Ein Leben wie im (Alb-)Traum

  • "Stellen Sie sich vor, Sie träumen. Irgendwann wachen Sie auf und wissen, 
Sie sind wach. Wenn Sie über den Traum nachdenken, wissen Sie den 
Unterschied zwischen Traum und dem Leben nach dem Aufwachen. Menschen, 
die an Depersonalisation/ Derealisation leiden, wissen den Unterschied auch, nur haben sie das 
Gefühl, sie befinden sich weiterhin in einem Traum", gibt Nicole von der Wiener Selbsthilfegruppe Einblick in die Wahrnehmung Betroffener.
    foto: ap/eugene hoshiko

    "Stellen Sie sich vor, Sie träumen. Irgendwann wachen Sie auf und wissen, Sie sind wach. Wenn Sie über den Traum nachdenken, wissen Sie den Unterschied zwischen Traum und dem Leben nach dem Aufwachen. Menschen, die an Depersonalisation/ Derealisation leiden, wissen den Unterschied auch, nur haben sie das Gefühl, sie befinden sich weiterhin in einem Traum", gibt Nicole von der Wiener Selbsthilfegruppe Einblick in die Wahrnehmung Betroffener.

  • Cambridge Depersonalisation Scale

    >> Testbeschreibung und Auswertungshinweise des Leibniz-Zentrums für Psychologische Information und Dokumentation

    Download

Unwirklich, fremd oder wie hinter einem Schleier nehmen Menschen sich selbst oder ihre Umwelt wahr, wenn sie unter einer Depersonalisation oder Derealisation leiden

Fühlen Sie sich manchmal wie im Traum? Haben Sie das Gefühl, als würden Sie die Welt durch einen Schleier betrachten, so dass Personen und Gegenstände weit entfernt, undeutlich oder unwirklich erscheinen? Kommt Ihnen Ihre eigene Stimme, Ihr Körper oder Teile Ihres Körpers fremd vor?

So oder ähnlich lautet der diagnostische Fragenkatalog zum Krankheitsbild Depersonalisation und Derealisation (DP/DR). Handelt es sich dabei um wiederkehrende Episoden oder gar um eine länger anhaltende Phase, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, an dieser weit verbreiteten und doch weitgehend unbekannten psychiatrischen Erkrankung zu leiden.

"Neben sich" und "außer sich"

Nimmt man sich selbst, seinen Körper, seine Stimme als "unwirklich" wahr, sprechen Experten von Depersonalisation. Bezieht sich dieses Erleben auf die Umwelt, ist von Derealisation die Rede. Oft gehen beide Symptome Hand in Hand. "Nicht selten sind die Betroffenen von der Angst beherrscht, 'verrückt' zu werden", berichtet Matthias Michal, leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Mainz und Leiter der Spezialsprechstunde Depersonalisation Derealisation.

Überhaupt ist es die Erfahrung, von niemandem verstanden zu werden, die den Alltag der DP/DR-Patienten prägt. Denn erschwerend zur Symptomatik sind die Veränderungen der eigenen Wahrnehmung nur schwer in Worte zu fassen. Wie lässt sich auch anderen gegenüber die Tatsache vermitteln, dass man sich selbst und/oder die Umwelt als verändert, fremd, nicht zu einem selbst gehörig, leblos, fern oder unwirklich wahrnimmt?

Bis zu zwei Prozent Betroffene

Etwa 70 Prozent der Bevölkerung erleben im Lauf ihres Lebens mindestens einmal eine diskrete Depersonalisation, 0,8 bis zwei Prozent leiden unter schwerer Depersonalisation beziehungsweise Derealisation, besagen aktuelle Daten der Mainzer Klinik und Poliklinik. Das entspricht etwa der Anzahl an Menschen, die an Magersucht oder Epilepsie erkrankt sind. Bis zu 40 Prozent der Patienten in stationärer psychosomatischer oder psychiatrischer Behandlung weisen eine klinisch relevante DP/DR auf.

Obgleich bei der Patienten-Erstbefundung standardmäßig nach Symptomen der DP und DR gefragt werden sollte, ist Depersonalisation laut Michal eine Störung, die sehr häufig der Befundung entgeht. So wird in Deutschland die Diagnose nur bei 0,007 Prozent der Bevölkerung gestellt. Damit findet sich DP/DR in der Schublade der "seltenen Erkrankungen".

Depersonalisation offiziell

Die Realität ist eine andere: "Das ist eine so gängige Diagnose wie Depression oder Panikstörung", weiß Michal. Und eine große Unbekannte ist das Erkrankungsbild ebenfalls nicht. Im Gegenteil, die DP ist seit langem erforscht. Einer der Pioniere war der in Wien geborene Paul Schilder, unter anderem mit seinem Werk "Selbstbewusstsein und Persönlichkeitsbewusstsein". 1914 definierte er DP als einen "Zustand, in dem das Individuum sich im Vergleich mit seinem früheren Zustand durchgehend verändert fühlt. Diese Veränderung erstreckt sich sowohl auf das Ich als auch auf die Außenwelt und führt dazu, daß das Individuum sich als Persönlichkeit nicht anerkennt. Seine Handlungen erscheinen ihm automatisch. Er beobachtet als Zuschauer sein Handeln und Tun. Die Außenwelt erscheint fremd und neu und hat ihren Realitätscharakter verloren."

