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Weber-Treiber: "Die Leute reden mit einem, als wäre man beschränkt"
Standard: Erwische ich Sie auf dem falschen Fuß, wenn ich Sie frage, ob ich Sie auf dem falschen Fuß erwische? Sind Sie dann gekränkt?
Weber-Treiber: Nein, sicher nicht. Das ist doch Alltagssprache. Auch Menschen mit Behinderung sagen solche Sachen. Ich selbst sage zum Beispiel immer, dass ich dahin oder dorthin gehe, obwohl ich nicht gehen kann. Ich würde nie sagen, ich fahre in ein Restaurant. Wegen gedankenlos verwendeter Worte bin ich nicht beleidigt, aber das liegt sicher auch daran, dass ich meine Behinderung nicht von Geburt an habe.
Standard: Reagieren von Geburt an behinderte Menschen Ihrer Erfahrung nach anders?
Weber-Treiber: Ja, es kommt vor, weil diese Menschen oft daheim sehr behütet sind, dann aber unter anderen Kindern Demütigungen erleben, die nachwirken. Kinder sind brutal, sind ehrlich, fragen gleich, warum man nicht gehen kann, warum man dies oder das hat. Und die Behinderung wird möglicherweise als Schwachstelle ausgenützt. Diese Menschen kann man mit Worten sehr kränken, sie sind feinfühliger.
Standard: Aber es muss doch auch für Sie Dinge geben, die man zu Menschen mit Behinderungen einfach nicht sagt. Ein Minister hat einmal bei einer Ansprache vor Behindertensportlern zur Unterscheidung von Nichtbehinderten das Wort gesund verwendet. Ist das auch so leicht entschuldbar?
Weber-Treiber: Wenn jemand nach einem Unfall oder einer einmaligen Erkrankung behindert ist, ist das keine Krankheit. Aber es gibt schon auch Menschen, die krank sind und deshalb an den Rollstuhl gefesselt sind. Man kann das eben nicht so generalisieren.
Standard: Bitte, aber "an den Rollstuhl gefesselt" geht auch nicht!
Weber-Treiber: Ich brauche den Rollstuhl aber. Gut, gefesselt bin ich nicht an ihn, aber ich bin in den meisten Dingen auf ihn angewiesen. Wenn ich ihn nicht bräuchte, würde ich ja aufstehen.
Standard: Ich habe geschrieben, dass eine britische Schwimmerin seit ihrer Kindheit an einer Krankheit leidet, die zu Kleinwüchsigkeit führt, und wurde dafür kritisiert. Menschen mit Behinderung leiden nicht, hieß es. Oder leiden Sie?
Weber-Treiber: Ich fühl mich nicht krank, also auch nicht leidend. Oder schau ich so aus?
Standard: Nein. Und Sie sind auch nicht beleidigt.
Weber-Treiber: Mich beleidigt, wenn die Behinderung des Körpers in eine geistige Behinderung umgemünzt wird, wenn mir die Handlungsfähigkeit abgesprochen wird. Das ist leider etwas, was sehr häufig assoziiert wird.
Standard: Wie äußert sich das?
Weber-Treiber: Die Leute reden unbeholfen mit einem, als wäre man beschränkt. Beim Einkaufen äußert sich das dann in besonderen Wendungen wie "Na was dürfen wir Ihnen denn geben?".
Standard: Ist das nicht nur Hilfsbereitschaft, die manchmal übertrieben daherkommt?
Weber-Treiber: Wirkliche Hilfsbereitschaft äußert sich anders. "Wenn Sie etwas brauchen, dann sagen Sie es mir." So äußert sich Hilfsbereitschaft. Während der Paralympics habe ich das oft erlebt. Das ist sehr angenehm.
Standard: Ist aufgedrängte Hilfe kränkend?
Weber-Treiber: Es kommt immer auf die Musik an. Die Leute haben dann so einen mitleidigen Gesichtsausdruck, weil die Arme ist ja behindert. Oder es wird, wenn man irgendwo angestellt ist, über einen so drübergeschaut. Die tun so, als hätten sie mich nicht bemerkt. Das ist in der heutigen Zeit nicht mehr notwendig.
Standard: Sind die Gesten also schlimmer als die Worte?
Weber-Treiber: Die Gesten sind schlimmer als die Worte. Und die Handlungen, die die Leute oft auch unbewusst setzen. Da mache ich ihnen auch keinen Vorwurf, denn es war früher so, dass Behinderung nicht präsent und nicht gesellschaftsfähig war. Und in vielen Dingen ist die Gesellschaft noch immer nicht weit genug, wenn man die Barrieren bedenkt, die es für Behinderte immer noch zahlreich gibt. Im öffentlichen Verkehr zum Beispiel.
Standard: Können Sie über Behindertenwitze lachen?
Weber-Treiber: Natürlich.
Standard: Ihr Lieblingswitz?
Weber-Treiber: Wenn der Blinde sagt: "Bin ich froh, dass ich nicht alles sehen muss." Es entstehen oft aus der Situation heraus Dinge, über die man lachen muss.
