Verzückung und Elend der Erdenbewohner

Isabella Reicher
9. September 2012, 19:54
  • Das Huhn landet im Kochtopf. Welches Schicksal Mann (Lee Jung-jin) und Frau (Cho Min-soo) verbindet, erzählt Siegerfilm "Pieta" in teilweise drastischen Bildern.
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    foto: biennale di venezia

    Das Huhn landet im Kochtopf. Welches Schicksal Mann (Lee Jung-jin) und Frau (Cho Min-soo) verbindet, erzählt Siegerfilm "Pieta" in teilweise drastischen Bildern.

Die 69. Filmfestspiele in Venedig waren geprägt von religiösen Motiven und Glaubensfragen. Der Goldene Löwe ging an Kim Ki-duks "Pieta". Ulrich Seidl erhielt für "Paradies: Glaube" den Spezialpreis der Jury

Im Nachthimmel von Seoul leuchtet ein Neonkreuz. In einer kargen Wohnung nahebei haust ein eigenbrötlerischer Zeitgenosse mit schlechten Manieren. Der Mann ist Knochenbrecher von Beruf. Die Schuldner seiner Bosse haben als Bürgschaft Unfallversicherungen abgeschlossen. Werden sie beim Rückzahlen säumig, dann muss ein Unfall her. Der Schuldeneintreiber ist gern behilflich. Eines Tages klopft eine Frau bei ihm an, die eine hohe Schmerz- und Ekeltoleranz zu haben scheint. Sie erklärt, die leibliche Mutter unseres Helden zu sein. Letzterer muss wohl oder übel hinnehmen, dass ihm die Fremde bald überallhin folgt.

Schuld und Läuterung

Pieta heißt das Läuterungsdrama, für das dem südkoreanischen Filmemacher Kim Ki-duk zum Abschluss der 69. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica der Goldene Löwe überreicht wurde. Kim stimmte auf der Bühne prompt die Ballade Arirang an - jenes koreanische Traditional, das seinem Selbstporträt eines Mannes in der Schaffenskrise 2011 den Titel gab. Pieta wurde von manchen denn auch als eine Art Wiederauferstehung des Meisters der Drastik begrüßt. Die (vordergründige) Bezugnahme auf christliche Motive ist in seinem Werk nicht neu. Sie passte aber hervorragend ins Line-up am Lido.

Der heurige Jahrgang, künstlerisch verantwortet von Alberto Barbera, war von Filmen dominiert, die ihre Figuren im Konflikt mit religiös geprägten, gesellschaftlichen Normen zeigten oder in einem religiösen Kontext aufgehen ließen. Das galt schon für Mira Nairs Post-9/11-Identitätsdrama The Reluctant Fundamentalist zur Eröffnung. Und es spiegelte sich am Ende in den prämierten Wettbewerbsbeiträgen wider.

Ulrich Seidl erhielt für Paradies: Glaube, seine gewohnt kompromisslos inszenierte Geschichte einer unbeirrbar Gläubigen, den Spezialpreis der Jury. Paul Thomas Anderson bekam den Regiepreis für The Master, der einen labilen Veteranen um 1950 mit dem Mastermind einer neuen Heilslehre zusammenführt. Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman teilten sich dafür die Auszeichnung als beste Darsteller.

Zur besten Darstellerin wiederum wurde Hadas Yaron gekürt. Sie spielt die Hauptrolle in Rama Burstheins ärgerlich weichgezeichnetem Debüt Lemale Et Ha'Chalal / Fill The Void - eine 18-jährige orthodoxe Jüdin, die ihren frisch verwitweten Schwager heiraten soll. Selbst Olivier Assayas' Après mai (bestes Drehbuch) dreht sich bisweilen darum, inwieweit eine politische Haltung zum unhinterfragbaren Dogma wird. Einzig Daniele Cipris É stato di figlio (beste technische Leistung, bester Nachwuchsdarsteller) fällt aus diesem Rahmen. Aber katholisch sind seine Protagonisten in einer sizilianischen Trabantensiedlung mit Sicherheit.

Gottesgabe und Marktgesetze

Eine andere Katholikin stand im Mittelpunkt von Himala / Miracle, eine Wiederentdeckung der Retro und einer der wirkungsvollsten Filme dieser Mostra: Elsa erscheint die Muttergottes, sie avanciert zur wundertätigen Heilerin. Von überall her strömen die Mühseligen und Versehrten. Elsas Umgebung übernimmt die Vermarktung - mit allen aus der haltlosen Ausbeutung einer Gottesgabe erwachsenden Folgen. Ishmael Bernals 30 Jahre altes Melodram zeugte aufs Schönste vom Vermögen, komplexe Zusammenhänge in eine populäre Form zu überführen, ohne dabei an Intelligenz und Hellsichtigkeit einzubüßen.

Nora Aunor, die Elsa ganz konzentriert als Naive spielt, konnte man auch in Brillante Mendozas Sinapupunan / Thy Womb bewundern. Als Shaleha meistert sie darin mit ihrem Mann einen arbeitsreichen Alltag - Seite an Seite und gleichberechtigt. Aber sie kann keine Kinder bekommen. Also beschließt sie, eine Zweitfrau zu suchen. Sinapupunan war unter den Löwenkandidaten einer, der in der Konfrontation von religiösen Traditionen und individuellen Bedürfnissen eine spannende Balance fand und hielt, vor allem den Druck spürbar machte, der hier ein alterndes Paar fast zerreißt.

Ganz andere bleibende Eindrücke nimmt man aus San zi mei / Drei Schwestern mit: Der ebenfalls preisgekrönte Dokumentarfilm von Wang Bing führt in eine Bergbauernsiedlung im Süden Chinas. In langen, ruhig beobachtenden Einstellungen lernt man drei Mädchen kennen, vier, sechs und zehn Jahre alt, die auf einem kleinen Hof leben und früh in die Erfordernisse des Betriebs eingebunden werden - und nicht nur dabei oft sich selbst überlassen sind.

Den Schriftzug "Lovely Diary" auf der beigen Stoffjacke, die Yingying tagaus, tagein trägt, wird man lange nicht vergessen. Im Festivaltagebuch ist dies für heuer der letzte Eintrag, und er ist ganz von dieser Welt.    (Isabella Reicher aus Venedig, DER STANDARD, 10.9.2012)

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1 Posting

In Venedig sollte man das idiotische Reglement mal überdenken. "The Master" bekam den goldenen Löwen nämlich nicht, weil der nur an einen Film gehen kann, der sonst keinen anderen Preis bekommt.

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