Kollektive Schülerwerdung

  • Höchstens genügend bis nicht genügend: die Ausbildung zum Lehrer / zur Lehrerin an der Pädagogischen Hochschule.
    foto: apa/hochmuth

    Höchstens genügend bis nicht genügend: die Ausbildung zum Lehrer / zur Lehrerin an der Pädagogischen Hochschule.

Eltern schulreifer Kinder stecken sich Schummler in die Ärmel und referieren Copy-and-paste-Funde. Woran krankt die Lehrerausbildung? Ein Selbstversuch

Die Schriftstellerin hat, umgeben von lauter Gleichaltrigen mit fiktivem Pensionsanspruch, sich zur Hauptschullehrerin ausbilden lassen. Ich unterrichte auch an der Universität, wo mir mit großem Ernst und Interesse an meinem Fortkommen versichert wurde, es sei besser, einen Roman zu schreiben als eine Dissertation. Mein Vertrag wird semesterweise verlängert (oder nicht). An einem der Punkte von Panik vor der großen Zukunft ohne Geld dachte sich das schreibende Katharinchen, Urenkelin eines Lehrers, die ganze Familie voller Lehrer und sowieso seit Studienzeiten DaF-(Deutsch als Fremdsprache)-Trainerin, zu deren größten pädagogischen Momenten es gehört, einer 44-Jährigen das Schreiben des eigenen Namens beigebracht zu haben: Mach halt das Hauptschullehramt, das hat auch mit Unterrichten zu tun - und ist sicher. Sicher Urlaub machen können, sicher mieten, sicher alles und in Restaurants die Speisekarte von links nach rechts lesen können - wie andere Angestellte auch.

Ja, das ist sicher ein Weg in eines der unbeweglichsten Systeme, deren Existenz überhaupt gedacht werden kann. Es komme nichts über die Einzelnen, die alle dafür arbeiten, dass Schule überhaupt sein kann. Nichts über die Praxisbetreuerin, die mir per Mail Taschentücher anbot, um meinen Liebeskummer aus den Augen zu wischen, und trotzdem zu meinem Unterricht sagte, was Sache ist, eine fantastische Frau; nichts über den kreativsten Unterrichter - wegbeschwert von seiner Klientel, offenbar weil man mit Offenheit nicht zurande kam; nichts über den Soziologen, der die Mode vom "offenen Unterricht" als Bevorzugung von Mittelschichtkindern andiskutiert - weil beim (angeblich) freien Lernen eine Sprachmächtigkeit gefragt ist, die Kinder aus Häusern ohne Bücher schlicht nicht haben.

Nicht zu vergessen: die historische Fachfrau, die leuchtenden Auges auf Vulva und Penis aus Stein an der Westfassade des Stephansdoms hinwies. Einzeln sind sie gut. Alles zusammen ist die Ausbildung an der Institution, die sich Pädagogische Hochschule nennt, eine große Seltsamkeit.

Es ist seltsam, wenn jemand, der innerhalb der nächsten Monate als Deutschlehrer vor einer Klasse stehen wird, ein Referat über das aktuelle Theater in Österreich einleitet mit den Worten: "In Wien wird gerade Ich war noch niemals in New York gespielt."

Es ist seltsam, wenn nicht einmal die Professorin Namen wie Peter Turrini, Felix Mitterer, Elfriede Jelinek einwirft. Es ist skurril, dass sich eine weitere dafür entschuldigt, dass wir - wörtlich - "ein bisschen Theorie machen müssen".

Kappe runter, Klappe halten

Es ist zum Heulen, wenn einem winters Verspäteten als Erstes "Kappe runter" gesagt wird, als seien die werdenden Lehrer/-innen Wurmfortsätze von sich selbst als Kind (und was sagt das über unser Bild von Kindern?).

Die Folge: kollektive Schülerwerdung, und das ist ungut. Plötzlich stecken sich Eltern schulpflichtiger Kinder Schummelzettel in den Ärmel, plötzlich dienen Männer in der Quarterlife-Crisis dem Herrn Professor ihre Unterlagen an wie der rechten Hand von Metternich. Man liest unter der Bank, man referiert über Copy-and-paste-Fündchen. Man tippt in den eifrig geöffneten Laptop das, was man für wirklich wichtig hält. Man wartet und hält den Mund - es sei denn, es platzen Krägen, und dann dürfen sich jene Lehrenden, die sich als Dienstleisterinnen verstehen, eine Viertelstunde lang anhören, wo all der Frust herkommt.

