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Es muss mehr Grün in die Städte, sagt Helga Fassbinder.

Paris fördert das Begrünen von Fassaden, ...

... und Architekt Édouard François brachte ein Haus zum Blühen.
Letzten Samstag gingen in Alpbach die Baukulturgespräche zu Ende. Ein grüner Lichtblick war die niederländische Stadtplanerin Helga Fassbinder. Ein Gespräch.
STANDARD: Haben Sie einen Garten?
Fassbinder: Ja, ich wohne in Amsterdam an einer Gracht, und hinter dem Haus habe ich einen Garten. Der ist zwar nur so groß wie ein Wohnzimmer, aber ich habe regelmäßig Besuch von Möwen, Reihern, Blässhühnern und Bussarden. Ein wunderbarer Ort!
STANDARD: Als eine von wenigen Stadtplanerinnen in Europa kreiden Sie der heutigen Stadtplanung viele Fehler an. Unter anderem, meinen Sie, sind unsere Städte zu wenig grün.
Fassbinder: Die Städte in Europa sind Betonwüsten. Und das, obwohl wir in unserem Kulturkreis auf eine jahrhundertelange Garten- und Landschaftskultur zurückblicken, von der Antike über den Barock bis hin zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Ich beobachte allerdings, wie sich bei den Bürgern und Bewohnern langsam etwas tut. Sie entwickeln Interesse, und viele von ihnen sehnen sich nach mehr Grün in ihrem Lebensumfeld. Auch die Politik ist sensibler geworden. Und es sind nicht nur die Grünen, die von Grün sprechen.
STANDARD: Und was ist mit den Architekten und Stadtplanern?
Fassbinder: Da sehe ich eine ziemliche Stagnation. Es gibt ein paar künstlerische Ausnahmeerscheinungen wie etwa Patrick Blanc in Paris oder Martha Schwartz in London, generell wird das Grün in der Großstadt aber sehr stiefmütterlich behandelt. Architekten interessieren sich nicht dafür, bei den Stadtplanern ist es kein Thema, und die Landschaftsplaner sind als Gruppe noch nicht stark genug, um sich gegen diesen Umstand vereint zur Wehr zu setzen.
STANDARD: Warum ist die Stadt noch nicht so weit?
Fassbinder: Ich sage immer: Das sind die Nachwehen der Moderne. Die Moderne war ein unglaublicher Bruch in der Stadtplanung. Viele europäische Städte wurden damals komplett verändert, das Grün oft in Parks eingeschlossen oder an den Stadtrand verdrängt. Diese Fehler wieder rückgängig zu machen ist viel Arbeit. Aber das wäre eine eigene Diskussion wert.
STANDARD: Was sind die größten Kritikpunkte an ungrünen Städten?
Fassbinder: In der Stadt herrscht im Sommer der sogenannte Backofen-Effekt. Studien haben ergeben, dass man mit zehn Prozent mehr Grün - und das ist gar nicht so viel - die sommerliche Temperatur in den Städten um drei Grad Celsius senken kann. In einigen Stadtvierteln in Tokio hat man sogar herausgefunden, dass man mit einer massiven Nachbegrünung die lokale Temperatur um bis zu 13 Grad reduzieren kann. Das muss man sich einmal vorstellen! Außerdem ist Flora ein guter CO2-Speicher, ein Regenwasserspeicher und ein Feinstaub-Absorber. Grüne Hecken entlang der Straße können den Feinstaub in der Stadt um ein gutes Drittel reduzieren.
STANDARD: Handfeste Argumente! Wieso macht man das nicht öfter?
Fassbinder: Wegen der Paragrafen! In den meisten Fällen stehen dem Grün Bauvorschriften und Haftungsfragen im Weg. Da heißt es dann: Ja, aber was passiert, wenn jemand über das Grün stolpert? In Amsterdam gibt es seit einigen Jahren eine Verordnung, die Bewohnern erlaubt, auf dem Gehsteig vor ihrem Haus einen Streifen mit 30 Zentimeter Breite zu begrünen. Und siehe da, es gibt keine Unfälle, und alle sind happy. Wie will man sich das erklären? Vielleicht sind die niederländischen Bürger ja intelligenter und lernfähiger als die Österreicher. Doch das allergrößte Problem ist die fehlende Lobby.
STANDARD: Weil?
Fassbinder: Begrünung ist eine billige Sache. Ein Rasen, eine Hecke, ein Baum - mit diesen kleinen grünen Injektionen lässt sich kein Geld machen. Und deshalb gibt es auch keine Lobby, die Druck ausübt. Wäre Grün so teuer wie etwa Ziegel, Beton oder Stahl, was glauben Sie, wie rasch sich die Industrie dahinterklemmen würde! Die Wahrheit ist: ohne Lobby keine Chance.
