Echter Riese, falscher Zauber

Dorian Waller
9. September 2012, 20:56
  • Christine Urspruch als "Die kleine Frau",  Thomas Bauer als 
Zirkusdirektor und Roman Schmelzer als "Der Riese vom Steinfeld".
    foto: apa/roland schlager

    Christine Urspruch als "Die kleine Frau",  Thomas Bauer als Zirkusdirektor und Roman Schmelzer als "Der Riese vom Steinfeld".

Stephanie Moor inszenierte Peter Turrinis "Der Riese vom Steinfeld"

Wien - Das Theaterspiel ist für Peter Turrini eine offen eingestandene Täuschung - und gerade durch dieses Eingeständnis besonders glaubhaft. Entsprechend groß soll daher die Wahrhaftigkeit seines Volksstücks Der Riese vom Steinfeld sein, das Stephanie Mohr am Volkstheater als Stück im Stück inszeniert.

Turrini verarbeitete den historischen Stoff des angeblich 2,58 Meter großen Franz Winkelmeier, der um 1885 als lebende Attraktion durch Europa reiste und mit 27 Jahren an Lungenentzündung starb, erst für das Libretto von Friedrich Cerhas gleichnamiger Oper. Die Uraufführung der Stückfassung erfolgte bereits 2005 in französischer Sprache, die deutschsprachige Erstaufführung nun am vergangenen Freitag mit großem Ensemble in Wien.

Mohr lässt das Stück auf einer schwarzen, fast leeren Bühne beginnen. Christine Urspruch, bekannt als Gerichtsmedizinerin im Münsteraner Tatort, offenbart in der Rolle der "kleinen Frau" ihren Wunsch nach einem Mann, der ihre fehlende Größe ausgleichen kann. Prompt stelzt auch schon der Riese (Roman Schmelzer mit Plateausohlen und beeindruckendem Husten) zu ihr, um mit einem kindlichen Lächeln der großen Liebe zuzustimmen.

Während sich die Bühne sogleich mit Scharen an Schaustellern samt deren im Kreis fahrenden Wagenzug füllt und der Riese die Stationen seiner Reise bald brav abklappert, bleibt die große Romanze zwischen den einander bald wieder Entrissenen lediglich bloße Behauptung und somit nur wenig berührend.

Kompakte 90 Minuten

Die Aufführung bietet in kompakten 90 Minuten aber auch zu viel Trubel, um sich ausreichend eingängig mit der ungleichen Liebe zu befassen. In der Hoffnung, für seine geliebte Mutter Geld zu verdienen und selbst Amerika zu erreichen, folgt der unschuldige Tor dem geschäftstüchtigen Klammerschneider (Roland Kuste als wahrer Sklaventreiber) in für ihn letzten Endes tödlichem Tempo an die europäischen Herrschaftshäuser. Dabei lässt Turrini unter anderem einen Rabbi die Auslöschung der Juden visionieren, den Deutschen Kaiser Wilhelm II. als preußisches Nackerpatzl enthüllen und den Riesen unter dem Rock von Queen Victoria verschwinden.

Die Szenen sind teils poetisch, teils banal, einmal komisch, einmal albern. Letztlich wirkt das Stück aber auch mit seiner Kritik an aktuelleren gesellschaftlichen Problemen - Stichwort Paparazzi - ziemlich bieder. Hinzu kommt, dass der Text selbst wie auch die mit vielen falschen Bärten auf die Enthüllung des Bühnenzaubers fokussierende Regie wenig vom Innenleben des ausgebeuteten Außenseiters offenbaren.

So liegt es mehr an der Musik von Kyrre Kvam, für Stimmung zu sorgen. Kvam ist stets selbst auf der Bühne präsent, eine Kiste dient ihm als schier unerschöpflicher Instrumentenfundus. Unterstützt wird er von der Chorvereinigung Wien Neubau, die von einer Loge aus der inneren Stimme des Riesen Ausdruck verleiht. Dieser wünscht sich schließlich nichts anderes zu sein, als ein normales Mitglied des Steinfelder Knabenchores. Auf Miriam Buschs Bühne ist das Leben allerdings bestenfalls ein Ringelspiel, jedoch sicherlich kein Wunschkonzert.    (Dorian Waller, DER STANDARD, 10.9.2012)

Nächste Termine: 11., 13., 15., 20., 22., 23. und 25. 9

Share if you care
3 Postings

angestaubte gesellschaftskritik, unendlich rührselig und klischeehaft. ein schwacher, langatmiger abend.

Die Zeit von Peter Turrini

ist definitiv vorbei, während die Zeit des Volkstheaters unter Schottenberg nie wirklich begonnen hat.

Echter Zauber, falscher Kritiker-Bart.

Tun Sie mir nicht meinen Turrini veralbern ider sind Sie gar von der Piratenpartei, Herr Dornian?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.