinderte etwas initiieren, nehmen die Leute automatisch an, es werde vom Staat bezahlt. Das ist nicht so. Das ist ein angemeldetes Einzelunternehmen." Die Firma finanziere sich über die Jobbörse.

Behinderte Menschen über ihre Rechte informieren

Auf behindertenarbeit.at werden zwar Jobs im Behinderten- und Sozialbereich vermittelt, selbst von Behinderungen betroffene Menschen finden jedoch ebenso nützliche Informationen. Denn der zweite Schwerpunkt hinsichtlich der Finanzierung ist die Fortbildungsschiene mit Vorträgen und Workshops. Ein Großteil der behinderten Menschen wisse gar nicht über seine Rechte Bescheid, sagt Stix.

Behinderten.at-Mitarbeiterin Isabell Supanic referiert zum Beispiel über die UN-Konventionen über die Rechte von behinderten Menschen. "Die deutschsprachige Übersetzung wurde weitgehend ohne Beteiligung von Betroffenen gemacht", kritisiert sie. Dadurch kam es zu zahlreichen Fehlern und Versäumnissen. "Inclusion" wurde zum Beispiel als "Integration" übersetzt.

Gleichberechtigte Beteiligung

VertreterInnen von Behindertenorganisationen kritisieren das scharf, da es ihnen nicht um Integration, sondern gleichberechtigte Beteiligung in allen gesellschaftlichen Bereichen geht. Daher verwenden sie das Wort "Inklusion". Der Verein "Netzwarkartikel 3" hat alternativ eine Schattenübersetzung angefertigt, auf die sich viele Behindertenorganisationen heute beziehen.

Nur durch Bildung können behinderte Menschen auch ihre Position in der Gesellschaft rechtlich verbessern, sagt Supanic: "Seit Juni 2012 liegt nun der Aktionsplan in Österreich vor. Von der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung wird er als Gegenteil von einem großen Wurf wahrgenommen." Denn auch dieser sei so gut wie ohne Betroffene und ihre Verbände entwickelt worden.

Hohe Messlatte für Behinderte bei Bewerbungen

Es sollte um eine Stärkung und Sichtbarmachung von Behinderten im Berufsalltag gehen und nicht um "Konzepte, wo wir weit abgelegen und vermeintlich glücklich auf einem Biobauernhof leben", fordert Stix. So etwas lasse sich zwar politisch gut vermarkten, spiegelt aber nicht die Gesellschaft wider. Es sollte zudem auch ohne Quote selbstverständlich werden, dass bald mehr behinderte Menschen in höhere Positionen gelangen.

Die Zugangsbarrieren für qualifizierte Menschen mit Behinderungen sind sehr hoch. "Oft steht bei Bewerbungen nur im Vordergrund, was sie nicht können, Qualifikationen treten in den Hintergrund. Die Messlatte wird hier besonders hoch angesetzt", berichtet Stix.

Inhaltlich selbst arbeiten, Arme und Beine "ersetzen"

Neben baulichen Maßnahmen zur Barrierefreiheit sind eben auch soziale Anpassungen notwendig. Dazu gehört, falls notwendig, persönliche Assistenz am Arbeitsplatz. Das dafür zuständige Bundessozialamt definiert das auf seiner Homepage folgendermaßen: Menschen mit schwerer Behinderung ab Pflegegeldstufe III verfügen oftmals über die fachliche und persönliche Eignung zur Ausübung eines Berufes, Absolvierung einer Berufsausbildung, Besuch einer höheren Schule oder Teilnahme an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme. Sie bedürfen aber auf Grund ihrer Behinderung einer Unterstützung.

Das kann etwa die Begleitung zu und vom Arbeitsplatz, oder auch manuelle Arbeiten bei der Ausübung des Berufs umfassen. "Eine persönliche Assistenz am Arbeitsplatz bedeutet aber nicht, dass wir weniger leisten", sagt Anna Maria Hosenseidl, die für Organisation und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist und selbst im Rollstuhl sitzt. Sie konkretisiert: "Die Assistenten sind meine Hände und Füße, aber ich arbeite inhaltlich." (Julia Schilly, derStandard.at, 21.9.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 42
1 2

Anstatt Geld in paternalistische Sozialprojekte zu stecken, von denen letztlich höchstens die Sozialarbeiter profitieren, sollte der Staat die Rahmenbedingungen für derartige Eigeninitiativen Betroffener verbessern.

behindertenarbeit.at

sollte barrierefreie "Antidiskriminierung" noch gschwind in die Novellierung des ASchG hineinreklamieren...bald ist DL

Persönliche Assistenz (am Arbeitsplatz)

die persönliche assistenz am arbeitsplatz wird vom bundessozialamt gezahlt - und für alle die vorhaben zu schreien: das zahlen wieder wir! das wird aus dem ausgleichstaxfonds bezahlt: das sind die strafen die betriebe zahlen wenn sie ab 25 mitarbeiter keinen mitarbeiter mit behinderung einstellen. also seid beruhigt. und schließlich hat herr stix auch arbeitsplätze damit geschaffen.

genau:

die menschen mit behinderung bekommen eh alles bezahlt.......

die brauchen sich nicht saorgen obdachlos zuwerden......hungern zumüssen,

die die sich die wirbelsäule durch behindertenbetreuung runinert haben,....werden von den ämtern wie dreck behandelt.............

die behinderten haben es 1000 mal besser, als jeder arbeitslose

die die sich die wirbelsäule durch behindertenbetreuung runinert haben,....werden von den ämtern wie dreck behandelt.............

