Die Diskussion um den Wert des Sieges

Sigi Lützow aus London
7. September 2012, 17:39
  • Der Tiroler Martin Legner (50) hat bereits hunderte Turniere gewonnen. Eine Medaille bei den Paralympics hingegen blieb ihm versagt. In seinem Sport gibt es keine Unterteilung nach dem Grad der Behinderung.
    foto: oepc/baldauf

    Der Tiroler Martin Legner (50) hat bereits hunderte Turniere gewonnen. Eine Medaille bei den Paralympics hingegen blieb ihm versagt. In seinem Sport gibt es keine Unterteilung nach dem Grad der Behinderung.

Rollstuhltennis-Spieler Martin Legner befürwortet eine Reduzierung der Klassen bei den Paralympics: "Wir wollen doch als Spitzensportler anerkannt sein"

Martin Legner als Paralympics-Tourist zu schelten, wäre absurd. Das fiele nicht einmal einem Minister ein, der sich in einen Pallawatsch hineingeredet hat. Zugegeben, Legner könnte das paralympische Dorf längst verlassen haben, ist er doch im Einzel und Doppel des Rollstuhltennis-Turniers schon seit Wochenanfang nicht mehr vertreten. Der Tiroler wäre seinen sportlichen Gewohnheiten gemäß auch schon längst weg, spielten nicht am Sonntag bei der Schlussfeier im Olympiastadion Coldplay auf. "Kann ich mir nicht entgehen lassen", sagt Legner, und die Augen glänzen wie das Flinserl im rechten Ohr des Tirolers aus Mils.

Dass der seit einem Paragleit-Unfall 1988 querschnittgelähmte Agraringenieur von seinen sechsten Spielen wieder ohne Medaille auf seinen Bauernhof heimkehren wird, ist, nun ja, eine Ironie des Schicksals. Denn Legner, der 1992 in Barcelona im Doppel und 2000 in Sydney im Einzel jeweils das Spiel um Platz drei verloren hat, ist der Tennisspieler mit den meisten Turniersiegen aller bisherigen und vermutlich auch kommenden Zeiten. 74 Mal triumphierte er im Einzel, mehr als 200 Mal im Doppel. Dass er mit seinen mehr als 1000 Einzelsiegen sogar einen Roger Federer abhängt, amüsiert Legner ebenso wie die dann angesichts seiner Behinderung eigentlich immer unterbleibenden Versuche, ihn davon zu überzeugen, dass das irgendwie nicht vergleichbar sei.

Vergleichbar ist Rollstuhltennis mit dem Tennis der Nichtbehinderten insofern, als es schon lange im Rahmen des internationalen Verbandes (ITF) professionell betrieben wird. Legner ist eines der Aushängeschilder im Zirkus, er war im Doppel schon Nummer eins und im Einzel Nummer drei. Seit einer Schulterverletzung geht es dem Vollprofi nicht mehr ganz so leicht von der Hand, zum gegenwärtig 15. Platz im Einzelranking reicht es aber.

Das Erfolgsgeheimnis des Rollstuhltennis sieht Legner auch in seiner klaren Struktur. Es gibt keine Unterteilungen nach Behinderungsgrad, sondern wie beim herkömmlichen Profitennis Abstufungen nach Preisgeld. Bestrebungen, diese Einklassengesellschaft aufzubrechen, sind ihm und seinen ähnlich erfolgreichen Kollegen selbstredend ein Dorn im Auge. "Damit würde man den Sport kaputtmachen."

Medaillenflut

Dementsprechend ist auch die Position des dreifachen Vaters in der Diskussion um die Zusammenlegung von Klassen. Die freilich etwa Rennrollstuhlfahrer Thomas Geierspichler als unfair beklagt, weil Menschen mit schwereren Behinderungen, wenn schon nicht von den Spielen, so doch von den Medaillenentscheidungen ausgeschlossen würden. "Mach ich den Sport der Medaille wegen?", hält Legner entgegen. Dass in London im Sprint über 100 Meter bei den Damen 14 und den Herren 15 Paralympics-Sieger gekürt wurden, ist für Legner nicht nachvollziehbar. "Und für die Leute auch nicht. Es gibt Klassen, da treten vier, fünf Sportler an, da kann ich die Medaillen gleich per Post verschicken. Das hat mit Spitzensport nichts zu tun. Und als Spitzensportler wollen wir doch anerkannt sein."

