Mädchen auf Reisen

10. September 2012, 18:37
  • Merkel und Faymann vor dem Cafe Sacher.
    foto: apa/bka/andy wenzel

    Merkel und Faymann vor dem Cafe Sacher.

Nur gute Nachrichten: Merkel in Wien und der "Kurier" verbessert Österreich

In welches Weltblatt man auch schaute - nur gute Nachrichten. Die deutsche Bundeskanzlerin ist nach ihrem Besuch in Wien wieder gesund zu Hause angekommen, was nach den Anforderungen, denen sie hier ausgesetzt war, nicht selbstverständlich ist. "Euro-Gipfel mit Oper & Sachertorte", fasste "Österreich" "Angela Merkels Kurztrip" zusammen, sparsam im Vergleich zur "Kronen Zeitung", die gleich "auf ein Schnitzerl mit Angela & Joachim" gehen durfte. Das war ihr eine doppelseitige "Reportage" wert, und man musste nur die Einleitung lesen, um zu erkennen, dass die Reporterin keine andere sein konnte als Marga Swoboda. "Ein paar Stunden Wien. Krisen-Politik. Trotzdem: eine Liebesreise. Es gibt Momente, da ist die deutsche Kanzlerin einfach nur ein Mädchen."

Das war nicht nur so dahingesagt, denn "es steht der Kanzlerin sehr gut, wenn sie ihren Mann dabeihat. Nicht, dass sie herumturteln würden wie einst im Mai oder wie Carla Bruni und Sarkozy. Aber da ist immer etwas Mädchenhaftes in Frau Merkel, wenn ER an ihrer Seite ist."

Begreiflich, dass auch Frau Swoboda dieses Wesen namens "Herr Sauer" testen wollte. "Wenn man das fragen darf: Wie ist eigentlich ER, der Mann von Angela Merkel so? Man weiß, er ist ein kluger Professor. Chemie. Man kennt seinen Mecki-Haarschnitt und seine Abneigung gegen eine plumpe Interpretation der FIRST-MAN-Rolle. Aber kluger Professor mit Mecki-Haarschnitt" ist noch nicht alles. "Ein herrlicher Gesprächspartner. Witzig, klug, selbstbewusst ohne die allerkleinste Meine-Frau-ist-Kanzlerin-Irritation. Die Reise nach Wien war gewissermaßen auch eine Liebesreise."

Jetzt nicht erwarten, "dass sie herumturteln würden wie einst im Mai, nein, man liebt die Oper, die Musik, Herr Sauer könnte sich mit vielen Experten anlegen. In einem Interview mit der Frauenzeitschrift 'Brigitte' ist Angela Merkel einmal recht salopp mit ihren Gefühlen herausgerückt." Nicht so in einem seriösen Blatt wie der "Krone": "Die weltmächtige Angela hält sich längst sehr zurück mit solchen Geschichten aus dem eigenen Haushalt. Aber verloren hat sie ihre Chemie der Liebe und der Bodenständigkeit nicht. Sagen die Faymanns", und die sagen es - wie gewohnt mit Konterfei des Kanzlers - der "Krone" weiter: "Es gibt noch immer diese Momente, da ist sie einfach nur EIN MÄDCHEN." Und für ein solches wäre es unklug, "ihre Chemie der Liebe und" vor allem "der Bodenständigkeit" zu verlieren, wenn "ein kluger Professor, Chemie, mit Mecki-Haarschnitt", wie 'Brigitte" enthüllte, "daheim gewissermaßen die Hosen anhat - und zwar ohne die allerkleinste Meine-Frau-ist-Kanzlerin-Irritation". Dabei, "wie praktisch eigentlich, dass Frau Merkel den Namen ihres ersten Ehemannes behalten hat. Frau Bundeskanzler Angela Sauer - wie viele doofe Wortspiele ihr damit erspart bleiben." Das ist aber auch schon alles, was ihr die "Krone" erspart.

Sorgte der Mädchenbesuch für Stimmung, hauchte der "Kurier" der Nation die Gewissheit ein: Alles wird gut! Und zwar dank seiner Aktion "Wir verbessern Österreich". Der Chefredakteur war unter dem Panier seines Leitartikels "Gegen alle Ängste" noch gar nicht vorangegangen, da forderten "'Kurier'-Leser beim Tag der offenen Tür im 'Kurier'" auch schon: "Handeln statt reden". Kein Wunder: "Perfektes Kaiserwetter zur 'Kurier'-Premiere! Nicht umsonst stand die Veranstaltung unter dem Motto die 'Leser sind am Wort'". Dass es "nicht umsonst" sein durfte, verstand sich von selbst, ging es doch um nicht weniger als darum: "Wir verbessern Österreich."

In weiser Selbstbescheidung versprach der Chefredakteur: "Wir - das sind nicht die Redakteure des 'Kurier'". Er schob die Verantwortung vielmehr gekonnt ab: "Wir, das sind Sie, die Leserinnen und Leser." Wenn Österreich nicht bald besser sein sollte, ist wenigstens nicht die Redaktion schuld. Anlass der Aktion ist für den Chef die "Angst. Überall ist sie zu spüren, die Angst vor Veränderung, die Angst vor Fremden", etc. Woher sie kommen könnte, hat er leicht erklärt. "Kaiser Karl V. rühmte sich, in seinem Reich würde die Sonne nie untergehen. Das stimmte trotz der neuen Besitzungen auf dem amerikanischen Kontinent zwar nicht, aber die Ausdehnung des Habsburgerreiches hatte ihren zerbrechlichen Höhepunkt erreicht." Und vom "Höhepunkt der Ausdehnung" an ging es über "Osmanen, Franzosen und natürlich Preußen", ferner zwei Weltkriege kontinuierlich bergab bis letztes Wochenende, als der "Kurier" endlich antrat, das Ruder herumzureißen. Sollen die Leser zeigen, was sie können. (Günter Traxler, DER STANDARD, 11.9.2012)

Ich liebe den Blattsalat!

Aber könnt ihr die Zitate bitte wieder kursiv machen statt ständig Anführungszeichen zu schreiben? Nimmt dem Ganzen irgendwie den Witz :) (Und besser ausschauen tut's auch.)

Danke. Wenn dieses Land die Medien hat, die es verdient, ist Österreich ein Großverdiener an Hinterwäldlerischem. Und jene Frau M.G. und diese ganzen NEWS-"Reporter" etc. halten sich für Edelfedern.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.