Ökonom: Griechen sind besser als die Deutschen

Interview | Regina Bruckner, 10. September 2012, 09:44
  • Spiros Paraskewopoulos geht mit der Politikerriege seiner Heimat hart ins Gericht. Sie sei absolut unglaubwürdig.
    foto: privat

    Spiros Paraskewopoulos geht mit der Politikerriege seiner Heimat hart ins Gericht. Sie sei absolut unglaubwürdig.

Freunderlwirtschaft ist die Wurzel allen griechischen Übels, Politiker tun lieber den Schwachen als einander weh, sagt Spiros Paraskewopoulos

Bis Ende der Woche soll das "letzte" Sparpaket in Griechenland stehen. Die Regierung sucht Milliarden, um die Budgetlöcher zu stopfen. Vor allem schröpfe sie den kleinen Mann, nicht aber die eigene Klientel. Die Freunderlwirtschaft sei das wahre Problem, sagt der griechische Professor für Makroökonomie, Spiros Paraskewopoulos. Er sieht keine Anzeichen, dass sich daran etwas ändert. Die Geldgeber müssten die Griechen nun zwingen, ist Paraskewopoulos überzeugt.

derStandard.at: Die Troika ist wieder einmal in Griechenland, um die Fortschritte zu prüfen. Was wird Sie Ihrer Meinung nach feststellen?

Paraskewopoulos: Sie sprechen von Fortschritten, die ich leider nicht sehe.

derStandard.at: Aber die Griechen mussten harte Einschnitte hinnehmen, der Mindestlohn wurde gesenkt, das Arbeitslosengeld gekürzt, zahlreiche Steuern angehoben ...

Paraskewopoulos: Lassen Sie mich einmal ganz woanders anfangen. Griechenland ist kein armes Land. 2011 hatten wir ein Bruttoinlandsprodukt von 215 Milliarden Euro, erwirtschaftet von vier Millionen Menschen: Das macht 53.000 Euro pro Beschäftigen. Wenn ich die reiche Bundesrepublik Deutschland zum Vergleich heranziehe: 2011 lag das BIP bei 2,56 Billionen Euro. Das haben rund 41 Millionen Menschen erwirtschaftet. Das wären also 61.000 Euro pro Beschäftigten.

derStandard.at: Der Unterschied erscheint nicht sehr gravierend. Was will uns das sagen?

Paraskewopoulos: Man kann das noch klarer herausarbeiten. Würden wir bei diesen Daten annehmen, dass in Deutschland der Durchschnittsmonatsbruttolohn bei dieser Leistung 3.000 Euro ist, hätten die Griechen 2.600 Euro haben müssen. Wenn das so wäre, dann hätte man die gleiche Wettbewerbsfähigkeit, weil dann die sogenannten Lohnstückkosten gleich wären. Mit anderen Worten: Wenn man diese Daten anguckt, kann Griechenland kein armes Land sein. Auch das Argument, Griechenland sei nicht wettbewerbsfähig oder, wie es immer wieder heißt, "die faulen Griechen bringen nichts zustande", stimmt nicht.

derStandard.at: Nun ist das Land aber seit geraumer Zeit pleite. Irgendetwas muss da doch ziemlich schiefgegangen sein?

Paraskewopoulos: Wenn wir diejenigen, die in Deutschland im öffentlichen Dienst arbeiten, abziehen und in Griechenland das Gleiche tun, haben wir den privaten Sektor. In Deutschland sind etwa 4,6 Millionen Menschen im öffentlichen Dienst beschäftigt, in Griechenland rund eine Million. Wenn man diese Zahlen abzieht und dann dividiert, kommt etwas Erstaunliches heraus: Die Griechen erwirtschaften im privaten Sektor pro Beschäftigten 71.000 und die Deutschen 69.000 Euro. Die Griechen sind noch besser als die Deutschen.

derStandard.at: Der Klotz am Bein sind also Ihrer Ansicht nach die öffentlichen Bediensteten?

Paraskewopoulos: Genau das ist es.

derStandard.at: Genau hier geht offensichtlich bei den Reformbemühungen am allerwenigsten weiter. Von den geplanten 30.000 Bediensteten, die gehen sollten, sind bislang 6.500 Stellen weggefallen. Die Löhne und Gehälter der Staatsbediensteten verschlingen aber rund zwei Drittel des Staatshaushalts.