Standard: Mir hat ein doppelt Beinamputierter gesagt, dass er bei den Paralympics erste Reihe fußfrei dabei ist. Er hat sich zerkugelt. Aber ist es nicht ein Unterschied, wenn Nichtbehinderte die Witze reißen?
Weber-Treiber: Nein, man sollte mit Menschen mit körperlicher Behinderung umgehen wie mit jedem anderen. Das ist das schönste Kompliment, das man ihnen machen kann. Man soll sie genauso nehmen wie jeden anderen. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 10.09.2012)
SABINE WEBER-TREIBER (33) ist nach einer Rückenmarksentzündung seit 2009 querschnittgelähmt. Die Wienerin, die bei den Paralympics in ihrer Klasse über 100 m Brust als Vierte nur um 20 Hundertstel an Bronze vorbeischwamm, arbeitet als mobile Bankberaterin ("Die offizielle Berufsbezeichnung, witzig, nicht?"). Die ehemalige Hockeyspielerin ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Mödling.
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Für mich ist der wichtigste Satz in diesem Bericht das Statement
" [...] man sollte mit Menschen mit körperlicher Behinderung umgehen wie mit jedem anderen [...]"
Ich finde, man sollte diesen Satz auch im Hinblick auf Andersgläubige, Menschen mit anderer Hautfarbe, Frauen, Homosexuelle/Lesben usw. ausweiten und mit allen Menschen gleich höflich umgehen. Zu viel "Rücksichtnahme" und lange Überlegungen, wie man sich denn nun korrekt wem gegenüber ausdrücken muss, führt zu Diskriminierung-weil man dann seinen Gesprächspartner nicht mehr normal behandelt.
Wenn sich jemand durch eine Bemerkung oder Ausdrucksweise persönlich gestört fühlt, soll er dies ansprechen.
Zuerst Gratulation zum Erfolg
Sie haben recht, aber wenn:
- der Wiener sagt "i bin neger" ist er Rasist
- nicht die (Zuhörer)Innen angesprochen werden ist es diskriminierend.
- man sagt Homosexuelle können keine Kinder bekommen (nanona) ist es diskriminierend.
- der Sexualstraftäter keine Fußfessel zu bekommen hat ist es diskriminierend.
- ich sage auf dem Spielplatz sind Frauen mit Kopftuch in der Überzahl ist es diskriminierend (sorry, aber ich kann ja nicht zwingend von Kopftuch auf Muslime schließen)
Ich hinterfage nicht mehr, aber Lösung ist das keine.
Und auch bei den Behinderten gibt es solche und solche - eben auch die, die bereits gedehmütigt sind weil sie nicht bevorzugt werden.
Eindrucksvolle Eröffnung und Schlußveranstaltung, kein Unterschied zu den Profis.
Dazu wieder volle Ränge...der Behindertensport ist endlich angekommen.
Einfach bewundernswert zu welchen Leistungen der Mensch fähig ist.....
Gratulation unserer Mannschaft
Ich habe die größte Hochachtung vor den Athleten der Paraolympix und vor deren Förderern.
Oft SIND die Behinderten nicht behindert sondern sie WERDEN behindert.
Sie als Menschen wie Du und ich zu behandeln ist das Mindeste, was wir ihnen schuldig sind.
gutes interview, kluge frau, die offensichtlich nicht nur sportlich einiges auf dem kasten hat. das mit der "mobilen bankberaterin" ist wirklich gut...
hier noch ein gut 200 jahre alter "behindertenwitz":
wie geht's?, fragt der blinde den lahmen. wie sie sehen, antwortet der lahme. (lichtenberg)
Ich habe größten Respekt vor ihrer Einstellung im Bezug auf Behindertenwitze. Sie überrascht mich aber keineswegs.
Humor ist schließlich, wenn man trotzdem lacht.
Pseudomäßig als Moralaposteln aufspielen tun sich eh immer nur diejenigen, die selbst gar nicht betroffen sind.
ich hab mal folgende szene erlebt:
eine frau nähert sich einem rollstuhlfaher und dessen (nicht rollstuhlfahrende) begleiterin.
die frau wendet sich an die begleiterin und sagt: "jessas na, hat er das von geburt an, oder durch einen unfall?"
darauf die begleiterin (zurecht genervt): "fragen Sie ihn doch selber!"
ich denke, dass sich die meisten menschen an ihre behinderung gewöhnen, aber an das "nicht für voll genommen werden" kann man sich wohl (zurecht) nie gewöhnen.
Ich, grad in Berlin angekommen, werd von einem Rollifahrer gebeten, ihn zur Busstation zu schieben - zwar nicht weit von seinem Rollistandort, aber für mich als Kleinwüchsigen - naja. Da nun mal, glaub ich auch kein anderer Mensch in der Nähe war, hab ich in hingeschoben: Skurrilität pur diese Szenerie!
Ich, grad in Berlin angekommen, werd von einem Rollifahrer gebeten, ihn zur Busstation zu schieben - zwar nicht weit von seinem Rollistandort, aber für mich als Kleinwüchsigen - naja. Da nun mal, glaub ich auch kein anderer Mensch in der Nähe war, hab ich in hingeschoben: Skurrilität pur diese Szenerie!
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