Gala: Ulrich Seidl mit Spezialpreis der Jury ausgezeichnet

Hauptpreis für südkoreanisches Drama "Pieta" - "Paradies: Glaube" hatte am Lido für Aufsehen gesorgt

Venedig - Venedig ist ein guter Boden für Ulrich Seidl. Der österreichische Regisseur hat bei den Filmfestspielen für "Paradies: Glaube" wie schon vor elf Jahren für "Hundstage" den Spezialpreis der Jury erhalten. "Ich bin sehr stolz und freue mich sehr", sagte Seidl unmittelbar nach der Preisverleihung im Gespräch mit der APA. Der Goldene Löwe ging an das südkoreanische Drama "Pieta" von Kim Ki-duk, wie die Jury am Samstagabend bekannt gab. Weitere Hauptpreise erhielt Paul Thomas Andersons "The Master".

"Paradies: Glaube", der zweite Teil von Seidls "Paradies"-Trilogie, hatte im Verlauf des Festivals für den ersten Aufreger gesorgt: Im Mittelpunkt steht eine streng katholische Krankenschwester (Maria Hofstätter), die missionarisch von Haus zu Haus zieht und eine teils masochistische, teils lustvolle Beziehung mit dem angebeteten Jesus unterhält. Dass sich die Frau selbst geißelt und sogar mit dem Kruzifix masturbiert, hat dem Regisseur, Autor und Produzenten Seidl eine Anzeige wegen Blasphemie eingebracht. 

Qualität bestätigt

"Ich bin der Meinung, dass da nichts dabei herauskommen wird", sagte Seidl. "Aber natürlich ist es schön, dass die Qualität des Films nun vom Festival und von der Jury bestätigt worden ist." Als erster Gratulant stellte sich am Abend ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz ein, der den Filmemacher und sein Team lobte und hinzufügte: "Wir sind stolz, dass wir diese Produktion unterstützt haben." Und auch Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) hob lobend die Besonderheit von Seidls Arbeit hervor.

Als großer Sieger des Festivals darf sich dennoch der Südkoreaner Kim Ki-duk fühlen. Der 51-jährige Regisseur hatte 2004 für sein Liebesdrama "Bin-jip" bereits den Silbernen Löwen erhalten und wurde nun für "Pieta" mit dem Hauptpreis in Gold gekrönt. Das Werk erzählt von einem brutalen Geldeintreiber in Seoul. Als eines Tages seine angebliche Mutter auftaucht, verändert sich sein Leben. Kim Ki-duk thematisiert dabei die Gier nach Geld und stellt so Fragen nach Moral und Werteverlust.

Gleich zwei Auszeichnungen gingen an das Sekten-Drama "The Master" von US-Regisseur Paul Thomas Anderson. Das Werk wurde mit dem Preis für die beste Regie geehrt. Außerdem teilen sich die beiden Hauptdarsteller Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix den Löwen als beste Schauspieler. Für ihre Leistung in dem israelischen Film "Fill the Void" wurde Hadas Yaron als beste Schauspielerin geehrt. Für den französischen Beitrag "Après Mai" von Olivier Assayas gab es den Preis für das beste Drehbuch.

CinemAvvenire Award für Seidl

Die Preise wurden am Samstagabend von der neunköpfigen Jury unter Vorsitz von US-Regisseur Michael Mann vergeben. Schon am Nachmittag waren die Favoriten mit kleineren Preisen bedacht worden. So kürte die internationale Filmkritikervereinigung FIPRESCI Andersons "The Master" zum besten Film, aber auch Seidl war mit dem CinemAvvenire Award ausgezeichnet worden. Für den Regisseur stand am Abend fest: "Es wird mit Sicherheit eine lange und rauschende Nacht werden." (APA, 8.9.2012)

Die wichtigsten Preisträger im Überblick

- Goldener Löwe für den besten Film: "Pieta" von Kim Ki-duk

- Spezialpreis der Jury: "Paradies: Glaube" von Ulrich Seidl

- Silberner Löwe für die beste Regie: Paul Thomas Anderson für "The Master

- Preis für die besten Schauspieler: Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix für "The Master"

- Preis für die beste Schauspielerin: Hadas Yaron für "Fill the Void"

- Bestes Drehbuch: Olivier Assayas für "Après Mai" 

 

Die jüngsten Siegerfilme im Überblick

2012: "Pieta" von Kim Ki-duk (Südkorea). Der drastische Film zeigt anhand eines brutalen Handlangers das erbarmungslose Abbild einer pervertierten Welt, in der das Geld zum höchsten Gut aufgestiegen ist.

2011: "Faust" von Aleksander Sokurow (Russland). Das auf Deutsch gedrehte Werk mit dem österreichischen Hauptdarsteller Johannes Zeiler ist eine freie Adaption des Goethe-Dramas.

2010: "Somewhere" von Sofia Coppola (USA). Der Film erzählt von einem Hollywoodstar, der auf seine elfjährige Tochter aufpassen muss. Durch sie erkennt er, wie leer sein Leben ist.

2009: "Libanon" von Samuel Maoz (Israel). Der Regisseur verarbeitet seine Erfahrungen als junger Soldat im ersten Libanon-Krieg 1982. Der Film zeigt den Krieg aus der Sicht von vier unerfahrenen Soldaten, die in ihrem Panzer festsitzen.

2008: "The Wrestler" von Darren Aronofsky (USA). Die Erzählung beleuchtet den Comeback-Versuch eines abgehalfterten Schaukämpfers.

2007: "Gefahr und Begierde" von Ang Lee (Taiwan/USA). Die Geschichte ist 1939/40 in Schanghai angesiedelt und erzählt von einer Gruppe chinesischer Studenten, die einen politischen Mord planen. Doch die Liebe kommt dazwischen.

2006: "Still Life" von Zhang Ke Jia (China). Ein Film über Menschen, die beim Bau des riesigen Drei-Schluchten-Staudamms in China ihre Heimat verlieren.

2005: "Brokeback Mountain" von Ang Lee (USA). Der Film ist ein tragisches, modernes Western-Melodram um zwei homosexuelle Cowboys.

Share if you care