Es sitzen Mütter, Väter, Arbeitende, Leute mit Universitätsabschlüssen in dieser Ausbildung. Für sie alle gilt: Anwesenheitspflicht und gemeinsames Kramen nach Anekdotischem. Die Zeit wird richtig zäh, wenn Nummer 29 berichtet, ihr Kraftplatz sei ihr Bett mitsamt Fernseher; dass und wie das mit NLP zu tun hat, wird nicht verraten, Haupt sache, uns geht's gut.

Wer dann noch erzählen kann von einem Schüler, der auf dem Tisch tanzt, hat gewonnen, und überhaupt schlägt ein legeres "Ich komm ja aus der Praxis" tendenziell alles, was es sonst noch an Qualifikation geben kann. Das betrifft auch eine gewisse Spaltung im Lehrkörper - und die Gefahr, im Verhaftetsein im zweifellos schillernden und fordernden Schulalltag auf Reflexion zu verzichten, die über "War ich heute gut?" (weit) hinausgeht. Die Päd agogikcowboys und -girls sitzen ums Lagerfeuer und geben sich ihre Schulgeschichten, während die Mineralwasserflasche die Runde macht, aber die bitte nur in der Fünfminutenpause, wir müssen ja Vorbilder sein.

Was eine/einer mitbringt aus dem "anderen" Leben, aus dem Nichtlehrerleben, ist irrelevant - um so absurder, als ununterbrochen mit dem Wort "Kom petenz" herumgeworfen wird. Alle Erfahrung wird höchstens eingepasst in dieses Schnittmuster, das L-Wort, von dem eine seltsame Dopplung ausgeht: Wir sind gut, aber eigentlich arbeiten wir an Restschulen (sic!). Wir haben Handlungs-, Beurteilungs-, ich weiß nicht was für Kompetenz, aber eigentlich können wir in "unseren Kindern" schon nichts mehr bewirken. Wir strotzen vor pädagogischer Finesse, aber eigentlich brauchen wir Burnoutprävention. Die Spaltung zieht sich tief hinein in die Ausbildungsstruktur: Wir wollen Studierte sein - aber es zählt nur die Erfahrung der, ja, man ist versucht zu sagen: Frontkämpfer.

Erstes Problem: die hermetische Schule. Die Erstberufe liegen brach - es interessiert nicht, ob sie einen anderen Platz in der Schule haben als das Vorzeigen unerreichbarer Ferne. Man tunnelt hin auf das eine Ziel, anständig zu performen, was man gelernt hat, Einstieg - Hauptteil - Festigung, als wäre eine Schulstunde ein Aufsatz. Als würden sich Kinder was merken, weil sie am Ende des Unterrichts ein Kreuzworträtsel ausfüllen. Feinziel: Die Kinder sollen die wesentlichen Bestandteile einer Erörterung benennen können! (Wenn ein Feinziel nicht das Wort "sollen" enthält, ist es falsch formuliert.)

Es ist, als ob die Angst vorm Wuchern regieren würde, die Angst vorm Unkontrollierbaren, vorm Zufall - dabei wissen alle, die ihre Augen offen haben, von pädagogischen Überraschungen. Trotzdem müssen Punkte vergeben, Listen geführt werden, aber bitte differenzieren, jedes Arbeitsblatt in drei Schwierigkeitsgraden, auch wenn die Hauptinfo ist, dass Mozarts Schwester Nannerl hieß.

Das Erzählerische, das in der Ausbildung so gern bemüht wird, hat in der Schule keinen Platz, hier herrschen Lückentext und zu ordnende Sätze, Zack, Punkt und Strich - beklemmendes Zerrbild einer normregierten Welt in einem als kindgerecht gedachten Format.

Die Schule hat Angst vor dem Wuchern, treibt aber Wucher mit Wissensbröckchen; sie legt Stammbücher an, zeigt aber die Stammbäume des Wissens nicht auf, die Verwachsenheit der Dinge miteinander; sie hat Klassenbücher, und überhaupt muss jedes Buch klassifiziert und verwertet werden. Das Wertlose, Wertfreie, das Einfach-so, aus dem manchmal die besten Dinge kommen, gilt nicht. Paradoxerweise gilt auch das Gegenteil nicht, das Hinein hackeln, das Abverlangen, denn "unsere Kinder" haben keine Hilfe bei den Hausaufgaben, "unsere Kinder" sind gleich überfordert, "unsere Kinder" kennen sich prinzipiell nicht aus. Man scheitert vor auseilend an einer herbeiimaginierten Blödheit der Kinder, in dieser Haltung bestärkt durch Aufgaben wie jene, aus der Wortgruppe "Bauer-fleißig-Alm" einen Satz zu bilden, aber nicht irgendeinen, sondern einen zeitungstauglichen, denn wir schreiben gerade Berichte. Und: Wer als Schüler sein Kurzzeitgedächtnis schlecht managt, hat schlechte Karten.

