Traurige Ballade der Versäumnisse

  • Der Pianist mit seiner Flamme: "Chico & Rita" kehrt ins Havanna der 1940er-Jahre zurück.
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    foto: polyfilm

    Der Pianist mit seiner Flamme: "Chico & Rita" kehrt ins Havanna der 1940er-Jahre zurück.

Der Animationsfilm "Chico & Rita" erzählt mit klassischer Zeichentechnik ein Liebes-Melodram im Takt des Latin Jazz

Wien - Der Animationsfilm ist im Kino fast ausschließlich auf ein junges Publikum ausgerichtet, und immer weniger Arbeiten darunter sind noch von Hand animiert. Chico & Rita, den das spanische Trio Fernando Trueba, Javier Mariscal und Tono Errando verantwortet hat, ist dahingehend eine Ausahme. Er richtet sich mit leitmotivischem Jazz aus den 1940er- und 50er-Jahren sowie einer sich über mehrere Jahrzehnte erstreckenden Liebesgeschichte an reifere Zuschauer. An solche, die in Plattenläden gern im Fach Latin Music wühlen und auf das Kuba der Batista-Ära mit milder Nostalgie zurückblicken.

In seinen betont flach gezeichneten Bildern beschwört der Film dazu passend ein Havanna herauf, das sich als imaginäre, jeder politischen Besetzung abholde Projektionsfläche benutzen lässt. Titelheld Chico tritt als tattriger Mann auf, den eine Nummer im Radio an seine Vergangenheit als Jazz-Barpianist erinnert. Der erst spät wiederentdeckte kubanische Musiker Bebo Valdés (Lágrimas Negras) diente als Vorbild für die Figur.

Sängerin Rita ist dagegen erfunden, sie verkörpert das Stereotyp einer so sinnlichen wie aufbrausenden dunkelhäutigen Frau, in die sich Chico auf Anhieb verliebt. Als Paar - in der Musik wie im Leben - ist ihnen allerdings nur kurz Erfolg beschieden. Rita wird von einem US-Produzenten entdeckt und verlässt ihren wankelmütigen Geliebten, um nach New York zu gehen; als Chico sie dort wiedertrifft, flammt die Leidenschaft kurz wieder auf, doch Intrigen, Missverständnisse oder auch einfach das Schicksal verunmöglichen ihr glückliches Zusammenkommen gleich mehrfach.

Die Liebesgeschichte von Chico & Rita ist so klassisch wie ein alter Schinken. Dies wissen die Filmemacher selbst, doch manchmal wirkt sie in ihren melodramatischen Wendungen auch noch abrupt und forciert. Interessanter sind da schon jene Aspekte der Handlung, die Rita als exotisches Schaustück in Hollywood thematisieren. Ihr Startum wird größer, die Bewegungsmöglichkeiten bleiben beschränkt. Wer Selbstbewusstsein zeigt, wird in den USA der 50er noch bestraft.

Chico & Rita beschreibt seine Geschichte der Versäumnisse dennoch etwas vage. Die Musik, die die Zeiten unbeschadet übersteht, bleibt ein allzu romantischer Ausdruck von Freiheit. Ihr Tribut zu zollen gelingt dem Film noch am besten - wenn er sich mit Größen wie Charlie Parker ein paar Takte lang im Kellerclub mitbewegt.   (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 12.9.2012) 

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