Hirschtänze für einen friedlichen Tod

Margarete Affenzeller
10. September 2012, 18:25
  • Libidinöse Weckrufe mit Laubschmuck: Anna (Dorothee Hartinger) und Arthur (Fabian Krüger) als versprengte Hochzeitsgäste in "Der Komet" am Akademietheater.
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    foto: apa/neubauer

    Libidinöse Weckrufe mit Laubschmuck: Anna (Dorothee Hartinger) und Arthur (Fabian Krüger) als versprengte Hochzeitsgäste in "Der Komet" am Akademietheater.

Justine del Cortes Tragikomödie "Der Komet" zielt unter die Gürtellinie, erregt in der Regie von Roland Schimmelpfennig die Gemüter aber keineswegs

Auf einen spaßigen ersten Teil folgt am Akademietheater der schwülstige Stillstand. 

Wien - Eine ungewöhnliche Hochzeitsgesellschaft ist in Justine del Cortes Stück "Der Komet" zusammengekommen. Zehn Jahre nach der Eheschließung soll diese mit all den Festgästen noch einmal gefeiert werden. Revivals sind bei Leuten von heute nun einmal in. Doch die Braut Elisabeth (Sylvie Rohrer) hat einen speziellen Grund für diese Wiederholung: Sie möchte sämtliche schöne Erinnerungen mehren - für den Fall, dass man im Tod einmal vom Leben träumen wird.

An diesem brütend heißen Sommertag nehmen die Festgäste auf einer Wiese nahe einem Teich die Nachstellung der Hochzeit vor. Alles soll wieder so schön werden, wie es damals war. Im Akademietheater, wo Roland Schimmelpfennig, Ehemann der Autorin, der Tragikomödie am Sonntagabend zur Uraufführung verhalf, erzittern einem Apfelbaum beim Anblick des falschen Paradieses die giftgrünen Blätter. Davor ragt eine schwarze Rampe (Bühne: Schimmelpfennig und Silvia Platzek) in den Zuschauerraum, auf der im Verlauf des fast dreieinhalbstündigen Abends die Beteiligten abgründige Wahrheiten hervorkehren.

Eine Tischgesellschaft als Ort der Eskalation, als Ort des tiefen Falls vom Hochgefühl in die Depression - das ist von "Jedermann" bis Thomas Vinterbergs "Das Fest" ein klassischer Topos der Dramenliteratur. Bei Justine del Corte löst sich die Runde allmählich in versprengte Pärchen auf, die abgründige Geheimnisse offenbaren. So hatte etwa der schnieke Bräutigam (Fabian Krüger) bereits am Hochzeitstag Lust auf eine andere (Corinna Kirchhoff). Die von Anfang an herbeiinszenierte dionysische Schwülstigkeit im Zeichen des Gottes der Fruchtbarkeit löst sich allerdings nicht ein.

Zwar röhren Martin Reinke als Sexgott mit Bangladesch-Erfahrung und Peter Knaack als Jungvater kräftig in den Spritzeimer, und es rüstet sich Dorothee Hartinger (ulkig) mit löchrigem Kleid für den Hirschtanz. Doch wirkt das alles ein wenig schief aufgesetzt wie die Geweihäste und die Blumenkränze, die man für den Hauptakt flicht. Erster Teil: vorwiegend platter Boulevard.

Dem wunderlichen Unterfangen gewinnt immerhin Barbara Petritsch als Dame im Palmenprintkleid (Kostüme: Lane Schäfer) herbe Sprüche ab. Sie zieht das romantische Geflirre mit dumpfen, tiefen Tönen immer wieder auf den Boden der Realität herunter. Auch Unmengen Chablis, im Schaffel eingekühlt und stets in fusselig geredete Kehlen geschüttet, können die scheinbar übermäßige Brünftigkeit der anwesenden Personen nicht kühlen.

So recht glauben will man das alles aber nicht. Am allerwenigsten die Todesfürchtigkeit, die Justine del Corte diesen Menschen aufbürdet. In Gestalt von Martin Schwab nimmt deshalb auch ein Verblichener an der Hochzeitsfeier teil. Das nach der Pause folgende Satyrspiel wird dafür aber der noch weitaus schlechtere Beleg.

Hier versuchen Autorin und Regisseur den schwermütigen Subtext des Stücks geballt nachzureichen, das Trauma von nachwirkenden Kriegen, die Gewissheit von der Schlechtigkeit des Menschen. Das führte zum endgültigen Stillstand des Abends. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 11.9.2012)

 

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2 Postings
Schimmelpfennig raus! Und Franzobl gleich mit.

"Verblichener"

Jetzt hab ich doch fast den Martin mit dem Werner verwechselt.

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