Hochrisikobranche Medizin setzt auf Luftfahrtstrategien

  • Norbert Pateisky, Gynäkologe, Sicherheitsexperte und Lehrbeauftragter der Medizinischen Universität Wien fordert Team-Trainings wie in der Luftfahrt als Verpflichtung in der Medizin.
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    Norbert Pateisky, Gynäkologe, Sicherheitsexperte und Lehrbeauftragter der Medizinischen Universität Wien fordert Team-Trainings wie in der Luftfahrt als Verpflichtung in der Medizin.

Systembedingte Routinefehler gefährden Patienten - Teamtrainings nach Vorbild der Luftfahrt senken Schäden bei Operationen um bis zu 50 Prozent

Die Amputation des falschen Beines oder die Verwechslung von Patienten sind nur die medienwirksame Spitze eines Eisberges. Übersehene Allergien oder versehentlich verabreichte zehnfach-Dosierungen stehen auch in Österreich an der Tagesordnung. Die meisten dieser Fälle gelangen niemals an die Öffentlichkeit.

2011 rief EU-Gesundheitskommissar John Dalli die Mitgliedsländer der Europäischen Union zum Handeln auf: Laut einer Studie kommt jeder zehnte Patient in europäischen Krankenhäusern zu Schaden. Eine immer komplexer werdende Medizin, Zeitdruck, Stress sowie gefährlich lange Dienstzeiten bringen Ärzte an die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit.

Systembedingte Routinefehler

Nicht Nachlässigkeit oder mangelnde Erfahrung gefährden Patienten, sondern systembedingte Routinefehler. Internationale Studien belegen, dass Vergessen, Verwechseln oder Übersehen in Kombination mit mangelhafter Kommunikation zu den häufigsten Fehlern gehören.

Umfangreiche Analysen der WHO sowie anderer internationaler Organisationen, die sich seit langem mit Patientensicherheit befassen zeigen, welche banalen Fehler am häufigsten zu Schaden am Patienten führen: Fehlerhafte Identifikation von Patienten, Missverständnisse unter Behandlungsteams, Fehldosierung oder Verwechslung gefährlicher Medikamente, fehlende Teamabsprache vor Operationen und das Nichteinhalten von Hygienerichtlinien.

Strategien aus der Luftfahrt

Der Weg zu mehr Patienten-Sicherheit führt über Strategien aus der Luftfahrt. Diese hat aus vergleichbaren Situationen bereits vor langer Zeit die nötigen Konsequenzen gezogen. Die dabei entwickelten Techniken und Strategien erweisen sich laut aller internationalen Studien auch in der Medizin als einzigartiger Durchbruch zur Erhöhung der Patientensicherheit.

Vor nunmehr fast 40 Jahren wurde das so genannte "Crew Ressource Management" aufgrund einer inakzeptablen Unfallhäufung durch menschliches Versagen in der Luftfahrt entwickelt. Die Eckpfeiler der Trainings sind sinngemäß eins zu eins auf den Alltag im Krankenhaus übertragbar und müssen nur in der Umsetzung angepasst werden: Effiziente Teamarbeit, strukturierte und geschlossene Kommunikation, Situationsbewusstsein, Umgang mit Hierarchie sowie optimierte Entscheidungsfindung stellen die wichtigsten Kategorien dar.

Diese Prinzipien gelten unter Experten heute weltweit als Goldstandard zur Gewährleistung nachhaltiger Patientensicherheit und wurden für so genannte "Medical Team Trainings" auf den Spitalsbereich übertragen. "Medizinische Eingriffe sind Teamarbeit - und Teams, die optimale Leistung erzielen wollen, müssen in jedem Hochleistungsbereich gemeinsam trainieren", so Norbert Pateisky, Gynäkologe, Sicherheitsexperte und Lehrbeauftragter der Medizinischen Universität Wien. "Wir können zeigen, dass Schäden an Patienten durch den einfachen Einsatz von Checklisten und Teamtrainings um 30 bis 50 Prozent zurückgehen", so Pateisky.

Sündenbockkultur muss ein Ende haben

Fehler sollen ausgeschaltet werden, bevor sie passieren und schließlich zum Schaden führen. Das ist vielen Fällen nur dann möglich, wenn auf jeder Hierarchieebene ein Beitrag dazu geleistet wird. "Medizinisches Fachwissen hat mit vergessenen Gegenständen oder der klassischen Amputation des falschen Beines wenig zu tun, das heißt, Pflegepersonen und OP-Gehilfen müssen in der Lage sein, vermeintliche Fehler ungehemmt ansprechen zu können und sich auch für die Sicherheit im OP verantwortlich fühlen", so Pateisky.

