ORF-Standortfrage als "Glaubenskrieg" unter Stiftungsräten

10. September 2012, 12:50

Ringen um endgültige Standort-Klärung - Suche nach Enterprise-Chef in Zielgeraden - Revision prüft DVD-Produktion für Kärntner Landesregierung

Im Vorfeld der ORF-Stiftungsratssitzung am Donnerstag ringen die verschiedenen Interessensvertretungen im Gremium derzeit noch um eine konsensuale Lösung in Sachen Standort. Gegen jenen Antrag von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, der zwar eine Präferenz für den Küniglberg als zentralen Standort enthält, die Optionen St. Marx und das Beibehalten des ORF-Funkhauses aber offen lässt, regt sich vor allem aus dem bürgerlichen "Freundeskreis" und dem Betriebsrat Widerstand. Stiftungsratsmitglieder sprechen von einem regelrechten "Glaubenskrieg" rund um den künftigen ORF-Standort.

Der ORF-Stiftungsrat hatte in seiner jüngsten Sitzung Ende Juni festgesetzt, dass der ORF weiterhin an den Standorten Küniglberg und Argentinierstraße beheimatet sein soll, sollte Wrabetz in der Plenarsitzung am 13. September keinen anderslautenden Antrag einbringen. Nach Ansicht etlicher Stiftungsräte widerspricht Wrabetz' in der Vorwoche verschickter Antrag der Forderung nach Klarheit und unterlaufe so die Resolution des Gremiums. Geht es nach ÖVP-Stiftungsräten, soll das Thema St. Marx in dieser Woche deshalb endgültig "begraben" werden.

Widerstand der Belegschaftsvertreter

Widerspruch gegen den Antrag soll es aber auch vonseiten der Belegschaftsvertreter geben, die sich schon in der Vergangenheit für den Erhalt des Funkhauses in der Argentinierstraße stark gemacht haben und nun für eine klare Zwei-Standort-Variante plädieren. Nicht zuletzt im SPÖ-"Freundeskreis" finden sich aber weiterhin Befürworter eines Neubaus in St. Marx.

Um bereits vor der Stiftungsratssitzung die Wogen zu glätten, haben sich am vergangenen Donnerstag hochrangige Vertreter des Stiftungsrats mit ORF-Chef Wrabetz und dem Kaufmännischen Direktor Richard Grasl zu einer Art informellem Präsidium getroffen, wobei es aber dem Vernehmen nach zu keiner Lösung gekommen sein soll. Im Rahmen des Finanzausschusses soll die Diskussion am Montagnachmittag weitergehen. Sollte man dabei zu keiner endgültigen Klärung gelangen, könnte sich die Entscheidung über das Wo des künftigen Standorts noch einmal verzögern und der Focus auf die inhaltliche und strukturelle Neuaufstellung gelenkt werden.

Ein trimedialer Newsroom

Wrabetz könnte dann die Planung eines ORF neu an einem Primär-Standort in Auftrag geben, ohne diesen jedoch im Vorfeld festzulegen. Herzstück einer solchen Neuaufstellung wäre ein trimedialer Newsroom. Eine Entscheidung über den Standort könnte in dem Fall erst dann getroffen werden, wenn das Raum- und Funktionskonzept vorliegt. Ob sich eine Mehrheit der Stiftungsräte auf eine weitere Vertagung einlässt, ist derzeit allerdings eher fraglich.

Im Rahmen des Tagesordnungspunktes "Immobilien und Standortfrage" dürfte bei der Plenarsitzung am Donnerstag übrigens auch der geplante Verkauf der Rosenhügel-Studios thematisiert werden. Mit dem Abstoßen des rund 32.000 Quadratmeter großen Areals will der ORF mindestens zehn Millionen Euro erlösen und die laufende Sanierung des ORF-Zentrums am Küniglberg finanzieren.

Neuer Werbechef gesucht

Neben der Standortfrage steht auch die Bestellung eines neuen Geschäftsführers für die ORF-Vermarktungstochter Enterprise auf der Tagesordnung. Am Dienstag endet die Bewerbungsfrist für den neuen Werbechef, der ab 1. Jänner neben Franz Prenner und Beatrice Riesenfelder als Chief Operating Officer (COO) die Enterprise führen soll. Wie der "Standard" berichtet hatte, sollen dem ORF drei von vier Wunschkandidaten für diesen Job abgesprungen sein. Als möglicher Kandidat gilt demnach noch Oliver Böhm vom Privatradio 88,6.

Auf Antrag des Grünen Wilfried Embacher wird sich das oberste ORF-Gremium am Donnerstag auch mit dem Thema der Honorierung von freien Mitarbeitern sowie dem Vorwurf beschäftigen, dass Mitarbeiter des ORF-Landesstudios Kärnten eine DVD produziert haben sollen, die im Landtagswahlkampf 2009 von der Landesregierung an 200.000 Haushalte gemeinsam mit einer BZÖ-Wahlbroschüre versandt worden war. Die ORF-Revision prüft den Fall noch, hieß es dazu aus dem öffentlich-rechtlichen Sender. (APA, 10.9.2012)

 

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