Überlanger Treppenwitz

10. September 2012, 18:26

Wiederaufnahme von Verdis "I Vespri Siciliani"

Wien - Parallel zum traditionellen Auftaktschwerpunkt mit (heuer acht) Dirigaten des Generalmusikdirektors ("Don Carlo", "Arabella") ist an der Staatsoper nun die erste von fünf Wiederaufnahmen der Saison zu erleben: Giuseppe Verdis in der späten Mitte seines Schaffens entstandenen "I Vespri Siciliani".

Neben einer Heerschar belastbarer Bühnenarbeiter war für Direktor Dominique Meyer wohl auch ein gerüttelt Maß an Courage nötig, die unsägliche Inszenierung Herbert Wernickes - ein überlanger Treppenwitz, eine Zumutung, Betrug am Auge - wieder auf die Bühne zu hieven.

Vielleicht geschah es ja, um einem der lange geliebten Stars der Staatsoper wieder einen großen Auftritt zu bieten: Ferruccio Furlanetto. Im kommenden Mai wird er am Haus auch einen Liederabend geben - mit einer Einspielung der "Winterreise" hat der 63-Jährige ja im letzten Jahr überraschende Wanderungen auf diesem Terrain unternommen.

Den Procida, den Medicus als Revolutionär, hat Ferruccio Furlanetto schon bei der Premiere der Wernicke-Inszenierung vor 14 Jahren gesungen, und er tat es am Sonntag mutmaßlich um keinen Deut weniger eindrucksvoll als damals. Eine Klasse für sich schon das differenzierte Spiel des Routiniers; eine Klasse für sich selbstredend auch seine vokale Leistung: diese noble Schwärze, diese gefasste Macht seines Organs. Sein Bass erinnerte an ein mit Samt ausgeschlagenes Kellergewölbe mit tiefem Fundament und umfassendem Volumen.

Eher Richtung wild gewordene Hornisse tendierte Angela Meade bei ihrem Hausdebüt (als Herzogin Elena): In der druckvollen Attacke konnte sich ihr durchschlagskräftiger, etwas glanzschwacher Sopran am besten präsentieren. Im lyrischen Leisen jedoch definitiv weniger: Ihre Pianissimi waren kaum mehr als irritierendes Flackern. Das Publikum feierte sie nichtsdestotrotz, wohl wegen ihrer couragiert-kämpferischen Attitüde.

Gabriele Viviani und Burkhard Fritz wiesen als Monforte und Arrigo auch den Stimmcharakter betreffend eine gewisse Vater-Sohn-Ähnlichkeit auf. Beim stimmlagengemäß dunkler, kräftiger getönten Bariton von Viviani entsprachen zudem seine optischen Qualitäten seinen vokalen; eindrucksvoll seine Präsenz bei der großen Soloszene zum Beginn des dritten Akts. Fritz hielt sich mit seinem hellen Tenor klugerweise meist im Bereich eines milden Fortes auf; Bacchus und Parsifal können ein Tenororgan in den exponierten Lagen etwas abnützen. Von lautstarker Präsenz der Chor.

Im Orchestergraben streifte Gianandrea Noseda - er hat mit Anna Netrebko schon eine Arien-CD eingespielt - bei erregt-emotional klingenden Geschäftsgängen mit seiner hyperaktiven Rumpelstilzchen-Art öfters die Grenze zu etwas platter, stumpfer Stadttheater-Verve; im Delikaten gelangen dem Enthusiasten wundervolle Momente.

Das Staatsopernorchester - die ersten Kräfte der Philharmoniker waren wohl bei den BBC Proms in London - werkte mit Mittelmaß, die Intonationstrübungen bei den Streichern zu Beginn sollten sich im Lauf des dreieinhalbstündigen Abends verlieren. Großer Jubel für Furlanetto. (Stefan Ender, DER STANDARD, 11.9.2012)

Termine: 12., 15.,18. 9. um 19.00 

Eine etwaige ursprüngliche Qualität der Inszenierung

ist beim besten Willen bei dieser Wiederaufnahme nicht zu erkennen! Die Darsteller überwinden die vielen Stufen höchst mühevoll und voll unfreiwilliger Komik - aber was noch wesentlicher ist: Es ist absolut nicht zu erkennen, WARUM dieses Werk auf die Bühne gebracht wurde. Es wurde nicht einmal im Ansatz danach gesucht, für ein heutiges Publikum eine Dringlichkeit dieser Geschichte zu finden. Vielleicht lernt Herr Meyer ja noch, wie man eine Oper leitet. Er hat ja noch Zeit...

Dringlichkeit

der Geschichte? Es ist Verdis Musik, um die es geht - auch dem heutigen Publikum! Wer's nicht so sieht, bleibe einfach draußen...

Noseda

Dass der Mann 10 Jahre lang Chef des BBC Philharmonic war und etwa 50 CDs aufgenommen hat könnte man als bezahlter Kritiker auch wissen (oder recherchieren - wiki und amazon reichen dafür).

Dass er Netrebkos erstes DG-Recital betreut hat, ist sicher die am wenigsten relevante Geschichte. Wozu das überhaupt angemerkt wurde, bleibt ohnehin schleierhaft.

Ist "Stefan Ender" ein Pseudonym von Wilhelm Sinkovicz?

Nachweislich - trotz gewisser Übereinstimmungen beim Belobhudeln und Niedermachen bestimmter Künstler - nein.

Ob das jetzt eine gute oder schlechte Nachricht ist, müssen sie allerdings selbst entscheiden.

P.S.: Wernickes "Vespri" zählt nicht zu seinen besten Produktionen (wie etwa "La Calisto" oder "Elektra" - die gibt es beide auch als Konserve), bietet mit der Treppe aber eine Einheitskulisse, auf der sich durch die gewonnene Vertikale im Spiel gerade bei Konfrontations- und Massenszenen bemerkenswerte Bilder ergeben.
Und WIE die Personen über die Treppe geschickt oder auf ihr platziert wurden, war jedenfalls in der Premierenserie sehr ausgefeilt und eindrucksvoll.

Aber Stefan hat den Ehrgeiz so zu werden, wie sein grosses Idol und ich finde, er macht das hervorragend!!!

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