Gelangweilte Kinder

Ein viel grundsätzlicheres Problem, als jede/jeden sicherheitshalber für einen Trottel zu halten (Umgangston an schlechten Schulen, so wie der Sager einer Wiener Direktorin, "die dritte Türkenbelagerung" werde man "auch noch überleben"), ist, jede/jeden als Problemfall einzuschätzen; das Requisit für die Begegnung mit einem Problemfall heißt "Wertschätzung" und meint sowohl - nicht die schlechteste Strategie - das simple Mögen von Kindern, ein Einlassen auf ihr So-Sein - aber oft auch eine Tendenz zur Schonung, die letztendlich in Unterforderung mündet. Die Unterforderung kaschiert man mit geregeltem Unterricht, mit einer Materialfülle, die ein Gefühl von Erledigt-Haben vorgaukelt; gleichzeitig hält viel Papier gelangweilte Kinder unter Kontrolle. Logisch. Die Unterforderten (natürlich allesamt Pro blemfälle) mucken zuerst auf.

Nächstes, damit zusammenhängendes Problem: In den sogenannten "Seminaren" auf der Pädagogischen Hochschule wird gekuschelt, was das Zeug hält, nie wird jemand auf die Peinlichkeit einer kindischen Leistung hingewiesen, dauernd ist alles gut. Zu lesende Fachtexte haben viel zu oft die Länge von Kochrezepten - wenn auch, bei Maunzen der Studenten und Studentinnen, darauf hingewiesen wird, dass "auf der Uni" ganze Stapel an Literatur zu lesen seien, und diese Warnung etwas von nachsichtiger Trauer an sich hat.

Da wie dort: Nivellierung nach unten, immer basaler, bloß keine Ansprüche stellen, denn, wie allgemein bekannt, unsere Kinder verstehen das nicht. Dazu kommt die Frechheit, Kindern aus "bildungsfernen Schichten" unterqualifizierten Unterricht zu bieten - ein(e) Hauptschullehrer/-in muss bei Bedarf jedes Nebenfach unterrichten. Politisch äußerst fragwürdig - als könnten wir beurteilen, dass "diese Kinder" sowieso kein spezielles Potenzial haben und nur aufs Pünktlichsein im Lehrberuf getrimmt werden müssen.

Resultat: Unbeweglichkeit da wie dort, Langeweile, tiefer Frust, der innerhalb und zwischen den verschiedenen Gruppierungen an der Pädagogischen Hochschule (PH) erzeugt wird, als wäre er Absicht. Die ausdauernd gepflegte Unterforderung mündet zielsicher in ihr Gegenteil, wenn die Bachelorarbeit ansteht und man plötzlich wissenschaftlich arbeiten soll - "Aber das hab ich mir eh selbst gedacht!", heißt es bisweilen, wenn das Prinzip des Zitierens in den Raum geworfen wird.

Mehrmals gehörter Kommentar: Vui unnedig, die Bätschelor oabeit, wozu brauchn mir Wissenschaft? Dementsprechend unbeliebt sind Lehrende, die genau jene wollen und betreiben. Dementsprechend scheintot sind die Gesichter der Kolleginnen und Kollegen beim Konsumieren von Referaten (deren hunderte).

Damit vergibt die PH eine riesige Chance - nämlich eine nachhaltige Begegnung ihrer Studierenden mit hauseigener und anderer Forschung zu ermöglichen; zu zeigen, wie man an der Abstraktion das strukturierte Denken erlernt und/oder übt (wobei "Ab straktionsfähigkeit" und "kritisches und vernetztes Denken und Planen", laut Zielen des Bachelor-Studiengangs, "angestrebt werden sollen"). Das vollmundige Versprechen, es handle sich um ein akademisches Studium, auf dem man aufbauen kann, ist nicht ohne weiteres einlösbar. Tatsächlich steigt man als "Bacc.ed." etwa im AHS-Lehramtsstudium für Deutsch 20 ECTS-Punkte (dar unter "Technik des wissenschaftlichen Arbeitens") vor Ende des ersten Abschnitts ein, und die Bachelors in Bildungswissenschaft haben den Namensvettern von der PH eine zweite Arbeit voraus.

Im krassen Gegensatz zur wissenschaftlichen Sparflamme: die Knochenarbeit - und ein Learning by Doing, das erstaunliche innere Räume öffnet - der Unterrichtspraxis, im letzten Jahr vier Wochen pro Semester, idealerweise als "Beiwagerl" von jemand richtig Gutem. Jede Lehrerin, jeder Lehrer, der es schafft, verschiedenen Gruppen von Zehn- bis Vierzehnjährigen in gerade richtig reduzierter Komplexität relevante Inhalte beizubringen, außerdem über hundert Kinder emotional zu begleiten, den Verwaltungsaufwand zu stemmen, sich im Fünfzigminutentakt auf völlig unterschiedliche Situationen einzustellen und zwischendurch ein Zehnsekundenfenster am (einzigen) Kopiergerät zu erringen, ist ein Alltagshero und verdient das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Lächeln und reden ...

