"Amerikaner denken in Vierteljahresabschlüssen"

Ernst Ulrich von Weizsäcker sieht schwarz für die Ökopolitik. Er pocht auf Allianzen zwischen Europa und Asien

Wien - Das Umweltbewusstsein im "gemütlichen Österreich" hat für ihn mit den weltweiten Entwicklungen wenig gemein. Zwischen Europa und Nordamerika macht er tiefe Gräben aus. Der deutsche Umweltwissenschafter Ernst Ulrich von Weizsäcker zeichnet ein düsteres Bild der internationalen Ökopolitik. Für gut die Hälfte der Amerikaner habe das Thema Klimawandel bisher nicht existiert.

Erst die schwachen Maisernten infolge der Dürre ließen manche mittlerweile doch darüber nachdenken. Global herrsche nach wie vor die Meinung vor, dass Öko Luxus sei. "Was für ein törichtes Vorurteil." Der Physiker und Biologe war Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und saß für die SPD im Deutschen Bundestag. Am Freitag kam er auf Einladung der Handelskette Rewe nach Wien - und übte scharfe Kritik an den USA: Sie akzeptierten keine globalen Regeln, überließen alles auf Kosten der Umwelt und Armen den freien Kräfte der Märkte, warnte er. "Sie denken in Vierteljahresabschlüssen" - und betrieben dabei globales Brainwa shing - zu gern schicke Chinas Elite ihre Kinder auf amerikanische Wirtschaftsuniversitäten wie Stanford oder Harvard.

Allianzen mit Asiaten

Weizsäcker appelliert an Allianzen der Europäer mit Asiaten, unter denen langfristigeres Denken vorherrsche. Ein Zusammenschluss bei umweltpolitischen Themen mache die Wall Street nervös und zwinge folglich auch die US-Regierung zum Handeln. Europa brauche Selbstbewusstsein und dürfe von Asien nicht als Marionette Nordamerikas wahrgenommen werden.

Der Verbrauch von Wasserressourcen, Energie und Land gehöre verteuert. "Auch wenn das die Amerikaner bekämpfen werden - mit dem heiligen Geist der Marktwirtschaft."

Europa dürfe sich in- ternationale Regeln dabei nicht von der Welthandelsorganisation kaputtmachen lassen. "Sie ist ein Feind der Umwelt - auch wenn man das nicht sagen darf."

Für Weizsäcker lassen sich Wohlstand und Belange der Umwelt durchaus vereinen. Voraussetzung sei eine Verfünffachung der Ressourcenproduktivität. Womit er keine Intensivlandwirtschaft meine, da diese energieaufwendiger sei als der ökologische Anbau.

Die Produkte daraus müssten jedoch erschwinglich sein, um breiten Absatz zu finden. Eine neue US-Studie über Biolebensmittel, die diesen kaum Mehrwert für die Gesundheit attestiert, quittiert er mit "typisch Amerika". Rewe-Österreich-Chef Frank Hensel, der Nachhaltigkeitsprogramme auf die Fahnen des Konzerns heftet, nennt die Untersuchung einseitig. Sie berücksichtige weder die Folgen des Bioanbaus auf die Umwelt noch auf die Gesellschaft. Generell werde Bio jedoch Nische bleiben. Der große Hebel für Verbesserungen liege in konventionellen Produkten. (vk, DER STANDARD; 8./9.9.2012)

Share if you care