Stimmt oft. Leider. Aber leider auch andere Opfer schwerer körperlicher Arbeit, Bauarbeiter, Gastgewerbe, Möbelpacker, etc.
Auch solchen ist der Weg in die etwa I- Pension verwehrt, da kein Berufsschutz, und weil da ja immer noch die vielen leichten Jobs als Handyeinpacker massenweise auf sie warten. Lt. Gutachtern der PVA zumindest, diesen Arbeitsmarktexperten.

Ihre Polemiken ausgerechnet Richtung Behinderte und Behindertenarbeit werden niemandem nützen, Ihnen nicht, den Gesunden nicht, und schon gar nicht all den anderen Veteranen des Arbeitsmarktes die immer wieder neu an die Front geworfen werden obwohl sie kein Arbeitsgeneral (AG) mehr in sein Regiment nimmt.

Aha. "Wir" sind also die Betriebe......

Im Endeffekt zahlt es der Kunde...

...weil die Firma die Strafe auf ihre Preisgestaltung abwälzen muss.

Ich verstehe das behinderte Menschen ein Recht auf ein möglichst normales Leben in der Gesellschaft haben.

Die Konstruktion das aber für einen Job den eine gesunde Person alleine erledigt, dann zwei angestellt werden, wo eine geistig arbeitet und die andere körperlich, das ist schlicht ein Luxus den sich andere Staaten mit denen wir in steter Wirtschaftskonkurrenz stehen nicht leisten.

Man darf sich halt nicht wundern wenn auf Druck der Kunden zu billigen Produkten dann Firmen in Ländern abwandern wo es solche erschwerenden Konstrukte nicht gibt.

und bedenken sie doch mal, welchen wettbewerbsnachteil wir haben, weil es keine kinderarbeit und sweat-shops gibt!

Interessant.

- Sie meinen, Sie kriegen Ihren Krempel (Audischüssel, Flachglotze, Eifon, etc.) billiger, wenn Behinderte in geschützten Werkstätten Besen binden, etc.?
- Mit welchen Ländern, die sich solchen Luxus nicht leisten, stehen wir denn in starker Wirtschaftskonkurrenz?
Sparta? Das Aztekenreich?
- Also sind Behinderte daran schuld, wenn in Fernost und Lateinamerika Kinder Ihre schönen Turnböcke herstellen müssen. Und gar nicht die Aktionäre die nicht 20% Rendite sondern 40 oder 50% fordern.

Schauens ich bin auch behindert und könnte den Schein lösen..

und troztdem bin ich mir sicher das ich IHREN Job locker machen würde.

Nur Vorurteile haben die Leute

Formen verschiedener Hilfen am Arbeitsplatz für Behinderte gibt es in Deutschland auch. Der Wirtschaft dort scheint es nicht zu schaden - auch wenn viele lieber die Strafabgabe zahlen als Behinderte einzustellen. Es ist doch aber nicht einzusehen, warum z.B. ein Sachbearbeiter im Rollstuhl schlechter oder langsamer sein soll als die Kolleing, die im Bürostuhl sitzt.

Beispiel Sacharbeiter - eh net

Wenn einer im Rollstuhl sitzt kann er natürlich einen Bürojob machen.

Wenn einer aber vierfach gelähmt ist, nur mit dem Kopf arbeiten kann, und den ganzen Tag jemand bezahlt wird der ihm Hände und Füße ersetzt ist das grob ineffizient - warum lernt man dieser Person nicht gleich den Kopfarbeitsteil auch an?

Wo zieht man die Grenze auf "Recht auf Job" und "Recht auf Assistenz"?

Wenn einer Airline Pilot war und dann halbseitig gelähmt ist, hat er das Recht das im Cockpit einer für ihn steuert während er Befehle ansagt?

warum lernt man dieser Person nicht gleich den Kopfarbeitsteil auch an?

Am besten, Sie fragen Prof. Stephen Hawking. Er hat ja versucht, seinen Assistenten die mathematische Exotik der schwarzen und weißen Löcher beizubringen. Damit er sich in die Arbeitslosigkeit begeben kann.
Aber denen dürfte nur der Kopf gebrummt haben und nun muss er halt selbst weiterhackeln, kopfmäßig.

Wow, was für ein Argument

Der durchschnittliche Behinderte am Arbeitsplatz leistet also so schwierige geistige Arbeit wie ein weltbekannter Astrophysiker?