Paraskewopoulos: Im öffentlichen Dienst arbeiten circa 25 Prozent aller Beschäftigten, in Deutschland sind es elf Prozent. Es ist also nicht nur die Beschäftigung der Bremsklotz, sondern auch der Staat insgesamt. Der griechische Staat ist schuld an dieser Misere. Ganz genau die griechische Politik.

derStandard.at: Die Regierung wünscht sich zwei Jahre mehr Zeit für die Umsetzung der Reformen. Europa ist in dieser Frage zutiefst gespalten. Wäre damit etwas gewonnen?

Paraskewopoulos: Ich bin gegen jede Verschiebung. Antonis Samaras hat vor zwei Jahren in Griechenland all das abgelehnt zu tun, was er heute tun will. Das ist total unglaubwürdig. Ein Journalist hat ihn vor kurzem gefragt: Welcher Samaras ist der richtige? Der oppositionelle oder der regierende? Wem soll man glauben?

derStandard.at: Wem?

Paraskewopoulos: Diesen Politikern nicht. Was sie jetzt machen, ist: den Schwachen, den Lohnabhängigen zehn, 20, 30 Prozent wegzunehmen, um die Sache hinzubekommen. Seine Klientel heranziehen, das tut man nicht. In der Eurozone - einschließlich Griechenlands - liegt die Abgabenquote bei rund 40,3 Prozent. Deutschland ist bei 40 Prozent, Griechenland bei rund 33 Prozent. Da stimmt also etwas nicht. Der Lohnabhängige zahlt auch in Griechenland 40 Prozent. Aber da fehlen irgendwie 16 bis 17 Milliarden, die der Staat nicht bekommt. Und da spreche ich noch nicht von der Steuerhinterziehung.

derStandard.at: Wovon dann?

Paraskewopoulos: Ich spreche von der legalen Steuerbefreiung für das Klientelsystem. Das gilt nicht nur für Samaras. Das gilt auch für Papandreou, für Venizelos und wie sie alle heißen. Papademos hat versucht, die Richtung zu ändern, sofort haben ihm die Parlamentarier die Gefolgschaft versagt. Samaras hat festgestellt, dass sich die Zahl der Beamten im Parlament seit 20 Jahren verdreifacht hat. Die Politiker bringen dort ihre Kinder, Onkel, Neffen oder wen auch immer unter. Das Parlament in Griechenland zahlt die besten Löhne - über 3.000 Euro, 14- oder 15-mal. Die Leute wurden dort ohne Prüfung, ohne Kontrolle, also an den griechischen Einstellungsmechanismen vorbei, engagiert. Tatsächlich illegal.

derStandard.at: Und jetzt?

Paraskewopoulos: Und jetzt kommt Samaras und sagt: Das muss man beenden. Ab jetzt. Ich frage: wieso ab jetzt? Wieso kann man nicht zurückgehen und dieses Geld von den Politikern verlangen?  Samaras hält sich an den kleinen Mann mit 500 Euro Rente, der soll jetzt fünf oder zehn Prozent abgeben. Das Gleiche gilt für die Lohnabhängigen. Was ich meine: Griechenland kann, die Politiker wollen nicht.

derStandard.at: Wo sehen Sie dringend Handlungsbedarf?

Paraskewopoulos: Dieses konjunkturpolitische Vorgehen, dass man haushaltsmäßig und kurzfristig die Dinge auf Kosten des kleinen Mannes reparieren will, das ist nicht die Lösung. Die Lösung sind lang- bis mittelfristige strukturelle Veränderungen. Vor zweieinhalb Jahren hieß es, man will privatisieren. 50 Milliarden wollte man erlösen. Was hat man bis jetzt erreicht? Gar nichts. Die Politik versucht das permanent zu verhindern.

Das Finanzministerium Griechenlands etwa hat Milliardenwerte an Grundstücken und Gebäuden. Was macht das Ministerium? Anstatt in diesen Gebäuden die Ministerien unterzubringen, stellt man sie Freunden zur Verfügung. Sehr billig. Die vermitteln das wiederum sehr teuer. Meine Vermutung ist: Der Minister und seine obersten Beamten werden da mit von der Partie sein, warum sollten sie das sonst tun? Sie selbst mieten sich bei anderen Klientelfreunden bei hohen Mieten ein, die der Staat zahlt. So geht man in Griechenland mit dem erwirtschafteten Bruttoinlandsprodukt um.

derStandard.at: Sind die Geberländer mit Griechenland zu geduldig?

