Der Adler wird nicht landen

  • Der Großvater (Joachim Bissmeier) bleibt für den Buben (Puppe mit Puppenspieler Nikolaus Habjan) ungreifbar.
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    foto: helmut wimmer

    Der Großvater (Joachim Bissmeier) bleibt für den Buben (Puppe mit Puppenspieler Nikolaus Habjan) ungreifbar.

Wenn Schrecken sprachlos macht: Die Performancegruppe "Wenn es soweit ist" inszeniert Paulus Hochgatterers "Fly Ganymed" als eindringliches Puppenspiel mit vielen unbesetzten Leerstellen

Wien - Wenn man nichts hat, woran man sich festhalten kann, helfen manchmal kluge Sätze. "Der Adler ist da, bevor man ihn sieht" ist so ein Satz. Aus dem Mund eines Großvaters klingt er tröstlich. Dieser gütige, faltige Großvatermund spricht zu seinem Bub aber nur als Videoprojektion, als digitaler, schmerzlich vermisster Patronus. Dem Bub vor ihm ist so nicht geholfen.

Corregios Gemälde "Entführung des Ganymed" war 2010 Teil von "Ganymed Boarding", einem Projekt des Kunsthistorischen Museums mit der Gruppe "Wenn es soweit ist". "Fly Ganymed" ist - neben zwei anderen Projekten: "Ground Swell" und "Play Ganymed" - die Fortsetzung einer damals von Dramatiker Paulus Hochgatterer gemeinsam mit dem Puppenspieler Nikolaus Habjan entworfenen Szene: Die düstere Erzählung eines namenlosen Buben, der, aus seinem Heimatdorf verschleppt und in die Welt hineingeworfen, vergeblich nach Zuneigung sucht.

Dieser Bub ist in der Inszenierung von Jacqueline Kornmüller eine Puppe, und durch präzise Führung ringt ihr Habjan eine unheimliche Lebendigkeit ab. Alle anderen Personen im Stück treten als reale Schauspieler in Erscheinung (Franziska Singer, Peter Wolf, Martina Stilp), mit Ausnahme von Joachim Bissmeier, dem Film gewordenen Großvater.

Insbesondere Wolf in der Rolle des grausigen Schleppers ist ein fleischgewordener Kinderalbtraum, ein Mädchengrapscher, dessen Machtpotenz sich einzig aus einem zerfledderten Pass speist, mit dem er die Kinder über Grenzen befördert. Welche Grenzen das sind, bleibt so unausgesprochen, wie die dem Buben zugefügten Misshandlungen.

"Fly Ganymed" ist ein Roadmovie ex negativo ohne die diesem Genre so eigene Aufbruchsstimmung. Stattdessen klagen Mundharmonikamelodien, und ein nacktes Bettgestell - nicht mehr als ein trauriges Gerippe mit einer muffigen Pferdedecke - ist dem Kind eine ganze Welt. Der Theseustempel im Wiener Volksgarten vermittelt als intime Spielstätte trotz seiner hohen Decke eine drückende Enge, lässt aber genug Raum für die vielen Leerstellen im Stück.

"Der Mond fällt nicht vom Himmel, die Sterne laufen nicht davon." Manche Sätze, das hat der Bub am Ende seiner Reise begriffen, sind einfach falsch. Sein weltenerklärender Opa ist keiner, der ihn in den Arm nehmen wird. Der Adler ist nicht gelandet. (Eva Biringer, DER STANDARD, 8./9.9.2012)

"Ground Swell" ab 9. 9.
"Play Ganymed" ab 11. 9.  

Bis 14. 10.

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