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"Unter einem Finale wird in Deutschland nichts mehr akzeptiert"
Standard: Was fällt Ihnen spontan zum österreichischen Fußball ein?
Reif: Immer wieder ein paar gute Spieler, und damit hat es sich dann auch.
Standard: Reden wir über ein paar Spieler. Marko Arnautovic?
Reif: Ein Junge mit vielfältigen Anlagen, er steht sich immer noch zu oft selbst im Weg. Vor allem außerhalb des Platzes, zuweilen auch innerhalb. Würde er endlich erwachsen werden, wäre er mit Sicherheit ein international beachtenswerter Spieler.
Standard: Martin Harnik?
Reif: Ist in Hamburg geboren. Er ist ein wunderbarer Stürmer, an dem habe ich viel Spaß. Der kann sehr, sehr viel.
Standard: Christian Fuchs?
Reif: Fuchs ist bei Schalke ein Stammspieler, und Schalke wurde Dritter. Das spricht für sich.
Standard: Andreas Ivanschitz?
Reif: Ihn bewundere ich besonders. Das ist eine Karriere, die muss man erst einmal aushalten. Mit 18 wurde er Kapitän und bekam die Nummer zehn. Damit sollte er den österreichischen Fußball ins Morgenrot führen. Das kann keiner in dem Alter. Es ging auch großartig schief. Sich danach so zu erfangen und heute der Spieler zu sein, der er ist - Hut ab.
Standard: Und der zurzeit verletzte David Alaba?
Reif: Er ist in Deutschland Every-body's Darling. Speziell bei denen, die es mit Bayern München halten. Sie sind verliebt in den Burschen, mit gutem Recht. Ihm zuzuhören und zuzuschauen ist das reine Vergnügen. Da habt ihr mal einen.
Standard: Werden wir ganz leicht pervers - würden Sie einen österreichischen Sieg am Dienstag als lustig empfinden?
Reif: Lustig nicht, es geht ja um etwas. Vor der EM gab es ein Testspiel in der Schweiz, die Deutschen kriegten ein 3:5, das war echt lustig. Weil es um nichts gegangen ist. Jetzt ist Qualifikation. Die deutschen Mannschaften stehen nicht im Verdacht, im Ernstfall lustige Dinge zu veranstalten.
Standard: Das deutsche Fußballteam scheint momentan sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein, das grenzt fast schon an Selbstzerfleischung. Bundestrainer Joachim Löw wird kritisiert, er wehrte sich mit einer 28-minütigen Rede. Wird Löw zum Loser?
Reif: Das wird man abwarten müssen. Die Halbfinale bei der WM in Südafrika und bei der EM in Polen und der Ukraine sind schiefge gangen, es war nicht gut genug. Das Team selbst hat den Anspruch so in die Höhe geschraubt. Sie haben alles dafür getan, dass die Latte extrem hoch gelegt wird. Und dann sind sie unten durchgesprungen oder haben sie gerissen. Das macht man in Deutschland mit dem Boulevard nicht ungestraft. Die Kritik kam vollmundig daher, aber vieles war auch richtig. Auch ich fand, dass die Mannschaft weder gut eingestellt noch aufgestellt war. Und das wird man wohl noch sagen dürfen, zumal diese Nationalmannschaft fast zur Ikone gemacht wurde. Hätte man allen gesagt, ihr könnt es vergessen, Spanien und auch Italien sind zu stark, hätte es keiner geglaubt. Das war der Fluch der guten Tat. Wir haben alle in einem kollektiven Rausch zu viel gequasselt. Ich sehe darin nichts Götterdämmerungshaftes, aber ich sehe Anlass zur Kritik.
Standard: Österreichs Teamchef Marcel Koller hält das für ein Jammern auf hohem Niveau.
Reif: Ja, dem stimme ich zu. Praktisch alle Verbände würden ein Scheitern im Halbfinale gerne nehmen.
Standard: Früher kickte Deutschland irgendwie unsympathisch und räumte Titel ab. Jetzt spielen sie schön, attraktiv, sie werden überall gemocht. Der Preis der Niederlagen ist doch sehr nett, oder?
Reif: Ja, aber wir werden mehr im Ausland geschätzt. Im Inland kommen die Leute um die Ecke, und sie wissen nicht, was sie sagen sollen. Spielt hässlich und gewinnt etwas wie einst in der fußballerischen Dürre, klingt nicht sexy. Man redet halt von Siegermentalität, von Gewinnertypen.
Standard: Wird Deutschland in Brasilien Vizeweltmeister?
Reif: So leicht wird das nicht, es geht nach Südamerika. Die Erfahrung gefühlter Jahrhunderte lehrt, dass es dort gegen Argentinien oder Brasilien verdammt schwierig ist. Aber unter einem Finale wird in Deutschland nichts mehr akzeptiert. Ich kann das nicht einmal beweinen.
