Gala: Ulrich Seidl mit Spezialpreis der Jury ausgezeichnet

8. September 2012, 21:39

Hauptpreis für südkoreanisches Drama "Pieta" - "Paradies: Glaube" hatte am Lido für Aufsehen gesorgt

Venedig - Venedig ist ein guter Boden für Ulrich Seidl. Der österreichische Regisseur hat bei den Filmfestspielen für "Paradies: Glaube" wie schon vor elf Jahren für "Hundstage" den Spezialpreis der Jury erhalten. "Ich bin sehr stolz und freue mich sehr", sagte Seidl unmittelbar nach der Preisverleihung im Gespräch mit der APA. Der Goldene Löwe ging an das südkoreanische Drama "Pieta" von Kim Ki-duk, wie die Jury am Samstagabend bekannt gab. Weitere Hauptpreise erhielt Paul Thomas Andersons "The Master".

"Paradies: Glaube", der zweite Teil von Seidls "Paradies"-Trilogie, hatte im Verlauf des Festivals für den ersten Aufreger gesorgt: Im Mittelpunkt steht eine streng katholische Krankenschwester (Maria Hofstätter), die missionarisch von Haus zu Haus zieht und eine teils masochistische, teils lustvolle Beziehung mit dem angebeteten Jesus unterhält. Dass sich die Frau selbst geißelt und sogar mit dem Kruzifix masturbiert, hat dem Regisseur, Autor und Produzenten Seidl eine Anzeige wegen Blasphemie eingebracht. 

Qualität bestätigt

"Ich bin der Meinung, dass da nichts dabei herauskommen wird", sagte Seidl. "Aber natürlich ist es schön, dass die Qualität des Films nun vom Festival und von der Jury bestätigt worden ist." Als erster Gratulant stellte sich am Abend ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz ein, der den Filmemacher und sein Team lobte und hinzufügte: "Wir sind stolz, dass wir diese Produktion unterstützt haben." Und auch Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) hob lobend die Besonderheit von Seidls Arbeit hervor.

Als großer Sieger des Festivals darf sich dennoch der Südkoreaner Kim Ki-duk fühlen. Der 51-jährige Regisseur hatte 2004 für sein Liebesdrama "Bin-jip" bereits den Silbernen Löwen erhalten und wurde nun für "Pieta" mit dem Hauptpreis in Gold gekrönt. Das Werk erzählt von einem brutalen Geldeintreiber in Seoul. Als eines Tages seine angebliche Mutter auftaucht, verändert sich sein Leben. Kim Ki-duk thematisiert dabei die Gier nach Geld und stellt so Fragen nach Moral und Werteverlust.

Gleich zwei Auszeichnungen gingen an das Sekten-Drama "The Master" von US-Regisseur Paul Thomas Anderson. Das Werk wurde mit dem Preis für die beste Regie geehrt. Außerdem teilen sich die beiden Hauptdarsteller Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix den Löwen als beste Schauspieler. Für ihre Leistung in dem israelischen Film "Fill the Void" wurde Hadas Yaron als beste Schauspielerin geehrt. Für den französischen Beitrag "Après Mai" von Olivier Assayas gab es den Preis für das beste Drehbuch.

CinemAvvenire Award für Seidl

Die Preise wurden am Samstagabend von der neunköpfigen Jury unter Vorsitz von US-Regisseur Michael Mann vergeben. Schon am Nachmittag waren die Favoriten mit kleineren Preisen bedacht worden. So kürte die internationale Filmkritikervereinigung FIPRESCI Andersons "The Master" zum besten Film, aber auch Seidl war mit dem CinemAvvenire Award ausgezeichnet worden. Für den Regisseur stand am Abend fest: "Es wird mit Sicherheit eine lange und rauschende Nacht werden." (APA, 8.9.2012)

Die wichtigsten Preisträger im Überblick

- Goldener Löwe für den besten Film: "Pieta" von Kim Ki-duk

- Spezialpreis der Jury: "Paradies: Glaube" von Ulrich Seidl

- Silberner Löwe für die beste Regie: Paul Thomas Anderson für "The Master

- Preis für die besten Schauspieler: Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix für "The Master"

- Preis für die beste Schauspielerin: Hadas Yaron für "Fill the Void"

- Bestes Drehbuch: Olivier Assayas für "Après Mai" 

 

Die jüngsten Siegerfilme im Überblick

2012: "Pieta" von Kim Ki-duk (Südkorea). Der drastische Film zeigt anhand eines brutalen Handlangers das erbarmungslose Abbild einer pervertierten Welt, in der das Geld zum höchsten Gut aufgestiegen ist.

