"Nichts ist langweiliger als ein unverletzbarer Held"

Interview |
  • Agent ohne schützende Institution: Jeremy Renner übernimmt in "Das Bourne Vermächtnis" die Rolle von Matt Damon.
    vergrößern 600x904
    foto: upi

    Agent ohne schützende Institution: Jeremy Renner übernimmt in "Das Bourne Vermächtnis" die Rolle von Matt Damon.

Im Sequel der populären Agentenfilmreihe "Das Bourne Vermächtnis" übernimmt Jeremy Renner die Rolle des gehetzten Helden. Der US-Schauspieler über Verletzbarkeit, Genrevorbilder und bevorzugte Rollen

Wien - Ein unverbrauchtes Gesicht suchte die US-Regisseurin Kathryn Bigelow noch vor drei Jahren, als sie für ihr Irakkriegsdrama "The Hurt Locker" die Hauptrolle eines waghalsigen Bombenexperten mit Jeremy Renner besetzte. Die Darstellung des labilen Soldaten, der dem Spezialkommando in Bagdad seine eigenen Methoden aufzwingt, bescherte Renner eine Oscarnominierung und den Durchbruch in die höchste Liga Hollywoods.

Nun übernimmt Renner jene Rolle, die bislang von Matt Damon geprägt wurde: In "The Bourne Legacy" / "Das Bourne Vermächtnis", inszeniert vom bisherigen Bourne-Drehbuchautor Tony Gilroy, setzt sich Renner als vogelfreier Geheimagent gegen eine Verschwörung in den eigenen Reihen zur Wehr.

Standard: Sie haben eine für heutige Verhältnisse untypisch späte Karriere, die an jene klassischer Hollywoodschauspieler erinnert, die sich viele Jahre mit einfachen Jobs durchschlagen mussten.

Renner: Das liegt möglicherweise daran, dass ich in einer typischen US-Kleinstadt aufgewachsen bin. Damals führte ich das einfache Leben eines kleinen Jungen, nun bin ich zwar erwachsen, führe es aber im Grunde noch immer - oder eigentlich wieder. Aber tatsächlich wusste ich lange, wie viel jeder einzelne Dollar wert ist, wenn man ihn sich verdienen muss.

Standard: Auch "The Bourne Legacy" hat etwas Altmodisches, der Film erinnert in seiner Zielstrebigkeit an klassische Vorbilder.

Renner: Mich hat das Drehbuch vor allem an jene Filme erinnert, mit denen ich in den Siebzigern aufgewachsen bin, zum Beispiel "French Connection". Und natürlich ist die Figur des Einzelgängers ebenfalls eine klassische, die auf unzähligen Vorbildern aufbaut.

Standard: Fühlen Sie sich diesen Schauspielern des Genrekinos der Sechziger- und Siebzigerjahre, etwa Steve McQueen oder James Coburn, verbunden?

Renner: Sie sind Inspiration. Aber ein direkter Vergleich funktioniert nicht, denn die Kinolandschaft und damit auch die Arbeitsverhältnisse haben sich radikal verändert. Es sind das Kino dieser Zeit und einzelne Akteure, die ich sehr schätze, aber ich vergleiche mich nicht mit ihnen.

Standard: Die Figuren, die Sie verkörpert haben, sind einander ähnlich: Hinter der harten Schale steckt meist dann doch ein weicher Kern, so wie beim Soldaten in "The Hurt Locker".

Renner: Das ist sehr wichtig für mich. Allerdings weniger die Frage, ob hart oder weich, sondern wie komplex - oder menschlich - eine Figur ist. Mich interessiert, wie Menschen sich in Extremsituationen verhalten, und das versuche ich in das Innere der Figuren einzubauen. Nichts ist langweiliger als ein unverletzbarer Held.

Standard: Verletzbar waren Sie fast immer: In "The Hurt Locker" spielten Sie den Anführer eines Entschärfungskommandos in Bagdad, davor in "28 Weeks Later" einen Soldaten, der sein Leben sogar für das anderer opfert.

Renner: Auch diesmal ist es das größte Ziel für meine Figur zu überleben. Es gibt aber einen Moment der Erkenntnis und der Bewusstwerdung, dass er nur eine Marionette in einem abgekarteten Spiel ist. Das macht ihn wiederum zu einer komplexen Figur, denn einerseits zerstört es ihn, andererseits motiviert es ihn, sein Schicksal in die Hand zu nehmen.

Standard: Gibt es eine Renaissance von selbstbestimmten Charakteren im Actionfilm?

Renner: Ich denke da geht es vor allem um die Möglichkeit, als Zuschauer der Fantasie freien Lauf zu lassen. Und das wiederum hängt mit dem Geschichtenerzählen zusammen. Spannende Geschichten hat es schon immer gegeben, und alles andere - der Eskapismus, die Politik, die Fantasie - sind ein Teil davon. Die Zeiten haben sich geändert, aber das Geschichtenerzählen eigentlich nicht sehr. Manchmal überwiegt das eine, dann wieder das andere.

Standard: Gibt ein möglichst spannendes Script den Ausschlag?

Renner: Nicht nur, natürlich genauso die Rolle selbst und die Möglichkeit, etwas lernen zu können. Was mich besonders interessiert, ist eine innere Dramatik erzeugen zu können, die nicht im Drehbuch steht. Das ist eine Art von Reise, im Laufe derer man unglaubliche Dinge entdecken kann. Das ist für mich die wahre Freude am Filmemachen.

Standard: Sie haben aber auch viel für das Fernsehen gearbeitet. Ihre Entscheidung für das Kino entspricht nicht unbedingt dem Trend.

Renner: Das Fernsehen hat sich in den letzten zehn Jahren dramatisch verändert. Die US-Fernsehdramen sind von höchster Qualität, etwa "Breaking Bad" oder "Mad Men". Aber es ist ein völlig anderes Medium, wenn man es von der kreativen Seite aus betrachtet. Aus schauspielerischer Sicht eine große Herausforderung und vor allem sehr arbeitsintensiv.

Standard: Würden Sie derartige Qualitätsserien interessieren?

Renner: Das Problem ist, dass man vertraglich gebunden ist. Die Sender besitzen dich mehrere Jahre. Für eine kurze Zeit fände ich es interessant, aber sagen wir es so: Ich stürze mich im Moment nicht gerade drauf.
(Michael Pekler, DER STANDARD, 8./9.9.2012)

Ab 14. 9. im Kino

Jeremy Renner (41), geboren in Modesto (Kalifornien), spielte nach seinem Erfolg mit "The Hurt Locker" u. a. im Gangsterfilm "The Town", was ihm seine zweite Oscar-Nominierung einbrachte.

Share if you care