Schleiertanz im Studio

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  • Nachrichtensprecherin mit Kopftuch im Staatsfernsehen: Fatma Nabil
    foto: ap/egypt state tv

    Nachrichtensprecherin mit Kopftuch im Staatsfernsehen: Fatma Nabil

  • Maria-TV: Kamerafrau im Niqab
    foto: ap/maya alleruzzo

    Maria-TV: Kamerafrau im Niqab

  • Im Studio: Moderatorin Nahla Hashad und Kamerafrau
    foto: ap/maya alleruzzo

    Im Studio: Moderatorin Nahla Hashad und Kamerafrau

Kopftuch-Moderatorinnen im ägyptischen Fernsehen - Kritiker befürchten Islamisierung der Medienwelt

Manchmal ist es schon ein Kreuz mit der Religion - auch in den Medien und dort schon gar, wenn verschleiert wird. Schon gesehen: in Ägyptens staatlichem Fernsehen verlesen neuerdings die Moderatorinnen der Nachrichtensendungen mit Kopftuch. Nicht nur der Studioscheinwerfer wegen ist das eine heiße Angelegenheit. Viele fragen, ob das ein erster öffentlich-rechtlicher Kniefall vor dem neuen islamistischen Staatspräsidenten Mohammed Mursi ist. Ob generell eine Islamisierung der Medienlandschaft bevorsteht.

Kurz nach Mursis Amtsantritt wurden bereits mehrere Chefredakteure staatlicher Zeitungen gefeuert. Deren Nachfolger stehen zumindest der Muslimbruderschaft nahe. Am Sonntag, dem Tag der ersten Kopftuch-Nachrichten - der ersten dieser Art seit 52 Jahren - kam es zu Demonstrationen vor der Journalistengewerkschaft für Pressefreiheit und gegen die Islamisierung der ägyptischen Medienwelt.

A la mode oder mediale Kampfsportart?

Andere winken ab, das News-Kopftuch - ein cremefarbener Chiffonschal - sei lediglich eine äußerliche Anpassung à la mode. Eine ganz normale Reaktion auf die Tatsache, dass auch im alltäglichen Leben schon seit längerem immer mehr Frauen ihr Haar verdecken. Oder es ist vielleicht ganz simpel unternehmerisches Kalkül, eine neue mediale Kampfsportart, um der Konkurrenz SeherInnen wegzuschnappen.

Medialer Harem

Seit Beginn des diesjährigen Ramadans macht nämlich ein ganz anderer Sender auf der Frauenwelle Furore. Am 20. Juli ging in Ägypten ein völlig neuer Fernsehkanal via Satellit on air: Maria TV. Nur der Eigentümer, der Salafist Abu Islam Ahmad Abdallah, ist als Herr des Hauses ein Mann. Die gesamte Belegschaft jedoch sind Frauen. Die Direktorin, die Kamerafrauen, die Tontechnikerinnen, die Moderatorinnen. Selbst als Saubermänner oder Türsteher sind Männer in diesem medialen Harem verboten.

Maria TV verkauft sich als zukunftsorientiertes, geschlechtergerechtes Vorzeige-Modell. Schwarz verschleierte Frauen machen Programm für schon oder noch nicht verschleierte Frauen. Alle diese Medienfrauen tragen den Niqab-Schleier und züchtige schwarze Handschuhe, damit nicht auch nur ein Hauch von Haut zu sehen ist. "Die Welt durch den Sehschlitz" titelte zum Sendestart die Süddeutsche Zeitung.

Moderatorin Abeer Shahin ist Absolventin der elitären amerikanischen Universität in Kairo. Lange hatte sie wegen ihrer Total-Verschleierung keinen Job gefunden, nun ist sie in ihrem Element. Direktorin El-Sheikha Saafa Refai, ausgebildete Predigerin, erklärt: "Wir demonstrieren, dass nicht nur traditionelle Hausfrauen sondern auch erfolgreiche Business-Women zu ihrer religiösen Identität stehen und den Niqab tragen können." Zielgruppe des Senders seien jene angeblich neun Millionen Frauen, die wegen ihrer Verschleierung bisher diskriminiert worden seien.

Kinder, Küche, Kirche

Kinder, Küche, Kirche stehen als Inhalte auf dem Programm. Häppchenweise werden konservativ religiöse Werte und Weltanschauungen unters Volk gebracht. "Selbst wenn Du das ganze Haus liebevoll mit Kerzen erleuchtet hast, ärgere dich nicht, wenn Dein Mann dies abends nach einem langen Arbeitstag nicht bemerkt" rät der Sender zum Beispiel jung verheirateten Frauen.

Zu hoffen bleibt, dass die Moderatorinnen des staatlichen Fernsehens in ihrem neuen Schleier-Outfit nicht auch inhaltlich auf ein ähnliches Niveau abrutschen und eines Tages dazu übergehen, die Dresscodes westlicher Politikerinnen zu kommentieren.

Sklaverei und Freiheit

Maria TV wurde übrigens nach einer ägyptischen christlichen Sklavin benannt, die der Prophet Mohammed geheiratet hatte. Für den Gründer des Senders symbolisiert Maria den Übergang von der Sklaverei unter der koptischen Kirche zur Freiheit im Islam. Was meint übrigens Polens Radio Maria dazu? (Rubina Möhring, derStandard.at, 7.9.2012)

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