Er neide niemandem seine Medaille, sagt Legner, redet aber einer Reduzierung der Bewerbe das Wort, wie sie im paralympischen Skilauf mit dem sogenannten Crack-System durchgezogen wurde. Seit Turin werden die einzelnen Behinderungsklassen in die Kategorien sehbehindert, sitzend und stehend zusammengefasst. Jeder erhält einen Faktor nach Grad der Behinderung, den der Computer in die laufende Zeitrechnung einbezieht.

In den fünf Bewerben gibt es bei Damen und Herren jeweils insgesamt 15 Goldmedaillengewinner. Dass dieses System im Sommer in vielen Sportarten nur schwer angewandt werden kann, gibt Legner zu. "Aber wenn ich hundert Kilo habe, kann ich auch kein erfolgreicher Skispringer werden. Und mit 1,60 Metern werde ich kein Basketballprofi. Damit muss ich mich abfinden." (Sigi Lützow, DER STANDARD, 8.9. 2012)

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Weitere Reduzierung der Klassen wäre genauso sinnvoll als würden bei Motorradrennen die 125 ccm, 250 ccm und 500 ccm Klassen gleichzeitig gegeneinander antreten. Die Chancengleicheit muss gewährleistet werden da ein Wettkampf ohne faire Chance auf eine Medaille dazu führen würde das viele Athleten der Veranstaltung fernbleiben würden. Eine Paralympic "light" kann nicht gewollt sein und widerspricht total dem paralympischen Gedanken.

Ja, klar. Weshalb vergleicht man nicht den Eisstockschießwettkampfrekordhalter mit Federer? Erster hat sicher noch viel mehr Turniere gewonnen.

Und überhaupt, ist doch wirklich so wahnsinnig toll, was die behinderten Sportler so leisten. Weshalb macht man eigentlich keine olympischen Spiele für Zu-klein-Geratene Basketballer oder ein Turnier für unbegabte Fussballer. Da könnten wir uns auch alle wunderbar gutmenschig finden, wenn wir die armen Menschen live im TV verfolgen können.

Ignoranz hoch 356

Von welchen armen Menschen sprechen Sie eigentlich? Armselig ist ihre Schlechtmenschigeinstellung. Die wenigsten Menschen mit körperlichen Einschränkungen betrachten sich selbst als arm. Sie haben sicher noch nie mit Rollstuhlfahrern u.a. zu tun gehabt. Ich z.B. bereise mit Rollstuhl verschiedene Länder (Indien, Brasilien) und bin sicher einer der glücklichsten Menschen auf diesem Planeten. Die schlimmste Behinderung ist nicht die des Körpers, sondern dumme Vorurteile in der Gesellschaft die uns leider noch immer als arm und bedauernswert darstellt. Die Wortwahl "gutmenschig" sagt eigentlich schon genug darüber aus welche Gesinnung dahintersteckt oder bin ich hier einem Troll auf den Leim gegangen?

ich kann nur meinen hut ziehen

vor allen teilnehmern der paralympics. von denen kann man einiges lernen über das leben und wie man damit umgeht (insbesondere von denen die irgendwann in ihrem leben in die situation kamen behindert zu sein - k.a. ob ich den lebenswillen aufbringen würde).

sehr sympathischer sportsmann. alles gute weiterhin.

Den größten Beitrag allerdings hat Martin Legner durch seine Tüfteleien zur Verbesserung der Tennisrollstühle geleistet. Was heute State Of The Art ist, hat Martin begonnen, anfags belächelte man seine Innovationen sogar, aber nicht lange bis man die Verbesserung bemerkte. Dieser Tage Artikel im orf.at und standard über die Nr. 1 Esther Vergeer gelesen u. a. auch über ihren tollen neuen Sportrollstuhl - Sitzschale an den Körper angepasst, "knieende Beinstellung" © M. Legner. Er bekommt aber nix dafür :-(

Dafür gibts Patente, dann bekommt man was für die eigenen Ideen. Derzeit halt leider sehr out.

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