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Die Projekte werden auf dem Ausstellungsschiff MS Wissenschaft präsentiert. Thema des schwimmenden Science-Centers ist Nachhaltigkeit.
Gut sieben Milliarden Menschen leben bereits auf der Erde, bis 2050 könnten es zehn Milliarden sein. Die Bevölkerungsexplosion verursacht und verstärkt bekanntlich mannigfaltige Probleme. Hunger, Wassermangel, Armut und medizinische Versorgung: alles auch eine Frage der Menge an Notleidenden. Zusätzlich dürfte der heraufziehende Klimawandel neue Krisen auslösen oder bestehende verschärfen.
Keine guten Aussichten. Die Bevölkerung nimmt in den Notstandsregionen unserer Welt besonders schnell zu, und gerade dort sind die Fortschritte trotz jahrzehntelanger Entwicklungshilfe oft mangelhaft. Millionen werden ausgegeben, ohne substanzielle Verbesserungen zu erzielen. Was tun? Der Demograf Wolfgang Lutz vom Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital in Wien plädiert für eine neue Prioritätensetzung. "Wir brauchen eine radikale Zuwendung hin zu Investitionen in die Menschen", sagt der Forscher. Lutz ist der Begründer der "Sola schola et sanitate"-Hypothese, wonach Bildung und Gesundheit die unerlässliche Basis für eine positive gesellschaftliche Entwicklung sind, wirtschaftlich und auch politisch.
"Bildung ist eine zentrale demografische Dimension", betont er. Sie müsse der gesamten Bevölkerung zur Verfügung stehen, denn nur so lassen sich Armut und Instabilität wirksam bekämpfen. Besonders wichtig ist die Bildung der Frauen. Diese bremst nicht nur das Bevölkerungswachstum, sondern trägt auch zur Demokratisierung einer Gesellschaft bei. Erstaunlicherweise kommt diese Erkenntnis bei den zuständigen Entscheidungsträgern nur sehr langsam an. "Unsere Entwicklungsökonomen und Politiker wissen das nicht", sagt Lutz.
In der Fachliteratur wird das Thema kaum berücksichtigt, und es fließen nur etwa zwei bis drei Prozent der gesamten bilateralen Entwicklungshilfe aus den OECD-Ländern in die Basisbildung, erklärt der Experte. Es sei eine Frage der Gedankenmuster. Man glaubt, meint Lutz, dass Geld wieder Geld produziert. Deshalb werden Großinvestitionen getätigt anstatt Menschen gefördert.
Der Wissenschafter spricht diesbezüglich von einer "Obsession für Infrastruktur". "Das ist so in den Köpfen drin." Abgesehen davon könne man "mit Bildung keine guten Geschäfte machen". Das heißt: Westliche Konzerne verdienen nicht kräftig mit. Bei Staudämmen und Industrieprojekten meist schon.
Welche genaue Bedeutung der Bildungsaspekt für die wirtschaftliche Entwicklung ganzer Nationen hat, konnten Lutz und zwei Kollegen 2007 erstmalig in konkrete Zahlen fassen. "Es ist sehr wichtig, diese Argumente mit wissenschaftlichen Daten zu untermauern", betont der Demograf.
Die Forscher analysierten Statistiken zu Altersaufbau, Bildungsgrad und Wirtschaftswachstum aus weltweit 101 Ländern für den Zeitraum von 1970 bis 2000 und konnten dadurch rückblickend beobachten, wie bestimmte Veränderungsprozesse miteinander gekoppelt sind.
Es zeigte sich klar, dass eine Ausbreitung von Bildung Fortschritt und Wachstum vorausgeht. "Es ist die Initialzündung", sagt Lutz. Besonders deutlich trat dieser Effekt in den sogenannten Tigerstaaten Ostasiens auf, vor allem in Südkorea, Taiwan und Singapur. "Und China geht jetzt den gleichen Weg."
Aus den kombinierten Daten erstellten die Wissenschafter zudem Modellrechnungen zur Vorhersage von Wirtschaftswachstum durch Bildung. Für Entwicklungs- und Schwellenländer unterschieden sie dabei vier Szenarien. Wenn zum Beispiel die Hälfte der Bevölkerung ohne Schulbildung leben muss, 40 Prozent die Grundschule besucht und nur zehn Prozent die Mittelschule erreicht, dann bleibt das jährliche Wachstum normalerweise unter zwei Prozent. Eine solche Situation findet sich in diversen afrikanischen Ländern.
Die besten Ergebnisse haben den Modellen nach Entwicklungsnationen, in denen 50 Prozent der Menschen die Grundschule abschließt und die andere Hälfte zusätzlich die Sekundarschule durchläuft. Hier beträgt der jährliche Zuwachs des Bruttonationalprodukts rund 13 Prozent. Weniger erfolgreich ist dagegen das elitäre Modell mit fünf Prozent Akademikern, 15 Prozent Sekundarstufe-Absolventen, 30 Prozent Grundschulabgängern und einem 50-prozentigen Ungebildetenanteil. Das Wirtschaftswachstum erreicht circa sieben Prozent pro Jahr. Diese Lage entspricht in etwa derjenigen in Indien, erklärt Wolfgang Lutz, und deshalb fällt der zweitbevölkerungsreichste Staat der Erde beim Wirtschaftswachstum hinter China zurück.
Der Faktor Bildung, betont der Experte, wird auch in Bezug auf den Klimawandel eine entscheidende Rolle spielen. Bildung führt zu einem verbesserten Schutz vor Katastrophen, weil sich die Bevölkerung besser gegen solche Ereignisse wappnen kann. Durch Vorsorgemaßnahmen, aber auch innerlich. "Lernen verändert die Struktur unseres Hirns für den Rest unseres Lebens", betont Lutz. Die Menschen lernen dadurch nicht nur besser zu planen, sondern können ein Trauma auch leichter überwinden und schneller wieder ins normale Leben zurückfinden.
Die Forscher arbeiten zurzeit auch intensiv an Modellen zur Verwundbarkeit von Gesellschaften mit unterschiedlichen sozioökonomischen Strukturen. Wie können sie Umweltdesaster und globale Veränderungen bewältigen? Das Team präsentiert seine Projekte als Teil einer Wanderausstellung zum Thema "Nachhaltiges Leben in der Stadt der Zukunft" auf der MS Wissenschaft: Rund 40 interaktive Exponate zeigen, woran die Wissenschaft arbeitet, damit auch nachfolgende Generationen in einer intakten Umwelt und einer gerechten Gesellschaft mit einer funktionierenden Ökonomie leben können. Das Schiff ist im September auf der Donau unterwegs und legt dabei in Wien, Krems und Linz an. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 12.9.2012)
Termine
In Wien wird die MS Wissenschaft vom 13. bis 17. September bei der Schiffsstation Millennium Tower anlegen, in Krems am 18. und 19. September und in Linz vom 21. bis 24. September auf der Höhe des Brucknerhauses.
Link
MS Wissenschaft
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