"Euro steht Schicksal wie Lira bevor"

Interview |
  • Thorsten Polleit: Die Anleihenkäufe schwächen den Euro.
    foto: privat

    Thorsten Polleit: Die Anleihenkäufe schwächen den Euro.

Ökonom Thorsten Polleit rechnet wegen der lockeren Geldpolitik mit Inflation wie in den 1970er-Jahren, Gold ist für ihn das Gebot der Stunde

Standard: Die Europäische Zentralbank hat unlimitierte Anleihenankäufe angekündigt. Wie schätzen Sie diese Maßnahme ein?

Polleit: Das leitet im Prinzip eine bewusste Inflationierungspolitik ein. Zur Entschärfung der Schuldenkrise wird die Entwertung des Geldes eingesetzt. Mit dem künstlichen Drücken der Zinsen soll erreicht werden, dass der Zins nach Abzug der Inflation negativ wird. Damit werden die realen Schulden entwertet. Dem Schuldner wird geholfen, derjenige, der die Bonds hält, zahlt die Zeche.

Standard: Also wird eine Umwälzung der Schuldenstaaten auf die Investoren eingeleitet?

Polleit: Ja.

Standard: Punkto Inflation sagt die EZB aber, dass sie diese stabil halten will, indem sie immer wieder Geld aus dem Markt nimmt - durch das sogenannte "Sterilisieren".

Polleit: Ich glaube, damit streut man der Öffentlichkeit Sand in die Augen. Wenn die EZB den Geschäftsbanken Anleihen abkauft, dann kommt es "nur" zu einer Erhöhung der Überschussreserve. Kauft die EZB von einer Bank Staatsanleihen in der Höhe von einer Milliarde Euro, ist das ein Aktivtausch in der Bankbilanz. Die Aktiva verringern sich, der Kassenbestand steigt. Das ist relativ unproblematisch. Das ändert sich aber, wenn "Nicht-Banken", also Pensionskassen, Versicherungen und Private Sparer, ihre Anleihen verkaufen.

Standard: Warum?

Polleit: Angenommen ein Sparer verkauft eine italienische Staatsanleihe an seine Bank, und diese verkauft die Anleihe wiederum an die EZB. Dann überweist die EZB neu gedrucktes Geld auf das Konto des Sparers. Diese Gutschrift erhöht die umlaufende Geldmenge. Wird dieses Geld ausgegeben, kommt es tatsächlich in Umlauf. Das ist die absehbare Entwicklung des Anleihenkaufprogrammes. Das kann man dann nicht mehr neutralisieren.

Standard: Wird die Kaufkraft des Geldes herabgesetzt, hindert das auch die Konjunkturerholung ...

Polleit: Richtig, das wird vielfach vergessen. Man denkt, die Inflation wird geduldet, wenn sie nicht so hoch ist. Das ist aber der Preis, den man den Bürgern auferlegt.

Standard: Mit welcher Inflationshöhe rechnen Sie?

Polleit: Mindestens so wie in den 1970er-Jahren (in Österreich war die Inflationsrate damals phasenweise zweistellig, Anm.). Die Italiener haben früher schon immer die Notenpresse eingesetzt, um die Rechnung des Staates zu bezahlen. Das hat in Italien immer für eine hohe Inflation gesorgt, die Lira wurde somit zur weichen Währung. Ein ähnliches Schicksal steht dem Euro bevor.

Standard: Weiche Währung, hohe Inflation. Das schreit nach der Suche nach einem sicheren Hafen, und da landet man meist bei Gold.

Polleit: In einem inflationären Umfeld ist es ganz schwierig, den Wert eines Vermögens zu wahren. Gold ist im Moment das Investment Nummer eins.

Standard: Der Goldpreis ist aber schon stark gestiegen. Lohnt sich ein Investment noch?

Polleit: Ja. Obwohl es beim Goldpreis auch Schwankungen gibt, wird er nie auf null fallen. Gold hat eine andere Qualität als andere Anlagen, es ist das ultimative Zahlungsmittel. In jedem Fall sollte ein Sparer auf die richtige Mischung achten. Neben Gold sollte man auch Aktien von Unternehmen halten, die international eine hohe Wettbewerbsfähigkeit aufweisen. Meiden sollten Anleger in so einem Umfeld jedenfalls Termin- und Spareinlagen. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 8./9.9.2012)

 

Thorsten Polleit (44) ist Chefökonom bei Degussa Goldhandel und Mitglied des Verwaltungsrates. An der Frankfurt School of Finance ist er Honorarprofessor und Wissenschafter am Ludwig von Mises Institute, Alabama. Polleit ist Mitglied der Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft.

 

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