"Die Gesten sind schlimmer als die Worte"

Interview |
  • Weber-Treiber: "Die Leute reden mit einem, als wäre man beschränkt"
    foto: dapd/strauss

    Weber-Treiber: "Die Leute reden mit einem, als wäre man beschränkt"

Schwimmerin Sabine Weber-Treiber, die bei den Paralympics eine Medaille knapp verfehlte, ist mit Worten kaum zu kränken. Die querschnittgelähmte Wienerin kann auch über Behindertenwitze lachen

Standard: Erwische ich Sie auf dem falschen Fuß, wenn ich Sie frage, ob ich Sie auf dem falschen Fuß erwische? Sind Sie dann gekränkt?

Weber-Treiber: Nein, sicher nicht. Das ist doch Alltagssprache. Auch Menschen mit Behinderung sagen solche Sachen. Ich selbst sage zum Beispiel immer, dass ich dahin oder dorthin gehe, obwohl ich nicht gehen kann. Ich würde nie sagen, ich fahre in ein Restaurant. Wegen gedankenlos verwendeter Worte bin ich nicht beleidigt, aber das liegt sicher auch daran, dass ich meine Behinderung nicht von Geburt an habe.

Standard: Reagieren von Geburt an behinderte Menschen Ihrer Erfahrung nach anders?

Weber-Treiber: Ja, es kommt vor, weil diese Menschen oft daheim sehr behütet sind, dann aber unter anderen Kindern Demütigungen erleben, die nachwirken. Kinder sind brutal, sind ehrlich, fragen gleich, warum man nicht gehen kann, warum man dies oder das hat. Und die Behinderung wird möglicherweise als Schwachstelle ausgenützt. Diese Menschen kann man mit Worten sehr kränken, sie sind feinfühliger.

Standard: Aber es muss doch auch für Sie Dinge geben, die man zu Menschen mit Behinderungen einfach nicht sagt. Ein Minister hat einmal bei einer Ansprache vor Behindertensportlern zur Unterscheidung von Nichtbehinderten das Wort gesund verwendet. Ist das auch so leicht entschuldbar?

Weber-Treiber: Wenn jemand nach einem Unfall oder einer einmaligen Erkrankung behindert ist, ist das keine Krankheit. Aber es gibt schon auch Menschen, die krank sind und deshalb an den Rollstuhl gefesselt sind. Man kann das eben nicht so generalisieren.

Standard: Bitte, aber "an den Rollstuhl gefesselt" geht auch nicht!

Weber-Treiber: Ich brauche den Rollstuhl aber. Gut, gefesselt bin ich nicht an ihn, aber ich bin in den meisten Dingen auf ihn angewiesen. Wenn ich ihn nicht bräuchte, würde ich ja aufstehen.

Standard: Ich habe geschrieben, dass eine britische Schwimmerin seit ihrer Kindheit an einer Krankheit leidet, die zu Kleinwüchsigkeit führt, und wurde dafür kritisiert. Menschen mit Behinderung leiden nicht, hieß es. Oder leiden Sie?

Weber-Treiber: Ich fühl mich nicht krank, also auch nicht leidend. Oder schau ich so aus?

Standard: Nein. Und Sie sind auch nicht beleidigt.

Weber-Treiber: Mich beleidigt, wenn die Behinderung des Körpers in eine geistige Behinderung umgemünzt wird, wenn mir die Handlungsfähigkeit abgesprochen wird. Das ist leider etwas, was sehr häufig assoziiert wird.

Standard: Wie äußert sich das?

Weber-Treiber: Die Leute reden unbeholfen mit einem, als wäre man beschränkt. Beim Einkaufen äußert sich das dann in besonderen Wendungen wie "Na was dürfen wir Ihnen denn geben?".

Standard: Ist das nicht nur Hilfsbereitschaft, die manchmal übertrieben daherkommt?

Weber-Treiber: Wirkliche Hilfsbereitschaft äußert sich anders. "Wenn Sie etwas brauchen, dann sagen Sie es mir." So äußert sich Hilfsbereitschaft. Während der Paralympics habe ich das oft erlebt. Das ist sehr angenehm.

Standard: Ist aufgedrängte Hilfe kränkend?

Weber-Treiber: Es kommt immer auf die Musik an. Die Leute haben dann so einen mitleidigen Gesichtsausdruck, weil die Arme ist ja behindert. Oder es wird, wenn man irgendwo angestellt ist, über einen so drübergeschaut. Die tun so, als hätten sie mich nicht bemerkt. Das ist in der heutigen Zeit nicht mehr notwendig.

Standard: Sind die Gesten also schlimmer als die Worte?

Weber-Treiber: Die Gesten sind schlimmer als die Worte. Und die Handlungen, die die Leute oft auch unbewusst setzen. Da mache ich ihnen auch keinen Vorwurf, denn es war früher so, dass Behinderung nicht präsent und nicht gesellschaftsfähig war. Und in vielen Dingen ist die Gesellschaft noch immer nicht weit genug, wenn man die Barrieren bedenkt, die es für Behinderte immer noch zahlreich gibt. Im öffentlichen Verkehr zum Beispiel.

Standard: Können Sie über Behindertenwitze lachen?

Weber-Treiber: Natürlich.

Standard: Ihr Lieblingswitz?

Weber-Treiber: Wenn der Blinde sagt: "Bin ich froh, dass ich nicht alles sehen muss." Es entstehen oft aus der Situation heraus Dinge, über die man lachen muss.

Standard: Mir hat ein doppelt Beinamputierter gesagt, dass er bei den Paralympics erste Reihe fußfrei dabei ist. Er hat sich zerkugelt. Aber ist es nicht ein Unterschied, wenn Nichtbehinderte die Witze reißen?

Weber-Treiber: Nein, man sollte mit Menschen mit körperlicher Behinderung umgehen wie mit jedem anderen. Das ist das schönste Kompliment, das man ihnen machen kann. Man soll sie genauso nehmen wie jeden anderen. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 10.09.2012)

SABINE WEBER-TREIBER (33) ist nach einer Rückenmarksentzündung seit 2009 querschnittgelähmt. Die Wienerin, die bei den Paralympics in ihrer Klasse über 100 m Brust als Vierte nur um 20 Hundertstel an Bronze vorbeischwamm, arbeitet als mobile Bankberaterin ("Die offizielle Berufsbezeichnung, witzig, nicht?"). Die ehemalige Hockeyspielerin ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Mödling.

 

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