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vergrößern 600x600Die "Moldau" vor dem Wiener Parlament als CD-Cover.
vergrößern 600x885Bob Dylan im Mai 2012 kurz vor Verleihung der Medal of Freedom, des höchsten US-Ordens für Zivilisten, im Weißen Haus.
Wien - Natürlich geht alles zu Ende. Nur noch nicht jetzt. Um deshalb ein ungutes Gefühl zu haben, muss man weder besonders katholisch, noch Anhänger irgendeiner in den Wäldern Ohios sektiererisch betriebenen Untergangskirche und deren Offenbarungen sein. Von wegen, die Siegel sind zerbrochen und die Zeichen erscheinen am Firmament: Den Weltuntergang organisieren wir Menschen uns lieber selbst!
Deshalb lässt Bob Dylan ein Narrenschiff namens Titanic im Titelsong seines neuen Albums "Tempest" fröhlich-fatalistisch, von Menschen gelenkt, im Walzertakt Richtung Untergang schaukeln. Irgendwann während 45 von keinerlei Refrains verstellten Strophen kommt der Eisberg. Dylan krächzt genüsslich, was dann im Todeskampf so alles passiert.
Alles geht zu Ende. Das Bordorchester hält sich krampfhaft an den Instrumenten fest, die Scheinheiligen an der Bibel, die Verliebten an den Geliebten; ein Gottesmann fällt vom Glauben ab. Nur dem Erzähler scheint der Untergang reichlich egal zu sein. Aber vielleicht befindet er sich gar nicht an Bord, sondern sitzt nur im Kino. Schließlich huscht ein gewisser "Leo" im Lied auch durchs Bild. Am Ende der Moritat heißt es lapidar: "Die Dinge haben ihren Lauf genommen."
Und die Moral von der Geschicht'? Bob Dylan ist mit 71 zu alt, um sich für seine Nachwelt noch mit Sinnfragen zu beschäftigen. Denken kann sein an Anspielungen und Metaphern und prächtigen, überlebensgroßen Bildern geschultes Publikum hoffentlich selber.
Bob Dylan erzählt Geschichten. Geburt, Schule, Arbeit, Tod. Die Fluten, die über die Titanic hereinstürzen, sie sind keine Bilderfluten, hervorgerufen von einem richtenden Gott. Bob Dylan singt über Wasser. Vor dem Feuer kann man davonlaufen, gegen Wasser hat man keine Chance. Wenn es am Ende eines Lebens eine kleine, eine bescheidene oder wenigstens irgendeine Weisheit geben sollte, dann diese: Über kurz oder lang wird man im Wasser untergehen. Punkt. Aus.
Im Vorfeld der Veröffentlichung von "Tempest", dieses nach 50-jähriger Schallplattenkarriere 35. Albums, hieß es, Dylan wolle nach diesbezüglich etwas durchwirkten Vorgängeralben wie "Slow Train Coming", "Saved" oder "Shots Of Love", allesamt vor gut drei Jahrzehnten in seiner durchwegs als wirr empfundenen "christlichen Phase" entstanden, wieder einmal eine religiös geprägte Arbeit vorlegen. Leider aber haben ihm dazu der lange Atem, die Themen, schlichtweg das Interesse gefehlt.
Man kann es auch anders sagen: Inzwischen ist Bob Dylan so sehr in archaischen Bildwelten aufgegangen, die er zwischen den Bibeldeckeln, in alten Folksongs aus den amerikanischen Weiten, in der Weltliteratur und im Kino findet, dass das Predigen unmöglich geworden ist. Die Kurzfassung von Himmel und Hölle lautet: Leben. Das bin ich, sagt er. Das seid ihr, meint er. Und jetzt gehet hin und macht daraus, was ihr wollt.
Bob Dylan befindet sich seit seinem letzten großen, dunklen und auch das Ende verhandelnden Album "Time Out Of Mind" von 1997 wieder in Hochform. Vergessen und vergeben das im Schatten von 9/11 etwas arg deplatzierte Rentnermusikalbum "Modern Times" oder die kaum erinnerlich gebliebenen Liebeslieder von "Together Through Life" von 2009, dem Jahr, in dem Dylan auch mit der Wahnsinnstat "Christmas In The Heart" über die Welt kam.
Die mit seiner Tourband in nur wenigen Tagen im Studio eingespielten zehn Songs von "Tempest" sind Dylans stärkstes Material seit langer Zeit. Und Dylan ist auch bereit, den quälenden Altmännerblues der letzten Jahre ein wenig zu drosseln. Wobei in diesem Zusammenhang "Narrow Way" und vor allem die von Muddy Waters bekannte Mannish-Boy-Paraphrase "Early Roman Kings" gehörig nerven.