STANDARD: Das klingt frustrierend.
Fassbinder: Ja, aber dafür gibt es ab und zu einen Politiker, der sich traut, aufzustehen und etwas in Bewegung zu setzen. Der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë zum Beispiel hat vor ein paar Jahren ein Amt für Fassadenbegrünung eingeführt - das sogenannte "Service du Paysage et de l'Environnement". Mieter und Hauseigentümer können sich dort melden und eine Begrünung ihrer Hausfassade beantragen. Das Tolle dabei ist, dass sie nicht nur behördliche Hilfe bekommen, sondern auch die nötigen Pflanzen und Samen. Und noch besser: Die Stadt Paris kümmert sich sogar um die Pflege und um den jährlichen Schnitt. Und das alles ist kostenlos! Das Interesse ist enorm. Bis jetzt wurden ein paar hundert Fassaden auf diese Weise begrünt. Das ist doch ein Anfang!
STANDARD: Und wenn es keinen Delanoë gibt?
Fassbinder: Dann muss die Bevölkerung die Sache selbst in die Hand nehmen. Platz für Grün gibt es genug. Auch in den dichtesten Städten.
STANDARD: In Chicago, Detroit, Paris, Berlin und Leipzig floriert heute das Urban Farming. Menschen pflegen ihr eigenes Stückchen Land und pflanzen Obst und Gemüse an. Ist die Reaktion auf die Krise eine langfristige Maßnahme oder nur eine Modeerscheinung?
Fassbinder: Beides. Die einen betreiben Urban Gardening, weil sie tatsächlich Geld sparen müssen und sich wieder nach mehr sozialen Kontakten sehnen. Die anderen machen es, weil es in den Magazinen steht und en vogue ist. Letztendlich aber ist die Motivation zweitrangig. Das Wichtigste ist, dass die Menschen aktiv werden und mitten in der Stadt ein Stück Autonomie zurückgewinnen.
STANDARD: Ist Urban Farming die Zukunft?
Fassbinder: Das hoffe ich doch! Das erste Mal seit der Stadterneuerung gibt es wieder ein Thema, das sich durch alle sozialen Schichten durchzieht. Und manchmal werden die Hierarchien sogar auf den Kopf gestellt, weil die Bäuerin aus Anatolien mehr Ahnung vom Melanzanizüchten hat als der Angestellte von nebenan. Hier findet ein Wissenstransfer von den gesellschaftlich Benachteiligten zu den Privilegierten statt. Plötzlich haben auch einmal die Underdogs und Outsider das Sagen! Wir machen uns immer Sorgen um die Integration - das ist Integration live.
STANDARD: 2004 haben Sie die Stiftung Biotope City gegründet. Welche Erfolge konnten Sie bisher erzielen?
Fassbinder: Wir schärfen das Bewusstsein für Grün in der Stadt, wir machen Medienarbeit, und wir halten zum Beispiel Vorträge und Workshops an Schulen und Universitäten. Meine Beobachtung ist, dass das Studium diesen Bereich viel zu wenig behandelt.
STANDARD: Wie lautet Ihre Forderung an die Politik?
Fassbinder: Ich wünsche mir mehr Offenheit und Weitsicht.
STANDARD: Das klingt aber nicht sehr feurig.
Fassbinder: Ich hab's nicht so mit dem Feuer. Ich hab's mehr mit der Erde. Die Stadtplanung ist heute fast zur Gänze in öffentlicher Hand. Und das Problem dieser öffentlichen Hand ist, dass das System träge ist. Ich wünsche mir daher Personen an der Spitze, die den Mut haben, auf den Tisch zu hauen und verkrustete Strukturen zu durchbrechen. Ich wünsche mir Politiker mit Visionen.
STANDARD: Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?
Fassbinder: Grün muss ein selbstverständlicher Baustein der Architektur werden. Ich träume von einem grünen Großstadtdschungel, von einer Stadt, in der es mehr Bäume als Autoabstellplätze gibt. (DER STANDARD, 8./9.9.2012)
Helga Fassbinder, geboren 1941, studierte Architektur, Städtebau, Kunstgeschichte und Politologie. Sie lebt heute in Amsterdam und ist Professorin für Stadtplanung an der TU Eindhoven und an der TU Hamburg-Harburg. 2004 gründete sie die Stiftung Biotope City, die sich mit Konzepten für Stadtbegrünung beschäftigt.