2011: "Faust" von Aleksander Sokurow (Russland). Das auf Deutsch gedrehte Werk mit dem österreichischen Hauptdarsteller Johannes Zeiler ist eine freie Adaption des Goethe-Dramas.

2010: "Somewhere" von Sofia Coppola (USA). Der Film erzählt von einem Hollywoodstar, der auf seine elfjährige Tochter aufpassen muss. Durch sie erkennt er, wie leer sein Leben ist.

2009: "Libanon" von Samuel Maoz (Israel). Der Regisseur verarbeitet seine Erfahrungen als junger Soldat im ersten Libanon-Krieg 1982. Der Film zeigt den Krieg aus der Sicht von vier unerfahrenen Soldaten, die in ihrem Panzer festsitzen.

2008: "The Wrestler" von Darren Aronofsky (USA). Die Erzählung beleuchtet den Comeback-Versuch eines abgehalfterten Schaukämpfers.

2007: "Gefahr und Begierde" von Ang Lee (Taiwan/USA). Die Geschichte ist 1939/40 in Schanghai angesiedelt und erzählt von einer Gruppe chinesischer Studenten, die einen politischen Mord planen. Doch die Liebe kommt dazwischen.

2006: "Still Life" von Zhang Ke Jia (China). Ein Film über Menschen, die beim Bau des riesigen Drei-Schluchten-Staudamms in China ihre Heimat verlieren.

2005: "Brokeback Mountain" von Ang Lee (USA). Der Film ist ein tragisches, modernes Western-Melodram um zwei homosexuelle Cowboys.

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An no194

Richtig: Hinter Gitter mit diesem Ulrich Seidl!
Und - Bitte nicht vergessen: Zumindest einmal wöchentlich
den jeweiligen Mörder vom Sonntagabend-Krimi zur Anzeige bringen!!
Solche Künstler sind ja wirklich Todsünder...;-!

der gute mann (ulrich seidl)...

...möge sich in der selben art und weise einmal versuchen dem islam zu nähern,und gott bewahre,dann würde er vielleicht seinen eigenen film mit anderen augen sehen!dann wäre schluß mit lustig...

Ad clip:

Seidl hatte also irrtümlich den silbernen löwen überreicht bekommen, und hat diesen dann an p.s.hoffman im tausch gegen seinen "spezialpreis der jury" weitergegeben.

Wenn ich das richtig sehe, hat hoffman diesen löwen danach aber wieder weitergeben müssen. Denn er hätte ja den schauspielerpreis "coppa volpi" bekommen sollen. Hat er ihn dann auch an den endgültigen gewinner p.t.anderson weitergegeben, oder ist das arme katzerl noch durch vier weitere hände gegangen?

War denn diese preisverleihung vielleicht gar eine hommage an die zeit der slapstickfilme?

Seidl macht aus Eitelkeit leider denselben Fehler wie die Religionen

er wähnt sich im Besitz der Wahrheit. (siehe sein Interview in ORF Kultur)

Trotzdem ist ihm der Erfolg zu gönnen und Gratulation

Ein Englischkurs muss her, der Akzent ist urpeinlich!

Ist ihr - den Anhaltspunkten nach zu ur-teilen (höhö) - Wiener Dialekt für einen Deutschen wohl auch. Na und? Verständigen muss man sich können!

Lassen Sie einmal einen Amerikaner Deutsch oder Italienisch reden...

Im Übrigen ist ein Akzent gar nichts Peinliches, genausowenig wie die Hautfarbe oder die Art der Kopfhaare

Amerikaner sprechen doch kein gscheides Englisch ;P

Aha. Jetzt auf einmal,

nur weil sich's nicht um einen Politiker handelt.

Ich habe wegen zuwenig Englisch oder Akzent noch nie gelästert, auch bei Politikern nicht. Denen gehen ganz andere Fähigkeiten ab (leider auch dem Wahlvolk)

Nicht englisch sprechen zu können einerseits

und ein Akzent andererseits .. sind zwei grundverschiedene Dinge.