Sehr schön allerdings die auf traditionellen Melodien fußenden Folksongs über verlorene Lieben wie "Scarlet Town" oder "Tin Angel" - oder die John-Lennon-Hommage "Roll On John" sowie der im forschen Western-Swing-Tempo rollende Güterzug in "Duquesne Whistle". Hier kommt auch Dylans von lustigen Zigaretten und endlosen Tourneen zerschossene Stimme besonders gut zur Krächzung.
Am Ende könnte man einen Satz von Iain Levison aus "Hoffnung ist Gift" schreiben: "Ich bin jetzt lange genug hier, um die Dinge halbwegs einschätzen zu können. Was wirklich Sinn hat und was nicht. Nichts hat einen Sinn." Bob Dylan lacht heiser. Das Gelächter geht in Husten über. Die Tür des Tourbusses schließt sich. Er muss weiter. Andere Menschen in anderen Städten wollen auch, dass ihnen nicht gepredigt, sondern etwas erzählt wird, das nicht gut ausgeht.
Auf dem Cover von "Tempest" sieht man übrigens die "Moldau"-Statue als Teil des Pallas-Athene-Denkmals vor dem Wiener Parlament. Warum, weiß keiner. Vielleicht deshalb: Weil es sie gibt. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 11.9.2012)
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Also ich habe mir nun aus Interesse manche "professionelle" Rezensionen im Internet durchgelesen - viele davon (vielleicht auch übertriebene) Lobhudelein, doch nicht alle
diese hier Rezension war wirklich die schrägste - anscheinend hat es Schachinger aufgeregt als Dylan sagte, er hätte eigentlich eine religiöse Platte aufnehmen wollen- und dies wurde dann zum Mittelpunkt der Reivew -
und Modern Times als Rentnermusik zu bezeichnen zeigt auch nicht gerade von gutem Geschmak
das schwer zu fassen ist. jemand, der konstant alben, von anfang 20 bis mittlerweile 70, aufgenommen hat, muss sich dementsprechend weiterentwickeln, muss spaß an der sache behalten. und die hörer und kritiker urteilen jeweils aus ihrer eigener lebenssituation heraus, picken sich den dylan heraus, der ihnen gerade entspricht. aber der mann hat das recht, alt zu werden und die musik zu machen, auf die er selbst lust hat.
ich respektier ihn dafür, dass er es sich immer herausgenommen hat, leute auch zu enttäuschen. und der schäumende blick auf jedes neue album und der immer parate verweis auf frühere werke, der lenkt doch eigentlich vom wesentlichem ab - ist es gute musik? ich freu mich jedenfalls auf "tempest", lass' mir zum geb schenken!
Die 10/10-Bewertungen allerorts mag ich nicht ganz teilen, ich erhole mich noch vom Weihnachtsalbum und von "Together Through Life", aber eh gut daß er mit dem Alter noch ein wirklich recht respektables Album hinlegt.
Als Beweis dafür, daß man seine Stimme gut konservieren kann und nicht wie ein getretener Straßenköter mit Nikotinsucht klingen muss (also Dylans-Stimme, wirklich jetzt...), darf man sich auf die Neue von Neil Young freuen: "Psychedelic Pill", yeah!
... schade, dass über den coolsten Song auf dem Album kein Wort verloren wurde ... hier klingt Dylan wie einer, der versucht, wie Dylan zu klingen - oder gar - welch Frevel!!! - ihn zu verarschen. Eigentlich die beste 'Dylan Parodie' seit 'I asked as nice as I could ...' in 'FLAKES' von Zappa ...
das schachinger werk zu lesen und hab jedes mal abgebrochen.. blöd, wenn man schon zuerst in die kommentare unten reinschmökert und dadurch schon die lust und das interesse am lesen des artikels verliert.. was jetzt aber nicht an den schreibern der kommentaren liegt.
Stop this day and night with me, and you shall possess the origin of all poems;
You shall possess the good of the earth and sun—(there are millions of suns left;)
You shall no longer take things at second or third hand, nor look through the eyes of the dead,
nor feed on the spectres in books;
You shall not look through my eyes either, nor take things from me:
You shall listen to all sides, and filter them from yourself.
diese zeilen whitmans, denke ich, beschreiben recht genau, was dylans musik at its best vermag; und vielleicht ist es auch das, worums ihm selbst geht - obwohl man hier, wie meistens bei dylan, nichts sicheres zu sagen vermag. ich jedenfalls würde mich dem phänomen in etwa so nähern.
"highway 61 revisited" oder "blood on the tracks" oder sonst eines der großen werke zu hören, und zu meinen, er sei kein musiker, ist lächerlich.
ob einem die stimme nun gefällt, sei dahingestellt. er hatte sicher nie eine klassische sängerstimme, aber er hatte immer ein ungeheures gefühl für musikalischen ausdruck.
und seine "poesie" hätte niemals dieselbe tragkraft gehabt, wenn er es nicht von anfang an verstanden hätte, sie musikalisch aufzubereiten. das eine geht nicht ohne das andere bei dylan!
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