Daddy ist Dein Big Brother: GPS-Überwachung von Kindern

  • In den USA und Europa haben 2011 16 Millionen Familien Überwachungstechnologien für ihre Kinder eingesetzt.
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    In den USA und Europa haben 2011 16 Millionen Familien Überwachungstechnologien für ihre Kinder eingesetzt.

2016 werden 70 Mio. Familien ihre Anverwandten mit GPS überwachen- Psychologen hegen Bedenken.

Den Markt für Geräte zu Verfolgung des Aufenthaltsorts einzelner Menschen haben sich die Analysten von Berg Insight näher angeschaut. Sie sehen eine große Chance zum Geldverdienen, denn der Markt wächst rasant. Vor allem die privaten Überwachung von Familienmitgliedern explodiert. Das könnte zum gesellschaftlichen Problem werden, meint die Wiener Gesundheitspsychologin Marion Kern.

2011 Überwachung bei 16 Millionen Familien

Die genannten Marktschätzungen beziehen sich auf Europa und Nordamerika zusammen. Vergangenes Jahr haben laut Berg Insight 16 Millionen Familien mobile Überwachungstechnologie eingesetzt. Im August 2012 waren es schon 20 Millionen und bis 2016 soll sich der Markt auf 70 Millionen vervielfachen. Der Trend wird durch technologische Fortschritte begünstigt, die GPS-Empfänger kleiner, energiesparend und günstiger gemacht haben.

Die zunehmende Verbreitung von Smartphones geht mit einem steigenden Bekanntheitsgrad gebührenfreier Überwachungs-Apps in den letzten eineinhalb Jahren einher. Das ist eine schlechte Nachricht für jene Anbieter, die mit speziellen Lokalisierungsgeräten und -Tarifen ihr Geld haben. Denn die Gratis-Apps machen ihnen den Kuchen streitig.

Kinder und Teenager als Überwachungsobjekte

Die meisten Nutzer wollten ihren eigenen Nachwuchs überwachen, hat Berg Insight herausgefunden. Eine solche permanente virtuelle Nabelschnur bleibt aber nicht ohne Auswirkungen, erläuterte Marion Kern, klinische und Gesundheits-Psychologin in Wien, im Gespräch mit dem WEBSTANDARD. "Über das Volksschulalter hinaus ist es für die Kinder sicher mehr störend als angenehm. Es zeigt, dass die Eltern den eigenen Kindern nicht vertrauen."

Das belaste das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern und führe zu einem grundsätzlichen Klima des Misstrauens in der Familie. "Die Kinder lernen, dass 'vertrauen gut ist, aber kontrollieren besser', und das geben sie dann später auch selbst weiter. Im Privatleben, im Berufsleben, sowie ihren eigenen Kindern." Daraus drohe ein Problem für die gesamte Gesellschaft zu werden.

Alte und Kranke bringen mehr Geld

Da Familien meist zu Gratis-Apps greifen, konzentrieren sich die Hersteller spezialisierter Geräte eher auf den Pflegebereich. Neben Senioren gibt es auch eine jüngere Zielgruppe, die Einschränkungen wie Diabetes, Autismus, Herzprobleme, Epilepsie oder geistige Behinderungen hat.

Bereits weitgehend bekannt sind festnetzgebundene Systeme zur Unterstützung von potenziell hilfsbedürftigen Personen, die zu Hause oder in Heimen leben. Ein Armband schickt dabei nach Kopfdruck ein Funksignal an ein Telefon, das Hilfe ruft. Von derartigen Anlagen gibt es laut Berg Insight bis zu fünf Millionen. Da die Zielgruppe aber aktiver und mobiler werde, eröffne sich hier ein Markt für die modernen, mobilen Dienste.

Business-Markt

Auch Arbeitgeber überwachen gerne, mit "Mobile Workforce Management" hat die Branche dafür einen hübschen Ausdruck kreiert. Natürlich können solche Lösungen durchaus Vorteile haben. Bestimmte Mitarbeiter können von einem Einsatz gleich zum nächsten geschickt werden, ohne dass sie sich aktiv melden müssen oder gar in die Firmenzentrale fahren. Auch Abrechnungen gegenüber Kunden können in bestimmtem Umfang automatisiert werden, wenn das Abrechnungssystem direkt erfährt, wie lange der jeweilige Mitarbeiter vor Ort war.

Darüber hinaus gibt es Lösungen für den Sicherheitsbereich, die ähnlich der Senioren-Systeme einen Notfallknopf haben, oder automatisch erkennen sollen, wenn der Benutzer bewusstlos wird oder sonst eingeschränkt ist ("Totmannsystem"). Der Businessmarkt soll aber vergleichsweise bescheiden wachsen: Von 1,1 Millionen aktiven Benutzern im Jahr 2011 auf 2,8 Millionen 2016.

Fußfessel für Hausarrest

Immer strengere Gesetze führen zu immer mehr Haftstrafen. Doch Gefängnisse sind überbelegt und teuer. Zudem sind sie besonders gefährliche, gewalttätige und rechtsfreie Orte, was denkbar schlechte Voraussetzungen sind, wenn man Rückfälle vermeiden möchte. Daher wird bisweilen auf Hausarrest mit Fußfessel gesetzt, sehr zu Freude der Hersteller einschlägiger Überwachungslösungen.

Sie hoffen darauf, dass elektronisch überwachter Hausarrest auch schon vor dem Gerichtsverfahren und/oder gleich nach dem Urteil eingesetzt wird. Auch eine fortdauernde Überwachung nachdem der Täter seine Strafe in einer Haftanstalt abgesessen hat, käme dieser Branche zu Gute. Allerdings hat Berg Insight für diesen wachsenden Markt der Überwachung (möglicher) Straftäter keine Prognose veröffentlicht. Das könnte am Unsicherheitsfaktor Politik liegen, der entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung hat.

Von technischer Seite gibt es im Wesentlich zwei elektronische Methoden zur Überwachung eines Hausarrests: Die eine ist ein Apparat am Fußgelenk, der laufend Funksignale an ein Telefon schickt. Reißt das Signal zur Unzeit ab, wird Alarm geschlagen. In Konkurrenz dazu stehen mächtigere Systeme, die auf Satellitenortung und Mobilfunk setzen: Damit kann die Position des Verurteilten außerhalb seines Hauses bestimmt werden. Die Betreiber können geographische Gebiete festlegen, in denen sich der überwachte Bürger aufhalten muss oder aber nicht aufhalten darf. (dajs, derStandard.at, 11.9.2012)

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