Jeder Mensch spricht Akzent .. selbst innerhalb der deutschen Sprache gibt es ausschliesslich Menschen mit Akzent, eben vielen unterschiedlichen.

er kann machen was er will, aber aus dem seidl wird kein krügerl mehr. trotzdem prost !

gnadenlose abrechnungen mit dem katholizismus sind erst dann mutig wenn die herren regisseure den islam mit gleicher strenge behandeln. Machen sie aber nicht.

und deswegen sind solange diese abrechnungen in wahrheit zeunisse von feigheit und billiger selbstprofilierung.

Ich freue mich auf diesen Film. Aber ich habe auch oft Probleme mit der Kritik am Katholizismus. Erstens ist das die Religion, die man am problemlosesten kritisieren darf, da gehört nicht die Spur von Mut dazu. Im Gegenteil ist es bei vielen Kulturschaffenden gut für das Renommee. Beim Judentum, Buddhismus, Hinduismus oder Islam schaut das schon ganz anders aus. Außerdem wird die Kritik oft unglaublich platt, geschmacklos und primitiv verpackt (siehe Titanic-Cover oder Kinderschänderwitze) und verlässt sich einfach darauf, dass man nicht mit Qualität aufsehen erregen muss, sondern, dass sich schon jemand aufregt dessen Gefühle verletzt wurden.
Seidl spielt aber in einer anderen Liga.

Wenn die "Herr Regisseure" (gibts für Sie keine weiblichen Filmemacherinnen?) im Katholizismus aufgewachsen sind wie in diesem Fall, wärs irgendwie nicht so authentisch, wenn sie eine gnadenlose Abrechnung mit dem Islam verfilmen würden.

lernen sie französisch (es gibt kein wort "regisseurin" oder "regisseuse")

Lernen Sie Deutsch, Regisseurin steht im Duden. Außerdem hab ich mich vor allem auf das "Herren" bezogen, das ist ja wohl kaum geschlechtnseutral, oder?

diese ausrede (sind im katholischen umfeld aufgewachsen)

ist a bisserl billig. nicht alles, was man kritisiert muss man selber auch erlebt haben, sonst wäre ein filmemacher wohl sehr beschränkt in seinem erzählen.

irgendwann hat sich das thema "huch, ich bin in einem katholischen land aufgewachsen" ausgelutscht. es gibt auch genug kritisches in anderen religionen zu thematisieren - sehr viel fragwürdiges. also wenn schon, dann den mut aufbringen und sich nicht auf jene beschränken, die alles mit sich gefallen lassen.

So viel weiß aber der Herr Seidl: Wenn er das, was er "mit dem Katholizismus" macht, auch "mit dem Islam" macht, dann lebt er nicht mehr lange. Allein schon deshalb ist mir der Katholizismus lieber: Weil man den kritisieren darf, ohne fürchten zu müssen, von einem Fanatiker umgebracht zu werden. Insofern hat Seidls Arbeit wenig mit Mut zu tun ...

Gebe dir prinzipiell recht...

Nur mach so einen Film über den Islam und morgen rotten sie deine ganze Familie aus...in der Hinsicht hat das Christentum in den letzten 500 Jahren wenigstens ein wenig dazugelernt...

Und Zeugnisse von erfolgreichem Schielen nach Preisen,

weil im europäischen Kulturbetrieb sowas immer wunderbar ankommt.

ich mag seidl nicht.
ich mag seidls filme nicht.
ich finde sie ekelhaft.
einfach grauslich.
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.
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sie beruehren.........deswegen lasse ich keinen film von ihm aus.

bravo ulrich seidl!

Da weint das arme Jesulein

wieder einmal ein großer erfolg für die heimische filmszene, keine frage. aber es ist halt leider wieder mal, das muß man schon auch sagen, ein film wie man ihn vom seidl erwartet hat.

mir ist er zu sehr zyniker und die konstellationen und einstellungen zu berechnend, als daß man ihm abnehmen würde, daß die filme aus ehrlichem (oder gar mitfühlendem) interesse am sujet entstanden sind. ähnlich wie bei der spira, nur halt noch extremer.

jeder ist käuflich, der mensch ist ein schwein, es gibt nichts woran es sich zu glauben lohnt: das ist halt das seidl'sche weltbild, das in jedem seiner filme durchkommt. wirklich überraschen kann da nichts mehr, auch an der kirche hat er sich ja schon abgearbeitet.

depressivkino wins again.

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