Medien, Gesellschaft und Rechtssystem lieben die Frage: Wer ist schuld? "Außer bei dem seltenen Vorliegen eines strafrechtlichen Tatbestandes ist diese Frage nicht nur sinnlos, sondern im höchsten Maße kontraproduktiv", hält Pateisky fest. Nur wenn die Frage: Was hat dazu beigetragen, dass ein sonst korrekt arbeitendes Team versagt hat? beantwortet werden könne, sei es möglich, sinnvolle präventive Verbesserungsmaßnahmen herauszufinden und umzusetzen.

"Die Crew stürzt mit ab, wenn etwas schief geht"

"In der Luftfahrt waren es die Abstürze, die zum Umdenken geführt haben!", sagt Flugkapitän Hans Härting, der seit vielen Jahren sein Wissen aus der Luftfahrt in die Entwicklung von effizienten Trainings im medizinischen Bereich einbringt. Die Einführung entsprechender Trainings in der zivilen Luftfahrt stellte in den 1970er Jahren den Beginn einer neuen Ära dar. Die Auswirkung dieser Trainings auf die Flugsicherheit war derart groß, dass sie bald gesetzlich vorgeschrieben wurden. Die Sicherheit in der Luftfahrt verbesserte sich damit sprunghaft.

Der Grund für den raschen Systemfortschritt in der Luftfahrt liegt für Härting auf der Hand: "Die Crew ist gemeinsam mit den Passagieren betroffen, wenn etwas schief geht. Das war der beste Grund für Unternehmen und auch die Crew selbst, diese Sicherheit einzufordern. Wer würde noch fliegen, wenn im Monat zwei Flugzeuge in Europa abstürzen würden? Niemand."

Im Krankenhaus bleibt das Team im Gegensatz zum Patienten physisch in der Regel zwar unbeschadet, die Angst vor rechtlichen Folgen, Statusverlust und Karriereschaden ist jedoch auch unter Ärzten berechtigterweise groß. "Diese Teams zu trainieren, Fehler rechtzeitig zu entdecken und zu vermeiden ist daher unbedingt auch im Interesse der Ärzte. Eigentlich sollten sie am meisten darauf bestehen", so  Pateisky. Wie in der Luftfahrt fordert er solche Team-Trainings auch als Verpflichtung in der Medizin und appelliert diesbezüglich an die Systemverantwortlichen - von der Bundespolitik über die Krankenhausträger bis in die Krankenhausdirektionen und Abteilungsleitungen. (red, derStandard.at, 11.9.2012)

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6 Postings
Vorbild Luftfahrt endlich umsetzten!!!

das bedeutet:
800 Arbeitsstunden imJAHR,
7000.- Netto im Monat
und wenn der Arzt sich nicht fit fühlt,
meldet er sich einfach "unfit to treat"

Dann kann man auch gemütlich vor jeder Operation 2 Stunden Checkliste spielen.

Sorry, ich hab noch 500.000.- Euro Pensionsabfertigung am Schluß vergessen!

-> Ja zum AUA Kollektivvertrag!!

Raum Zeit und Geld

Die Teams stimmen der stichporbenartigen Kontrolle der Einhaltung einer 0,0 PromilleGrenze im Kranhkenhausbereich zu und bekommen dafür Medical Team Training mit entsprechendem Raum und Zeit zur Verfügung. Plus jährlich 3-wöchigem bezahltem Teamtraining (Simulator,Fortbildung), und die Berechtigung zur Entschleunigung in komplexen Situationen. (Arbeitsdruck-Kostendeckung). Muss man nur die Stundenkosten berechnen, kalkulieren und bezahlen. Der Patientengesundheit wird es gut tun. In der Börse wird es schmerzen. Je höher der Perfektionsgrad desto teurer pro ZehntelProzentpunkt.

Jetzt kommtz raus:

ärztliche "Fehler" sind nicht fachbedingt, sondern schlampigerweise schnapsbedingt...
und keine/r wagte es, das auch auszusprechen...
insbesondere nicht in Kakanien.

Dafür muss es mal ein Team oder den Teamgedanken geben

und keine Aufspaltung des Personals in Günstlinge und Nichtgünstlinge.

Solange sich viele Vorgesetzte bei der Morgenbesprechung immer den selben Mitarbeitern zu- und von anderen abwenden, ist die o.a. Idee eine süße Träumerei.

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