Gespanntes Verhältnis zum Arzt

"Nicht zuletzt deshalb, weil DP/DR als seltene Erkrankung gilt, wird ihr kaum Beachtung geschenkt", sagt Nicole (Name geändert), Initiatorin der Selbsthilfegruppe für Depersonalisation/Derealisation in Wien. "Umso wichtiger ist es, eine Diagnose zu bekommen, damit die Krankenkassen über die Anzahl an erkrankten Personen Bescheid wissen und Maßnahmen setzen können", appelliert die selbst Betroffene für den eigenverantwortlichen Weg zum Arzt.

Ein Schritt, der allerdings oft nicht die erhoffte Hilfe bringt: "Leider haben die meisten Betroffenen keine guten Erfahrungen beim Psychiater gemacht", spricht Nicole für die Teilnehmer der Selbsthilfegruppe. "Auch deshalb, weil man Depersonalisation und Derealisation den Patienten meistens nicht ansieht." Falsche Diagnosen würden gestellt, DP und DR als psychotisches Erleben oder Schizophrenie eingestuft, obwohl entgegen der Charakteristik dieser Befundung die Realitätsprüfung voll intakt sei. Aus diesen Diagnosen heraus würden oft Medikamente verordnet, die nicht helfen und die Symptome noch schlimmer machen.

Extreme Einschränkungen

Betroffene schildern extreme Einschränkungen, die mit der Depersonalisation einher gehen. Stress soll die Symptome verstärken, und jede überfordernde Situation kann zu einer Verschlimmerung der DP/DR führen. Oft in Verbindung mit heftigen Panikattacken. Vielen ist es daher nicht möglich, einen "normal" stressigen Job zu machen.

"Stellen Sie sich vor, Sie träumen. Irgendwann wachen Sie auf und wissen, Sie sind wach. Wenn Sie über den Traum nachdenken, wissen Sie den Unterschied zwischen Traum und dem Leben nach dem Aufwachen", versucht Nicole von der Selbsthilfegruppe die Befindlichkeit zu vermitteln. "Menschen, die an DP/DR leiden, kennen den Unterschied auch,  trotzdem haben sie das Gefühl, sie befinden sich weiterhin in einem Traum."

Depersonalisation in Literatur und Film

Aufmerksame Menschen begegnen der Erkrankung auch in der Literatur und im Film. Etwa in Haruki Murakamis "Sputnik Sweetheart", wo der japanische Schriftsteller seine Akteurin Sumire erzählen lässt: "Ich schreibe diesen Brief in einem Straßencafé, während ich einen Espresso trinke, der dick ist wie Teufelsschweiß, und ich das sonderbare Gefühl habe, nicht ganz ich selbst zu sein ... Seit ich aus dem Flugzeug gestiegen bin, habe ich dieses sehr reale und doch abstrakte Gefühl, mich in einer Illusion zu bewegen."

Eine weitere Akteurin, Miu, kommt zu Wort: "Ich war früher lebendig und bin es auch jetzt, während ich dir hier gegenübersitze und mit dir rede. Aber die Person, die du vor dir siehst, bin nicht ich. Sie ist nur ein Schatten meines früheren Ichs. Du lebst wirklich, ich nicht. Selbst meine Stimme, meine eigenen Worte, hallen so dumpf in meinen Ohren, wie ein Echo ..."

Auslöser unbekannt

In Hollywood ist Depersonalisation ebenfalls ein Thema. So schildert Autor und Regisseur Harris Goldberg in der Tragikomödie "Numb - Leicht daneben" seine autobiografischen Depersonalisierungs-Erfahrungen nach dem Genuss eines Joints. "Der Film beschreibt genau das Krankheitsbild des Betroffenen: dass er falsche Diagnosen bekommt, dass der Therapeut während der Sitzung einschläft und so weiter", sagt Matthias Michal.

"Bis die Betroffenen eine adäquate Diagnose und Therapie erhalten, vergehen oft Jahre, in denen zahlreiche Ärzte aufgesucht werden", berichtet Michal aus seiner Praxis. Häufig treten die Symptome nach einem Angstanfall, einer körperlichen Erkrankung oder nach dem Konsum von Drogen auf. Oft können die Betroffenen jedoch gar keine Auslöser benennen. Was aber auch nicht Voraussetzung für eine Therapie ist, denn diese beginnt mit dem Bewusstsein über die richtige Diagnose. (Eva Tinsobin, derStandard.at, 25.9.2012)

 

Zum Thema:

"Ich stehe permanent neben mir"

"Das Symptom ist nicht in Beton gegossen"

Adressen und Literatur

Share if you care