Standard: Themenwechsel. Die Fans scheinen immer blöder und aggressiver zu werden. Auch in Österreich. Der Fall des Kölner Profis Kevin Pezzoni, der nach Morddrohungen seinen Vertrag auflöste, erregte Aufsehen. In den Stadien hört man vermehrt antisemitische und rechtsextreme Parolen. Wohin führt das? Steht der Fußball vor dem Kollaps? Oder die Gesellschaft?
Reif: Es ist ein gesellschaftliches Problem. Wenn es in Deutschland wieder eine Neonaziszene geben darf, die unbemerkt oder sogar bemerkt ihr Unwesen treibt und Menschen ermordet, dann ist das eine Tatsache, über die man entsetzt sein muss. Der Fußball ist nicht das Aushängeschild der Rechtsradikalen. Aber es gibt den Versuch, das Koordinatensystem zu verschieben. Es gibt Ultras, die machen sich zurzeit breit. Die Klubs habe lange weggeguckt, die Verbände ebenfalls. Auch die richtigen Fans haben nichts dagegen unternommen. Man muss dafür sorgen, dass jene, die glauben, sie hätten die Macht in den Händen, eines Besseren belehrt werden. Der Fußball gehört nicht den Ultras. Der Fußball gehört dem Fußball selber. Und hoffentlich den echten Fans. Der Fußball kann nicht die Probleme der Welt lösen. Mir reicht schon, wenn er keine zusätzlichen Probleme macht. Er soll Spaß sein.
Standard: Wie und wo werden Sie das Match am 11. September verfolgen?
Reif: Daheim in der Schweiz vor dem Fernsehgerät. Mit großem Vergnügen und im Kreise meiner Söhne. Wir werden schimpfen, auf eine Analyse verzichte ich.
Standard: Trotzdem, rein theoretisch gefragt. Mit welchen Worten würden Sie als Kommentator in die Übertragung einsteigen?
Reif: Versuchen wir es wieder. Aus österreichischer Sicht. Bringen wird es nichts, aber hoffentlich wird es spannend, und hoffentlich können die Österreicher dagegenhalten. Ich mache mich nicht lustig über euren Fußball, aber ihr seid ein kleines, sympathisches Land. Acht Millionen gegen achtzig. Man ist getrennt durch die gemeinsame Sprache. Die Rivalität ist sehr lieb. Der kleine Nachbar wird dem großen Nachbarn immer mit einem leichten Komplex entgegentreten. Er wird versuchen, ihm ein Bein zu stellen. Gelingt das, ist es wirklich lustig und eine große Hetz. Aber es gelingt halt selten. (Christian Hackl; DER STANDARD; 8./9.9.2012)
Marcel Reif (62) wurde in Walbrzych, Polen, geboren. Seine Mutter war polnische, deutschstämmige Katholikin, sein Vater polnischer Jude. Deutsch erlernte Reif erst mit acht Jahren, als seine Familie nach Kaiserslautern zog. Er studierte in Mainz Publizistik und Politikwissenschaften, begann 1972 als freier Mitarbeiter beim ZDF. 1984 wechselte er in die Sportredaktion, ab 1994 kommentierte er Fußball bei RTL. Derzeit arbeitet er für Sky. Reif wurde mehrfach zum besten Sportkommentator Deutschlands gewählt, 2003 erhielt er den Adolf-Grimme-Preis. Reif lebt bei Zürich, ist verheiratet, hat drei Söhne.
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Man müsste das Geschehen wesentlich entspannter verfolgen. Als ginge es gegen Italien oder Spanien. Es gibt nicht wirklich viel zu verlieren, aber im Zweifelsfall viel zu gewinnen - auch wenn dies unwahrscheinlich ist.
Mein Tipp: Ein gut organisiertes Team Austria verliert knapp und vielleicht sogar unglücklich mit 1:2. Fazit: Wurscht, weil so erwartet. Alles andere wird dem heimischen Boulevard zu reißerischen Glücksmomenten verhelfen. Die Menge würde höhnisch jauchzen.
..bemerkt, dass Reif euch auf den Arm genommen hat. Für ihn sind wir ein Land der Phantasten, Wichtigtuer, voll mit Miinderwertigkeitskomplexen. Und so ganz Unrecht hat er damit überhaupt nicht.
teuer ausgebildet vom zdf, jetzt arroganter laberer. (das kommt davon, wenn sportmoderatoren mal den elfmeterhorizont verlassen)
nichts wünsche ich mir mehr, als einen sieg von österreich am dienstag.
im kreise seiner söhne in der schweiz kann er sich dann lustige, "leicht perverse" erklärungen ausdenken,
wenn die 8 gegen die 80 millionen gewinnen.
Klein, sympathisch und wir wollen ES!
http://youtu.be/bLE9CVSTZrs
Geht eigentlich nur mir diese ewige Rivalität zwischen Österreich und Deutschland auf die Nerven? Am besten auch noch gekoppelt mit dem Cordoba-Reflex ... Ich kenn sehr viele Deutsche und (fast) alle sind sehr nett, freundlich und sympathisch. Ein Österreicher
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