Paraskewopoulos: Man muss die griechische Politik zwingen, nicht nachgeben. So können auch die Griechen gerettet werden. Ich liebe mein griechisches Volk, aber die Politiker sollen sie über Bord werfen. Wenn Europa jetzt nachgibt, wissen Sie, was die Griechen für einen Ausdruck dafür haben? Die dummen Franken, die haben wieder nachgegeben. Wenn jetzt die dummen Franken wieder nachgeben, wird Samaras sagen: Das haben wir wieder hingekriegt.

derStandard.at: Kann Griechenland in der Eurozone bleiben?

Paraskewopoulos: Ja, aber nur mit einer zielstrebigen Politik. Man weiß ja, dass zwischen 300 und 700 Milliarden Euro griechisches Geld im Ausland vagabundieren. Woher denn? Aus diesem Klientelsystem. Leider sind die Griechen noch keine Bürger geworden, sie sind noch immer Untertanen. (Regina Bruckner, derStandard.at, 10.9.2012)

Spiros Paraskewopoulos, mittlerweile emeritierter Professor für Makroökonomie, war Direktor des Instituts für Theoretische Volkswirtschaftslehre der Universität Leipzig.

  • Berechnen Sie Ihr Brutto- oder Netto-Gehalt mit dem Gehaltsrechner von derStandard.at/Karriere
Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 445
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
Der Mann hat zu 100% recht.

Leider heißt das aber nicht, dass da nur die Politiker schuld sind. Nein, schuld sind auch ihre Wähler! Solange die Bürger Griechenlands ihre Pflicht nicht ernst nehmen und sich mehr für ihre Politik interessieren, kann es ja auch nichts werden. Somit hab ich nur begrenztes Mitleid mit den griechischen Bürgern, die jetzt die Zeche zahlen müssen. Selbst gewähltes Elend.

Jugendarbeitslosigkeit in Hellas

Jeder zweite Jugendliche ist ohne Job!
Keine weiteren Fragen Euer Ehren!
Die Deutschen werden nach dem Greek Default wesentlich schlechter ausschauen als jetzt. Aber die griechische Agonie wird sicher nicht erreicht werden.

Der Mann hat recht. Die Griechen sind tatsächlich....

....den Deutschen überlegen; beim Sirtaki z.B.

für die ungläubigen

worans da unten, einfach gesagt, happert:

http://www.spiegel.de/politik/a... 54965.html

das ist die griechische krankheit, auch tief verwurzelt im alten österreich. wurde ja auch offenbart und bestätigt beim bk-interview gestern.

Es ist kein Ruhmesblatt für den Standard, einen solchen Unfug zu veröfffentlichen.

System Carlos-Heinzos Grasseros

Ministerien werden teuer bei Freunden eingemietet, ich lach mich schief

Daß die gr.Politiker allesamt eingesperrt gehören, endlich wurde es mal gesagt

Traurigerweise hat der Mann recht. Dieser Klientilismus herrscht aber in allen Ländern, nur eben unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Griechen haben es derart übertrieben, dass dies zusammen mit anderen Faktoren (schwache Industrie etc.) den ganzen Staat an die Wand gefahren hat. Aber schauen Sie mal in Österreich was für Söhne und Neffen und sonstwelche Verwandte von Politikern überall in den besten Positionen sitzen, egal ob qualifiziert oder nicht... jemand der top qualifiziert ist aber ohne Protektion wird hingegen nichts! Das ist übrigens in der Privatwirtschaft nicht viel anders. Wer Verbindungen hat hat die gemütlichsten Jobs ohne viel Leistung erbringen zu müssen.

"Vitamin P" hat wirklich allen anderen Gründen den Rang bei der Jobsuche abgelaufen; In der Regel werden nur Jobs ausgeschrieben für die niemand "jemanden kennt. Was zum überwiegenden Teil in der KMU-Wirtschaft etwas durchaus nutzbringendes und sozial verträgliches ist (Referenzsystem), hört bei großen Aufträgen (maßgeschneiderte Ausschreibungen, Insidertipps bei großen Vergaben, Freunderlwirtschaft ) schnell auf, wirtschaftlich zu sein.