In Wahrheit müsstest du nämlich auf Zack sein wie ein Millionenshow-Kandidat, nur ohne Joker. Du müsstest im kleinen Finger haben, wie man Bremswege berechnet, wer die Kelten waren, wie welches Tier sich fortpflanzt (ein Fragendauerbrenner), notfalls auch, wie Sinus und Cosinus angewendet werden (und was das überhaupt ist). Wenn du gut bist - so gesehen bei einer langgedienten Lehrerin - schlägst du den Bogen von Bach und seiner Musik zu seinen zwanzig Kindern und der Frage, warum die Menschen damals sich fortpflanzten wie die Karnickel, aber das sagst du natürlich nicht so, sondern druckreif.

Du machst Zirkeltrainings, es hilft, wenn du Klavier spielen kannst, du bist ein wandelndes Wörterbuch. Du verzweifelst nicht, wenn eine Zwölfjährige dich mit Autobusaugen anschaut und fragt, was ein Priester ist, sondern lächelst und redest. Du schlichtest Streitigkeiten auf eine Art, die einen geprüften Mediator vor Neid erblassen lässt. Mit Gruppendynamik verbindest du keinen Modetanz, sondern Dependenzstrukturen mit Lösungsmodellen, aber das hast du dir selbst angelesen, in der Ausbildung war nämlich nie die Rede davon.

Du kannst aus dem Stand mindestens 126 Lehrberufe aufzählen. Du sprichst rudimentär Türkisch. Du bist ein Kopfsalsatänzer, eine Herzverschenkerin, du schaffst es spielend, aus einem in Frageintonation gestammelten Satz Bestätigung für den Rest der Woche zu zuzeln. Das alles, wohlgemerkt, mit einem Schreibtisch im Lehrerzimmer, der in etwa den Durchmesser eines Bierdeckels hat. Wer sich auf eine solche "Karriere" einlässt, braucht Erfahrung, die er sich anderswo angelebt hat - und nicht indem er von einer Schulbank an die andere gewandert ist. Er muss sich von der Blauäugigkeit weit entfernt haben, mit der folgender Satz formuliert wurde: "Beim Lesen von Bernhards Heldenplatz kann man mit den Schülern diskutieren: Darf ich eine Gesellschaft, in der ich lebe, überhaupt kritisieren?" (Gedachter Zusatz: Heldenplatz kann man mit "unseren" Kindern sowieso nicht lesen, das ist viel zu hoch, zu schwer, zu überhaupt.)

Fazit: ich wünsche allen PH-Studierenden eine Heranführung an das Prinzip Zufall, also an das Prinzip Leben. Das Mindestalter 21 beim Eintritt, ein Auf nahmeverfahren, das diesen Namen verdient. Ein Modul in Urban Studies. Ein Pflichtpraktikum in einem Theater, bei Künstler/-innen, bei der Rettung, in einer Gärtnerei, im Anatomiesaal. Irgendwo, wo Pädagogik kein Thema ist und man trotzdem zupacken muss.

Es gehören Menschen von "draußen" in diese Ausbildung - mehr und selbstverständlicher, mit Respekt vor politischer, kultureller, ökonomischer Leistung: Im Moment herrscht ein Klima, in dem beim Gespräch mit Erhard Busek grade mal ein Drittel der Studierenden (Geschichte, Pflichtfach) anwesend ist, weil sie halt auch einmal fehlen dürfen und keine Ah nung haben, wer Erhard Busek ist.

Mehr noch: das "Draußen" muss ins "Drinnen" hineinwachsen - damit das "Drinnen" kein Gefängnis wird und das "Draußen" kein Schock, sobald man dort landet. Ich wünsche mir, dass zukünftige Hauptschul-Deutschlehrerinnen und -lehrer den Faust lesen: "Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei, Medizin ..."

Vielleicht kommt es dann nicht zu Peinlichkeiten wie in der studentischen Stoffsammlung, in der es hieß: "Peter Handke wollte kein Meisterwerk schreiben, also gibt es in diesem Buch keine langen Sätze." - Oder es gäbe wenigstens Feedback. (Katharina Tiwald, Album, DER STANDARD, 8.9.2012)

KATHARINA TIWALD geb. 1979 in Wr. Neustadt, studierte Linguistik und Russisch in Wien und St.Petersburg. Sie ist Lehrbeauftragte am Institut für Slawistik und arbeitet als freie Schriftstellerin in Wien. Sie schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke.

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