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kommt, weiss was ihm zuvor gefehlt hat. es ist schlicht und ergreifend ein gutes stück "lebensqualität" - wenn auch nicht überall machbar, sollte wo immer möglich, selbiges realisiert werden...
Man kann eben nicht alles haben.
Wenn man mehr grün in der Stadt hat sinkt der Baugrund - die Preise steigen. Die Leute jammern.
Wenn man den Platz besser nutzen will braucht mehr mehr Hochhäuser - die Leute jammern.
Wenn man die Dichte reduziert werden alle Wege länger, der öffentliche Verkehr wird unattraktiver und teurer, nichts mehr mehr ohne Auto. Die Leute jammern.
Fassbinder denkt also ziemlich kurzsichtig, bedenkt überhaupt nicht die Auswirkungen ihrer Vorschläge. Die negativen Konsequenzen von mehr Grün in der Stadt sind IMHO weit größer als die Vorteile wären - siehe meine Liste.
In Wien gibt es schon grün. So wie Fassbinder im Interview gemeint halt, aber eben primär im Park.
Prater, Lainzer Tiergarten, Donauinsel,...
In vielen Wohnbezirken kann man aber jeden einzelnen Baum mit Namen begrüßen. Ich finde, dass Wien schon sehr kompakt und dicht ist. Hat ja auch seine Vorteile
Berlin ist in meiner Erinnerung viel grüner, Warschau z.B auch.
Das ist es ja genau. Nehmen wir den Wienerwald dazu: Dann hat man die Situation, dass der grüne Teil sehr konzentriert ist im Gegensatz zum Rest der Stadt.
Aber mein Kommentar bezog sich nur auf die Aussage "Wien hat viel mehr Grün als fast jede andere Großstadt weltweit", welche sich einfach nicht mit meiner Erfahrung deckt.
Sie hat schlicht ihren Bakema im Hinterkopf und ist über die Lijnbaanansätze (Rotterdam) etc. nicht weit hinaus vorgedrungen.
Umgekehrt, die Diskussion ob Zinshausbebauung oder Gartenstadt entscheidet über die Infrastruktur und deren Kosten.
Man vergleiche z.B. die Ausdehnung von Wien mit Melbourne etc. etc.
Das Interview wurde auf bescheidenem Niveau geführt, lässt Aspekte der Ökonomie außer vor, die wesentliche Parameter der Flächenwidmungs- und Bebauungsplanung sind.
Verdichtung und Grünflächen werden in Wien z.B. in Alt-Erlaa anschaulich vor Augen geführt "Vollwertwohnen".
Das Interview leidet an der Qualität der Interviewführung.
jaja, ein 30cm-streifen, abgesehen von der winzigen fläche, den muss man intensivst düngen, wässern, damit da überhaupt was gedeiht. Und die geschichte mit den grünen fassaden, schaut toll aus, keine frage, mag auch aufs kleinklima positive auswirkungen haben, ist aber auch sehr teuer und wartungsintensiv
Pflanzen brechen sogar durch Asphaltdecken durch, ohne dass da jemand giesst und düngt. Und bei unserem Bau wächst aus einem relativ kleinen Stück Boden eine riesige Fläche Efeu mehrere Stockwerke die Fassade hinauf. Bei mir am Balkon ist beim Wasserabflussgitter auf einmal Thymian rausgekommen.
ich glaubs erst, wenn ich schafe im stadtpark sehe und die ziege unten im hof steht. aber die politik ist in bewegung, das parkpickerl in der vorstadt breitet sich aus, warum also nicht auch urban farming? auf der donauinsel ist viel platz, dort könnte man urban farmen.
was sie meint dachte ich schon lange, derzeit werden fast nur gläserne, klotzige hochhäuser gebaut die hässlich aussehen, eines wie das andere.
siehe wienerberg oder donauplatte, da weht nur der wind über kalte, leere betonflächen, wie in einem horrorfilm komm ich mir dort vor!
manchen gfallts, bei der donauplatte sind der donaupark und die -insel und die alte donau daneben. die die dort wohnen werden wissen was sie tun (hoffentlich) und was sie daran haben, sind ja mündige bürger. allerdings frage ich mich, ob die häuser wirklich ausgelastet sind bzw. zu welchem %-satz sie es sind.
z.B die toten, oft nur von ein paar Nadelbäumen verschandelten Grasflächen zwischen Gemeindebauten zu Gemüse- und Blumengärten umgestalten. Auch wenns am Anfang Streit und Vandalismus gibt, siegt a la longue vielleicht doch die kooperative Idylle!
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