Neurologe: Detektiv in Weiß

  • Eines der Hilfsmittel für diagnostische Zwecke, das Elektroenzephalogramm.
    foto: apa/stephanie pilick

    Eines der Hilfsmittel für diagnostische Zwecke, das Elektroenzephalogramm.

Das Berufsbild Neurologe hat sich grundlegend verändert - Gut so, denn neurologische Erkrankungen nehmen in Österreich zu

Wenn Neurologen behaupten, ihr Fach sei spannend wie ein Krimi, dann kann das Regina Katzenschlager gut nachvollziehen. "Das Gehirn ist einfach das spannendste Organ", beteuert sie. Die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie und interimistische Leiterin der neurologischen Abteilung im Wiener Sozialmedizinischen Zentrum Ost weiß: "In der Neurologie lässt sich bereits aus kleinen Symptomen und Befunden exakt darauf schließen, wo die Probleme sitzen." Schon simpler Kopfschmerz kann beispielsweise eine gefährliche Ursache haben. Im Spital ist er - neben Schwindel - der häufigste Grund, warum beim geringsten Zweifel Neurologen herbeigerufen werden. Denn auch eine Hirnblutung kann sich alleine durch Kopfschmerz äußern.

Grundsätzlich befasst sich die Neurologie mit Erkrankungen des gesamten Gehirns. Darüber hinaus zählen muskuläre und neuromuskuläre Erkrankungen zu diesem Metier. Klassische Erkrankungen und Symptome, die der Neurologe behandelt, sind Kopf- und Rückenschmerzen, Demenzerkrankungen, Schlafstörungen, Schlaganfälle, Epilepsien, Parkinson-Erkrankungen, Multiple Sklerose und Hirntumore. Im Spital tätige Neurologen befassen sich darüber hinaus mit akuten schweren Krankheitsbildern wie Gehirnhautentzündung und Querschnittlähmung.

Gefragter Job

Der Job ist eine Tüftelei. Was genau hat der Patient anamnestisch anzubieten? Wo sind die Krankheitsursachen zu finden? Verdachtsmomente können mit Imaging-Verfahren wie der Magnetresonanztomografie bestätigt werden. Genau hier hat die Spurensuche aber früher oft ihr jähes Ende gefunden.

Heute ist alles anders. Die Neurologie hat sich gerade in den letzten 20 Jahren vom diagnostischen zum therapeutischen Fach gewandelt. Es gibt immer mehr interventionelle Therapiemöglichkeiten, auch wenn viele neurologische Erkrankungen nach wie vor nicht heilbar sind.

Demenzerkrankungen nehmen zu

Detektive in Weiß sind jedenfalls zunehmend gefragt: Österreichs Bevölkerung wird älter, altersassoziierte neurologische Erkrankungen nehmen rapide zu, wie auch die Statistik für Demenzerkrankungen zeigt. Während 1951 noch 35.000 Menschen unter Demenz litten, sind heute bereits mehr als 100.000 davon betroffen.

Einen großen Teil des Arbeitsalltags nehmen Gespräche mit Patienten und Angehörigen ein. Während Ärzte im Spital oft mit Notfällen konfrontiert sind, begleiten Neurologen in der Ordination Patienten über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in ihrem Krankheitsverlauf.

Nicht immer aber suchen Patienten rechtzeitig einen Neurologen auf. "Es gibt noch viel Informationsbedarf", sagt Katzenschlager. Bei Schlaganfällen beispielsweise muss sofort die Rettung gerufen werden. Sind die Anzeichen eindeutig, darf nicht erst der Hausarzt kontaktiert oder im Telefonbuch langwierig ein Neurologe recherchiert werden. Auch bei anderen Krankheiten kann eine frühzeitige Behandlung zu einer wesentlichen Linderung von Beschwerden führen.

Kein Psychiater

Nicht nur das Fach ist im Wandel begriffen, auch seine Ausbildung: All diejenigen, die Interesse an der Neurologie haben, sollen sich nur mehr kurze Zeit der Allgemeinmedizin widmen, um bald mit der Fachausbildung beginnen zu können. Im Gegensatz zu früher kann heute auch leichter mit einem klassischen Berufsklischee aufgeräumt werden: Neurologen sind nicht Psychiater - et vice versa. Die Neurologie ist abzugrenzen von der Psychiatrie, wenngleich diese Trennung in Österreich - im Gegensatz zu den meisten Ländern der Welt - relativ spät vollzogen wurde. Mittlerweile gibt es nur mehr die Ausbildung zum Facharzt für Neurologie oder Psychiatrie. Ärzte, die ihre Ausbildung früher absolviert haben, führen den Facharzttitel für beide Fächer, weil sie das jeweilig andere Fach ein Jahr lang erlernten, dabei führen sie das Hauptfach in ihrer Berufsbezeichnung an erster Stelle an.

Katzenschlager kennt die Verwechslungen: "Der praktische Arzt empfiehlt, gehen Sie doch zu einem Neurologen. Der Betroffene schaut im Telefonbuch nach und landet bei jemandem mit dem Hauptfach Psychiatrie." Gemein aber ist den Fächern, dass sie sich mit dem Gehirn befassen - und: Ein Neurologe weiß mit psychiatrischen Problemen, die im Rahmen von neurologischen Erkrankungen sehr häufig auftauchen, umzugehen.

Kaum Hilfe für Härtefälle

Härtefälle sind für die Neurologin Erfahrungen mit Patienten, denen außer Begleitung kaum Hilfe angeboten werden kann: "In der Neurologie gibt es ein paar besonders schreckliche Krankheiten, etwa einzelne der sogenannten atypischen Parkinson-Syndrome oder die Amyotrophe Lateralsklerose, die zu den neuromuskulären Erkrankungen zählt, bei denen man nur unterstützen kann, weil es keine ursächliche Therapie gibt", erzählt Katzenschlager. Auch plötzliche Ereignisse, die das Leben einer ganzen Familie von einer Sekunde auf die andere völlig verändern, machen betroffen, wie ein Schlaganfall eines jungen Familienvaters.

Die Faszination am Beruf liegt für Katzenschlager im Umbruch, den die Neurologie aktuell vollzieht. Neue diagnostische Methoden lassen nachvollziehen, wo psychologisch klassifizierte Erkrankungen ihre biologischen Ursachen haben. "Mit modernen Methoden des Neuro-Imaging haben Neurowissenschaftler herausgefunden, welche Hirnteile bei welchen Gedanken, Gefühlen oder Entscheidungsprozessen aktiviert werden. Das gibt unglaubliche Einblicke in die menschliche Psyche." Gerade für Detektivarbeit verspricht dieser Wandel auch in Zukunft gewaltige Fortschritte. (Sandra Nigischer, derStandard.at, 10.9.2012)

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