Piraten-Chef: Transparenz ist unverzichtbar

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  • Der Piraten-Bundesvorstand Rodrigo Jorquera sieht in "Liquid Democracy" das politische System der Zukunft und spricht sich gegen Studiengebühren aus.
    foto: standard/hendrich

    Der Piraten-Bundesvorstand Rodrigo Jorquera sieht in "Liquid Democracy" das politische System der Zukunft und spricht sich gegen Studiengebühren aus.

Rodrigo Jorquera, Bundesvorstand der österreichischen Piraten, über seine Partei, Bildung, Demokratie und das Urheberrecht

SCHÜLERSTANDARD: Wofür steht die Piratenpartei?

Jorquera: Es geht uns hauptsächlich darum, dass Menschen das mitbestimmen können, was sie angeht. Wenn wir zu zehnt beisammensitzen, müssen wir schauen, dass wir mit diesen zehn Leuten auf einen Konsens kommen und jeder zufrieden ist.

SCHÜLERSTANDARD: In der Öffentlichkeit haben Sie das Image einer Jugendpartei. Wie stehen Sie dazu?

Jorquera: Wir haben genug ältere Leute in der Partei, besonders in Kärnten. Wir müssen einen Weg finden, auch Leute ohne Internetanschluss miteinzubeziehen.

SCHÜLERSTANDARD: Oft werden Sie für die einseitige Auswahl Ihrer Themen kritisiert.

Jorquera: Die Ursache dafür liegt in unseren Anfangsjahren. Viele unserer ersten Mitglieder waren und sind Leute, die den ganzen Tag am Computer sitzen, Hacker, Technikfreaks und dergleichen. Das führt dazu, dass wir uns bisher stärker auf Themen wie Internet-Zensur, Datenschutz und Privatsphäre konzentriert haben. Das Ganze ist gewachsen. Je mehr Mitglieder aus anderen Fachgebieten wir bekommen, desto breiter wird unser Themenspektrum.

SCHÜLERSTANDARD: Auch sind auffällig wenige Frauen in der Partei ...

Jorquera: Auch da spielt das Umfeld, aus dem die Partei entstanden ist, eine Rolle. Wir haben "Stammtische". Schon allein das Wort schreckt manche Frauen ab.

SCHÜLERSTANDARD: Wie stehen Sie zu aktuellen Themen wie Zentralmatura oder Studiengebühren?

Jorquera: Dazu wurde in der Piratenpartei noch nicht abgestimmt. Ich persönlich bin gegen Studiengebühren, weil es gerade in Europa eine breite gebildete Schicht geben sollte. Noch sind nicht genug Ressourcen vorhanden.

SCHÜLERSTANDARD: Also freie Bildung für alle. Wo wären Sie bereit zu sparen?

Jorquera: Es gibt seit 30 Jahren die Geschichte mit der Verwaltungsreform, unser Beamtensystem ist veraltet. Wir hätten technische Mittel, die viele Sachen automatisieren könnten.

SCHÜLERSTANDARD: Apropos veraltet: Sie wollen das Urheberrecht modernisieren?

Jorquera: Man muss zwischen Urheberrecht und Verwertungsrecht differenzieren. Das Verwertungsrecht muss geschwächt und das Urheberrecht gestärkt werden, um die Künstler zu schützen.

SCHÜLERSTANDARD: Sie behaupten, "Liquid Democracy" sei die optimale Form der Demokratie. Was verstehen Sie darunter?

Jorquera: Wir müssen einen Prozess definieren, der jedem die Möglichkeit gibt, seine eigene Meinung einzutragen. Wenn du Multiple Choice verwendest, beeinflusst du die Leute. Außerdem ist Transparenz unverzichtbar. (Andreas Eichhorn/Elias Reimitz/Christina Fastl/Martin Aufhauser, DER STANDARD, 12.9.2012)

Rodrigo Jorquera (32), geboren in Mödling, arbeitet als selbstständiger IT-Consultant und ist im Bundesvorstand der österreichischen Piratenpartei.

Wissen: Mitreden unter Piratenflagge

Weltweit existiert sie bereits in 55 Staaten, in weiteren elf steht sie in der Gründungsphase: die Piratenpartei. Vor allem hat sie durch ihr Engagement im Bereich Datenschutz von sich reden gemacht. Die Grundidee der jungen Partei ist, dass alle Bürger bei Themen, die sie betreffen, mitbestimmen können. Umgesetzt wird dies mithilfe einer Onlineplattform, auf der jeder Anträge stellen und diskutieren kann, auch ohne Mitglied der Partei zu sein. Obwohl die Piraten bereits seit sechs Jahren in Österreich aktiv sind, sind hierzulande vielen ihre Ziele und Visionen unbekannt, auch unter Jugendlichen.

"Von den Vorstellungen der österreichischen Piraten habe ich, im Vergleich zum deutschen Pendant, bisher nur sehr wenig gehört", erzählt Bath-Sahaw (18). Auch Judith (17) gesteht: "Eigentlich weiß ich ziemlich wenig über diese Partei, aber was man so hört, sind sie ziemlich unkonventionell und auch etwas chaotisch." Die Piratenpartei arbeitet vor allem mit dem Medium Internet. Somit entsteht allgemein das Bild, die Partei sei speziell auf junge Leute ausgerichtet. Bundesvorsitzender Rodrigo Jorquera hingegen erklärt, dass die "Mitglieder aus allen Altersgruppen kommen".

Bezüglich des Bildungssystems will man die Meinung der Schüler und Lehrer miteinbeziehen. Aus diesem Grund wird derzeit eine Onlineplattform erstellt, auf der Verbesserungsvorschläge eingebracht werden können. Die Idee zu der Plattform kam dem Bundesvorsitzenden Jorquera übrigens während des Interviews mit dem SchülerStandard, woraufhin er gleich sein Handy zückte und einen Kollegen verständigte.

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