Amen und grün von mir

wie wahr wie wahr

Ich ginge mal zum Augenarzt. Diagnose: Farbblindheit.

es ist besser, wenn man nicht bei jeder Diskussion

immer eine Farbe vor den Augen hat und staendig danach postet

hervorragendes interview. kommt leider zu spät. griechenland wird brennen, lange lässt sich der "kleine" bürger das nicht mehr gefallen. und die nationalisten werden auftrieb bekommen, "starke männer" gefragt sein. schöne scheisse, geschichte wiederholt sich. wir haben nichts gelernt und lassen uns von den reichen auf der nase rumtanzen wie es ihnen beliebt...

Auch in AT wird es nicht anders gehen, um die Korruption und Feudalwirtschaft endlich zu beseitigen.

griechenland wird brennen, bei uns kommt das auch noch

die bürgerInnen werden von vorne bis hinten verarscht. es gibt genug geld und es gibt leute, die dieses geld haben. diese leute gehören hoch besteuert und das verschieben von geldern bzw steuerhinterziehung mit entzug der bürgerlichen rechte bestraft

Goldman&Sachs ist besser D und GR

jetzt werden
Nationen gegeneinander
soziale Schichten gegeneinander
politische Richtungen gegeneinander
Religionen gegeneinander

aufgehetzt
aufgehetzt
aufgehetzt

.... und keiner sieht, dass die Freunde von G&S die Musik vorgeben. ALTERNATIVLOS.

Auf Koks?

Auf Film

5 MIA USD als Lobbing Budget der FI!
persönl. Verantwortung der Manager?
Wie baute die FI die Mathematik auf?
Wo wurde wie grob fahrlässig Gewinn erhofft und Verlust eingefahren! Beispiele!

Bänker als Interviewpartner, viele überraschende Details, kritisch, tiefe Einblicke in die Branche
Strauss-Kahn auch unzufrieden!

The Biggest Bank Heist (Bankraub) Ever! | HD
http://www.youtube.com/watch?v=BuyrBRUsu9A

G&S ist eh schon überall. Schau dir an, Silvio Berlusconi hat zig Skandale überlebt, unter anderem Sex mit Minderjährigen. In dem Moment, wo er ein bissl gegen Europa unkt, wird er durch den Ex-G&S-Berater Monti ersetzt. Und genauso unterwandert ist die EU-Regierung. Monti hat ja dann auch gefordert, dass der ESM Banken direkt auszahlen kann... Nona! Warum den Umweg über Staaten gehen, wenn unsere Steuerkohle doch so einfach direkt an G&S gehen kann...

die Frage eines Users würde mich auch interessieren

was passiert wenn wir,deutschland oder überhaupt die nettozahlerländer ins straucheln kommen. wer zahlt dann für uns??
griechenland,spanien,italien,portugal etc werdens ja wohl kaum sein.
irgendwie ein ziemlich unfairer deal.

Die werden uns dann versklaven,

oder für 500 € arbeiten lassen - was auf gleiche raus kommt. Und wer schön brav und fleißig ist kriegt vielleicht den ein oder anderen hunderter mehr.

Wer für uns zahlt? Na wir als brave Steuerzahler. Unsere Lebensversicherungen, Bankeinlagen, etc.. mit diesen Geldern wurde in Staatspapieren investiert.

Eigentlich sotte man sich jetzt schon fragen, wo das viele Geld ist (bzw. wer die rechtmäßigen Besitzer sind, die es vorborgt haben und dafür Unmengen Zinsen bekommen). Wenn die Nettozahler auch Pleite gehen, wird man sich diese Frage noch viel stärker stellen müssen.

Hoffentlich lässt sich die Antwort darauf gewaltlos finden - ohne dass mitten in der EU irgendwann aus lauter Perspektivenlosigkeit ein Bürgerkrieg startet.

Die Summen im FI Spiel übersteigen schon die Staatshaushalte

Gelingt der FI das Lobbying mit Politik und Presse, dann wir per Kronenzeitung EU-Hartz5 kommen.

Und die Spaltung der Gesellschaft geht auf die nächste Ebene.

nachdem alle genug Waffen besitzen, können wir es uns auch anders ausschnapsen wer die offene Rechnung bezahlt.

Freunderlwirtschaft ist die Wurzel allen griechischen Übels

Und ich dachte die Banken und der Ami sind schuld. Haben mich die Hassprediger einmal mehr hinters Licht geführt.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 445
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.