UNHCR: "Es gibt ständig Beschuss"

Interview |

Dana Sleiman, Sprecherin des UNHCR in Beirut, berichtet im Gespräch mit derStandard.at über die Versorgung der syrischen Flüchtlinge im Libanon

derStandard.at: Tausende Syrer flüchten jeden Tag über die Grenze in die Türkei, nach Jordanien und in den Irak. Wie sieht die Situation im Libanon aus?

Sleiman: Auch in den Libanon flüchten tagtäglich Syrer in Sicherheit. Der Ansturm ist zwar nicht so groß wie in Jordanien, trotzdem sind es hunderte Menschen am Tag. An gewissen Tagen sehen wir auch eine noch höhere Anzahl.

derStandard.at: Es soll Kämpfe an der libanesisch-syrischen Grenze geben. Können Sie diese Berichte bestätigen?

Sleiman: Ja, es gibt ständigen Beschuss, speziell im Norden, wo die Situation immer besorgniserregender wird. Das Einzige, was unsere Mitarbeiter vor Ort diesbezüglich machen können, ist zu versuchen, die Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen. Es ist zwar die Aufgabe der libanesischen Regierung, für Sicherheit zu sorgen, doch im Grenzgebiet zu Syrien ist das eine sehr heikle Angelegenheit für die Behörden.

derStandard.at: Und wie ist die Situation auf der syrischen Seite der Grenze?

Sleiman: Das ist schwer zu sagen. Wir befragen zwar Menschen, die die Grenze überschreiten, trotzdem ist es schwierig, ein klares Lagebild zu erhalten. Wir wissen zwar, dass es Menschen gibt, die auf der syrischen Seite warten, um die Grenze zu überschreiten, doch wir glauben nicht, dass es sich derzeit um eine große Zahl an Menschen handelt. Jene Menschen, die die Grenze überschreiten, können sich bei uns als Flüchtlinge registrieren. Wir haben Zentren im ganzen Libanon, die von morgens bis in den Nachmittag geöffnet haben, um Flüchtlinge zu registrieren.

derStandard.at: Sobald die Flüchtlinge registriert sind: Wie sieht die Arbeit des UNHCR vor Ort aus?

Sleiman: Wir haben ein umfassendes Programm gemeinsam mit zahlreichen anderen Organisationen - vom Kinderhilfswerk UNICEF bis zum Welternährungsprogramm. Wir verteilen Nahrungsmittel und decken zum Beispiel auch den Großteil der Kosten der medizinischen Behandlung ab. Wir helfen auch bei der Renovierung von Häusern von Familien, die Flüchtlinge unterbringen, und versuchen, verlassene Schulen zu Flüchtlingszentren umzubauen. Auch in einigen Schulen im Libanon sind Flüchtlinge während der Schulferien untergebracht.

derStandard.at: Die Schulferien im Libanon enden aber bald. Was dann?

Sleiman: Das ist in der Tat ein Problem. Wir versuchen, gemeinsam mit der libanesischen Regierung alternative Unterbringungsmöglichkeiten zu finden. Es ist ein drängendes Problem, denn das Schuljahr beginnt im Libanon zwischen dem 24. und 29. September. Deswegen ist das im Libanon derzeit unsere Priorität.

Die Zusammenarbeit mit der Regierung in Beirut ist nicht nur dabei exzellent. Wir sind auch sehr dankbar dafür, dass die libanesische Regierung die Grenzen offen gehalten hat. Auch Flüchtlinge, die sich hier illegal aufhalten, dürfen bleiben. Es gibt eine enge Kooperation zwischen der UNHCR und der Regierung beim Versuch, Unterkünfte zu finden, die Gesundheitsversorgung zu verbessern und psychosoziale Unterstützung zu leisten.

derStandard: Im Gegensatz zu Jordanien, der Türkei und dem Irak gibt es im ganzen Libanon keine Flüchtlingslager. Warum?

Sleiman: Die Mehrheit der Flüchtlinge sind bei Gastfamilien oder in Schulen untergebracht, einige wenige in gemieteten Wohnungen. Gastfamilien sind unsere bevorzugte Option, weil das den Flüchtlingen erlaubt, unter relativ normalen Bedingungen zu leben. Es vermindert auch das Risiko, dass Flüchtlinge ausgebeutet werden. Sie sind im Gastland auch weniger sichtbar, weil sie aufgeteilt unter den Einheimischen leben. Es hat aber auch für die Gastfamilien Vorteile. So unterstützen wir Gastfamilien und helfen ihnen zum Beispiel bei der Renovierung ihrer Häuser.

Hätten wir Flüchtlingscamps, wäre es eine relativ abgeschottete Flüchtlingsgemeinschaft. Die Gefahr, dass dadurch eine Stigmatisierung eintritt, wäre - genauso wie die Gefahr von Gewalt - deutlich höher. Außerdem wäre ein Flüchtlingscamp im Libanon auch klimatisch eine Herausforderung. Im Winter wäre es an vielen Orten zu kalt, im Sommer mitunter zu heiß. (Stefan Binder, derStandard.at, 12.9.2012)

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