Hängebrücken über dem Abgrund Wirklichkeit

  • Bücher als die Schaufel, mit der man sich selbst umgräbt: Martin Walser.
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    foto: apa / dpa / patrick seeger

    Bücher als die Schaufel, mit der man sich selbst umgräbt: Martin Walser.

Ohne Hoffnung auf Hoffnung: Martin Walser hat mit "Das dreizehnte Kapitel" einen nur teilweise überzeugenden Briefroman geschrieben, der thematisch an seine letzten beiden Bücher anknüpft

Wien - Martin Walser, schrieb "Die Welt" vor kurzem, sei so etwas wie der Volkswagen unter den deutschen Schriftstellern. Er habe wenige Meisterwerke vorzuweisen, sondere dafür aber literarische Meterware - zumeist Altherrenprosa - vom Band ab. Der Vorwurf, der 85-jährige Walser zapfe immer dünneren Wein aus alten Schläuchen, ist nicht neu. Und doch bleibt seine Lesergemeinde dem am Bodensee lebenden Schriftsteller treu.

Was auch damit zusammenhängen mag, dass dieser Autor immer wieder vom schutzlosen Individuum im Handgemenge mit der Realität schreibt und so einen Kampf thematisiert, der meist nicht einmal nach Punkten zu gewinnen ist.

Jeder Roman, heißt es nun in Walsers neuem Buch "Das dreizehnte Kapitel" (Rowohlt), "ist ein Sachbuch. (...) Der Roman ist ein Sachbuch der Seele." Basil Schlupp heißt die Hauptfigur des Buches. Er ist Schriftsteller, und wir treffen ihn mit seiner Gattin Iris im prologhaften Einleitungskapitel bei einem Empfang. Zu feiern gilt es den 60. Geburtstag von Prof. Dr. Korbinian Schneilin, eines Molekularbiologen - und es ist kein Geringerer als der deutsche Bundespräsident, der die Sause in Schloss Bellevue ausrichtet. Geladen sind Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und eben Kultur.

Wie oft bei Walser ist die Situation peinlich, auch weil Schlupp dem Alkohol zuspricht und sich, seine Tischdame ignorierend, in eine schräg von ihm sitzende Dame verschaut. Natürlich ist es die Gemahlin des Jubilars, Maja Schneilin, eine Theologie-Professorin. Doch sie ignoriert ihn, den Autor des Erfolgsromans "Strandhafer", vollkommen. Also reißt er das Heft der Handlung an sich und sagt, als gerade der Rote kredenzt wird, in die Tischstille: "Das Leben ist zu kurz, um deutsche Weine zu trinken."

Abgesehen davon, dass das Leben lang genug ist, um jede Menge schlechten Wein zu trinken, wie Walsers Kollege Peter Bichsel einmal anmerkte, fruchtet auch diese aufmerksamkeitsheischende Provokation nicht.

Man geht ab. Doch Schlupp gibt nicht auf und schreibt der 50-jährigen Frau, die er nur einmal gesehen und mit der er kein Wort geredet hat, einen Brief. Maja schreibt ihm, sich ein wenig zierend, zurück. Doch schnell merken sie, die Theologin, und er, der Schriftsteller, dass es Überschneidungen gibt. Beide haben sich mit dem Theologen Karl Barth auseinandergesetzt, und beide beackern sie berufsmäßig ein Feld, das mit dem Unsichtbaren (Gott) und dem Formulieren des Nichtsagbaren (Literatur) zu tun hat.

"Unsere Buchstabenketten sind Hängebrücken über einem Abgrund namens Wirklichkeit", sie beide seien "Dekorateure des Nichts", schreibt Schlupp, man flirte "mit der Unmöglichkeit", antwortet sie. Und in der Tat wird der Briefwechsel immer vertrauter. Beide sind zwar glücklich verheiratet, und doch schreiben sie sich Dinge, die sie niemals aussprechen würden.

Wettlauf mit dem Tod

Oft geht es um intime Details über die jeweiligen Partner. Schlupps Frau Iris arbeitet seit langem an einen Roman mit dem Titel "Das dreizehnte Kapitel", der irgendetwas mit einer verflossenen Liebe zu tun hat. Sie spricht nicht einmal mit Schlupp über das Projekt. Er sichtet das Manuskript heimlich - und schickt der Brieffreundin Passagen daraus. Maja hingegen schreibt über die Unsicherheit und Lebensniederlagen ihres nach außen so erfolgreichen Mannes Korbinian.

Subtil führt Walser in den Briefwechsel (zuweilen schickt Maja auch eine Mail) den Begriff Verrat ein und schlägt so noch einmal den Bogen zur Theologie. Denn wer von Verrat redet, spricht auch von den theologischen Kategorien Treue und Schuld. Im zweiten Teil des Romans kühlt die Korrespondenz ab, vor allem weil sich Schlupp in einem Interview als "erotischer Optimist" outet, der es allen Frauen recht machen möchte. Maja nimmt diesen Verrat des Verräters persönlich, sie muss ihn nach dem, was geschrieben wurde, persönlich nehmen. Zudem ist ihr Mann ernsthaft krank, sie begibt sich mit ihm nach Kanada auf eine Radtour, die zu einem Wettlauf mit dem Tod wird.

Im Gegensatz zum überzeugenden Anfang dieses Buches, das von einer (Liebes-)Geschichte handelt, wie sie nur auf dem Papier, also in der Vorstellung und somit in der Literatur vorkommen kann, verliert der Schluss des ins Thesenhafte abgleitenden Romanes stark. "Lass alles weg, was du nicht kannst, dann bist du gut", sagt Iris an einer Stelle zu Schlupp. Walser hätte sich an diese Empfehlung der Schriftstellergattin halten sollen.

Trotzdem ist "Das dreizehnte Kapitel" lesenswert. Auch weil in diesem Briefroman, der eigentlich ein Walser-Selbstgespräch mit verteilten Rollen ist, Themen vertieft werden, die der Autor in seinen letzten Büchern angerissen hat. Sowohl im Roman "Muttersohn" (2011) als auch im Essayband Über Rechtfertigung (2012) postuliert Walser, es gehe darum, zu glauben "ohne Hoffnung auf Hoffnung".

Und so heißt es dann auch gegen Ende von "Das dreizehnte Kapitel": "Wenn es Dich nicht mehr gibt - (für mich), ist die Unmöglichkeit tot". Schlupp, so ahnt man, wird seine Reise als "Ritter des Nichts" fortsetzen und dem Nichtsichtbaren, das manchmal nicht weniger real als das Wirkliche ist, weiter nachjagen. So wie Martin Walser, dessen Bücher nach eigenem Bekunden die Schaufel sind, mit der er sich selbst umgräbt. Immer noch. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 12.9.2012)

Martin Walser liest am Wochenende bei Sprachsalz, den internationalen Literaturtagen in Hall in Tirol.

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