Oder ist es doch eher so das die Aufgaben der meisten betroffenen Personen von anderen Personen mit funktionierenden Gliedmaßen erfüllt werden könnten?

Ein Job kann nicht nur "Selbstzweck" sein, wo es der Firma gleich viel kostet wie nützt diesen Mitarbeiter zu beschäftigen.

Wenn Sie das nicht einsehen dann argumentieren Sie im Prinzip für ein "Recht auf Arbeit" womit wir wieder beim halbseitig gelähmten Airlinepiloten wären.

halbseitig gelähmte Airlinepiloten...

... zwar nicht so sehr in der Zivilluftfahrt, aber in der RAF diente in den 40ern Douglas Bader. Er flog seine Spitfires mit zwei vollen Beinprothesen. Er erreichte in 18 Monaten 22,5 anerkannte Abschüsse und war damit eines der Fliegerasse dieser Zeit.

Noch dazu mit einer Flugsteuerungstechnologie die auf enorm viel mehr schierer Körperkraft als heute beruhte. Tlw. ohne Servomotoren unterstützte Bowdenzugverbindungen der Ruder mit den Seitenruderpedalen und dem Steuerknüppel bei immerhin manchmal 800 km/h.

Also geht doch, oder?

Natürlich ist das kein sachliches...

...Argument für den John Doe am AM. Eh klar. Aber eine Reaktion auf Ihre negativen "geht net, gibts net" Äusserungen.

Natürlich wird sich ein Strassenkehrer im Rollstuhl schwer tun, einen kehrenden Assistenten zu bekommen da ja dieser dann gleich den Job selbst erledigen kann.

Aber eine Sekretärin die zB. auch den Materialeinkauf manchmal selbst erledigen muss, oder Kaffee servieren. Dies könnte für sie ein Helfer erledigen der die sonstigen Sekretariatsagenda eben nicht in 10 Minuten erklärt bekommen kann.

Nach Prüfungen vor Ort finanziert zus. Arbeitskräfte auch das Bundessozialamt um eben den Job d. Betreffenden zu erhalten.

Das mag sein. Und Sie zahlen der Firma den Aufzug, damit der Sachbearbeiter in sein Büro kommt?

In meinem Betrieb - mit ca. 60 Mitarbeitern - gibt es definitiv keine Möglichkeit, eine Person mit relevanter Behinderung (wie auch immer man das korrekt ausdrückt) zu beschäftigen.

Ich nehme an, Sie sind der Eigentümer des Betriebes...

...von dem Sie reden.
Was wäre denn, wenn Sie selbst durch ein unglückliches Ereignis oder eine Erkrankung Rollstuhlfahrer werden?
Wird dann der Aufzug in Ihr Büro da sein?

Falsche Annahme. Es ist aber auch ein Unterschied, ob man einen Betrieb für einen bereits vorhandenen Mitarbeiter (beim Eigentümer macht man es sich sicher eher) oder einfach "nur so" behindertentauglich macht.

Behindertentauglich = barrierefrei.

Natürlich macht man das für den Eigentümer eines Unternehmens eher. Ist ja wohl aufgelegt.
Generell aber kommt das Bundessozialamt für bauliche Änderungen und Arbeitsplatzadaptierungen zu einem guten Teil auf.

Warum muss aber eine Firma überhaupt Strafe zahlen?

Falls Sie sich zur Sache nicht auskennen...

...hier ein Link:
http://www.bundessozialamt.gv.at/basb/Uebe... onds_(ATF)

Falls Sie aber darüber räsonnieren, dass die armen AG für so viel Strafe zahlen müssen:
Alle, die in einem Staatswesen gegen Gesetze verstoßen, müssen dafür irgendeine Art Strafe absolvieren. Das ist so, weil man sein Unternehmen auf dem Gebiet eines Rechtsstaates hinstellt und nicht auf Io, einem Jupitermond.
Dort wäre dzt. noch alles straffrei.

Ich hinterfrage auch das Gesetz ansich. Selbstverständlich müssen GEsetze eingehalten werden. Genauso selbstverständlich darf in einer Demokratie jegliches Gesetz diskutiert und in Frage gestellt werden.

Natürlich kann man das.

In einer Demokratie sollte man Gesetze sogar hinterfragen, zwecks der Teilhabe an den Regierungsgeschäften.
Nur am effizientesten ist das wohl in der Politik selbst, also als irgendeine Art Akteur in der Oppositionspolitik.

Ausser als Ideologie des Neoliberalismus glaube ich aber, gibt es wohl keine, eines zivilisierten Gesellschaftsbaues würdige Haltung, die anregt oder anstrebt, das Unternehmertum ausserhalb aller Gesetze zu stellen, bzw. über alle Gesetze.

Ich will Unternehmer nicht übers GEsetz stellen. Die Frage ist eher, wofür sollen Unternehmer verantwortlich sein, bzw. wofür sollen sie zahlen.

Diese Strafzahlung, diese Regelung ist reine Willkür.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 42
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.