Am 6. November wird das geringere Übel gewählt

Analyse
  • Zu herzlichen Umarmungen zwischen Mitt Romney und Barack Obama wird es 
im echten Leben nicht kommen - das bleibt zwei Demonstranten mit Masken 
der beiden Politiker vorbehalten.
    foto: dapd/burton

    Zu herzlichen Umarmungen zwischen Mitt Romney und Barack Obama wird es im echten Leben nicht kommen - das bleibt zwei Demonstranten mit Masken der beiden Politiker vorbehalten.

Die Konzepte beider Kandidaten haben Schwächen, die US-Bürger rätseln, wem sie ihre Stimme bei der Präsidentenwahl geben sollen

Tiefer als in den vergangenen Jahren sind in diesem Wahlkampf die Gräben zwischen Republikanern und Demokraten in den USA.

 

Nein, die Wiedervereinigten Staaten von Amerika stehen diesmal nicht zur Debatte. Vor vier Jahren noch hatte die Sehnsucht, die Schluchten der Politik mithilfe eines weitgehend unbekannten, ergo unbelasteten Brückenbauers zu überwinden, dazu geführt, dass Senkrechtstarter Barack Obama auf einer Welle der Begeisterung bis ins Weiße Haus surfte. Den idealistischen Parolen des Jahres 2008 folgt heute ein beinhartes Duell: Keiner der Protagonisten spricht mehr vom nationalen Brückenschlag - dafür umso prägnanter von ideologischen Gräben.

Es geht, wie so oft, um den American Dream, der von großartigen Aufstiegschancen handelt. Es geht um das Credo einer Republik, deren Bürger, mit Ausnahme der Ureinwohner und der afroamerikanischen Sklaven, alle irgendwann einmal voller Hoffnung über den Atlantik, den Pazifik oder den Rio Grande kamen, um von vorn anzufangen. Es geht um die Frage, welche Rolle der Staat spielen soll in diesem amerikanischen Traum.

Obamas Symbolfigur ist das begabte Mädchen aus einfachen Verhältnissen, das nur mithilfe eines Stipendiums und staatlicher Darlehen studieren kann. Ihr den Weg zu ebnen, muss nach Obamas Vision die vornehmste Pflicht des Gemeinwesens sein und kann nicht allein der Spendierfreude vermögender Privatleute überlassen werden.

"Wir glauben nicht, dass die Regierung all unsere Probleme zu lösen vermag. Wir glauben aber auch nicht, dass die Regierung die Quelle all unserer Probleme ist", lauteten zwei Schlüsselsätze Obamas auf dem Parteikongress der Demokraten in Charlotte.

Die Republikaner dagegen warnen vor einem immer rigider bevormundenden "Nanny"-Staat, einer Attacke auf Amerikas ureigene Werte. Für sie bedeutet der Ansatz, wonach Uncle Sam den Mittellosen beim Start ins Berufsleben zu helfen hat, einen Angriff auf die persönliche Freiheit, den man weder dem Empfänger der Hilfe zumuten kann noch dem Steuerzahler.

"Amerikanischer Traum"

"Der amerikanische Traum ist die Fähigkeit, seinen eigenen Pfad durchs Leben zu finden", lautet ein Schlüsselsatz Paul Ryans, des neuen Ideologen der Konservativen. "Das nennt sich Freiheit, und ich ziehe es der Aufsicht und der Scheinheiligkeit zentraler Planer jeden Tag vor."

Während die Demokraten den Sinn staatlicher Investitionen ebenso wie die Notwendigkeit sozialer Netze beschwören, setzen die Republikaner konsequent auf niedrigere Staatsausgaben und Steuern. Die Trennlinien sind eindeutig markiert; wenn man so will, ist es der ehrlichste Wahlkampf seit langem. Es bedurfte eines Paul Ryan, um die Kontraste deutlich zu machen. Mitt Romney, Obamas Herausforderer, ist von Haus aus eher ein Mann der Mitte, jedenfalls war er das, als er Massachusetts als Gouverneur regierte. Erst mit Ryan, einem robusten Sanierer, sind die Konservativen aus der Deckung gekommen.

Nun geht es nicht mehr nur um die Frage, wer der bessere Ma nager für America Incorporated wäre: Obama oder Romney. Es geht um das Selbstverständnis einer Nation. Wie sollen die USA herausklettern aus dem Tal der Selbstzweifel? Geleitet von Onkel Sam? Oder durch den Kraftakt jenes kantigen Individualismus, wie er seit jeher - nicht selten romantisch verklärt - zur amerikanischen Saga gehört? Wenn nicht alles täuscht, sehen es die Wähler ziemlich genau fifty-fifty, weshalb es ein knappes Rennen werden dürfte am 6. November.

Die Philosophie der Demokraten hat in den vergangenen vier Jahren magere Früchte getragen. Es interessiert die verunsicherten, zugleich ungeduldigen Amerikaner nur am Rande, dass Obama 2009 ein schweres Erbe antrat.

Theorie und Praxis

Die Republikaner wiederum haben unter George W. Bush bewiesen, dass ihr theoretischer Ansatz in der Praxis nicht von Erfolg gekrönt ist; dass sie von vernünftigem Wirtschaften wenig verstehen, wenn sie Steuerkürzungen durchsetzen, die nicht gegen finanziert sind.

Dass es unter einem Präsidenten Romney besser, kompetenter laufen würde als unter Bush, dafür gibt es keine Garantie. Kurz um, für viele läuft es am 6. November auf die Wahl des kleineren Übels hinaus - so klar ideologischen Trennlinien auch gezogen sein mögen. (Frank Herrmann aus Washington /DER STANDARD, 10.9.2012)

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