Gehirntraining mit "News"

Günter Traxler, 7. September 2012, 17:28

Diese Woche gratis: "Mit den Übungen dieser CD bleibt Ihr Gehirn für immer jung."

Immer bereit zu einem Opfer für die Leser, legte "News" diese Woche "gratis für Sie" das Angebot: "Mit den Übungen dieser CD bleibt Ihr Gehirn für immer jung." Darauf folgte gleich als erste Übung: "Keine Gehirntraining-CD am Cover? Einfach nachbestellen." Wer das ohne die "Gehirntraining-CD" nicht schaffte, fand auf den Seiten 4 und 5 Näheres. "Die CD enthält ein Programm mit 30 Übungen zur Gehirnstimulation, die zusammen mit dem Industry Research Projekt von Dr. Kawashima getestet wurden." Da es sich um "Gehirntraining mit Dr. Kawashima" handelt, versteht sich von selbst, dass das "Programm" von Dr. Kawashima getestet wurde. Warum Dr. Kawashima aber auch das nicht näher vorgestellte "Industry Research Project" getestet haben soll, lässt sich vermutlich erst nach der zwanzigsten "Übung zur Gehirnstimulation" klären.

Egal, Hauptsache: "Bringen Sie Ihre grauen Zellen in Schwung!" Das geht einfach. "Spielerisch, aber doch mit wissenschaftlichem Anspruch, können Sie mit dieser CD-ROM Ihre Gehirnfitness messen und sich von Einheit zu Einheit verbessern." Wen die Aufforderung, die "Gehirntraining-CD" mit den 30 "Übungen zur Gehirnstimulation" nachzubestellen überfordert, muss sich nicht sorgen, denn 18 Übungen wurden schon im Blatt geboten.

Einige davon sind sauschwer. Zum Beispiel die "Übung 10: Stellen Sie beide Beine voreinander, und versuchen Sie dabei das Gleichgewicht zu halten." Ein Bein vor das andere zu stellen, sollte bei durchschnittlicher Intelligenz ja gerade noch machbar sein, aber "beide Beine voreinander" erfordert einen Intelligenzquotienten, der "Gehirntraining mit Dr. Kawashima" überflüssig macht. Andere Übungen sind wieder ganz leicht, so die "Übung 6: Denken Sie an drei Ereignisse der letzten Woche, die Sie im TV gesehen oder über die Sie etwas in der Zeitung gelesen haben."

Kein Problem, wenn man "News" dem TV vorzieht. Ich denke also an "Schwarzes Chaos. Diese VP-Politiker sind angezählt." Zweitens an den "Parfum-Klau. So duftet Eva Walderdorff" heute. Und schließlich entreiße ich meinem von Dr. Kawashima noch untrainierten Gehirn: "Andrea Herberstein - Glücklich ohne Fußfessel". Kaum beginne ich, an diese drei Ereignisse zu denken, fühle ich, wie meine grauen Zellen in Schwung geraten. Um sie nicht gleich wieder erlahmen zu lassen, kombiniere ich Übung 6 mit Übung 12: "Bemühen Sie sich, neue Leute kennenzulernen" und vor allem mit "Übung 5: Lesen Sie einen kurzen Artikel in der Zeitung oder in einem Magazin, und versuchen Sie, sich unmittelbar danach an die zwei wichtigsten Namen zu erinnern. Machen Sie gedanklich eine kurze Inhaltsangabe des gelesenen Textes."

"Unmittelbar danach" - das ist bei meiner inzwischen um drei Einheiten gewachsenen "Gehirnfitness" zu einfach. Also erinnere ich "die zwei wichtigsten Namen der letzten Woche". Mit der "Inhaltsangabe des gelesenen Textes" hapert es noch ein ein wenig, immerhin so viel: "'Ich liebe Jean Paul Gaultier, weil die Flascherln so schön sind', sagt Eva Walderdorff ein Jahr nach der Duft-Affäre am Wiener Flughafen. In prächtiger Aufmachung kämpfte sich die Gräfin konsequent von St. Margarethen nach Salzburg vor", mischt sich ein anderes Bruchstück unter meine grauen Zellen. Und dann noch, nur kurz: "'Ich will jetzt nicht wie eine Tussi rüberkommen, die sich über das Leben hinwegfeiert. Ich nütze kulturelle Anlässe und style mich dafür. Dass sich eine Dame passend kleidet, versteht sich für mich von selbst.'"

Gewachsen an den Übungen 5, 6 und 12, lässt mein Gehirn die Unterdrückung des zweiten Namens einfach nicht zu. "Happy End im Hause Herberstein: Die Gräfin ist wieder auf freiem Fuß und hat mehrfach Grund zum Feiern." Das "Happy End" ist auch noch ganz frisch: "Am 4. Mai war sie das lästige Requisit dann los." Das prägt sich auch nach drei Übungen zur "Gehirnstimulation" ein: "Andrea Herberstein, wegen vergleichsweise bescheidener Summen drakonisch bestraft, ist wieder eine freie Frau."

Inzwischen verkraftet das Gehirn auch schon Erinnerungen "unmittelbar danach". So jene an den Satz: "'Eine Frau mit Glatze kann so erotisch sein wie eine mit Haaren bis zum Po.'" Gesprochen hat ihn Karina Sarkissova, die laut "News" von dieser Woche ihre "Intim-Beichte" ablegte, und zwar in einem "Erreger-Buch", dessen Titel das erregte Beichtkind als anatomisches Wunder vorstellt: "Auf spitzen Sohlen".

Dank "News" steht fest: Ein gut stimuliertes Gehirn zu haben lohnt sich. Wer früh für Demenz sorgt, braucht sie im Alter nicht mehr zu fürchten. (Günter Traxler, DER STANDARD, 8./9.9.2012)

Gehirntraining mit "News" ist wie…

…freie Liebe dank Kondomverteilaktion der hl. röm.-kath. Kirche
…Farbwahlfächer des Blindenverbands
…Karikaturen-Wettbewerb in einer Moschee
…Seniorenturnen für Spitzensportler

Bei allem Respekt, Traxler:

Wenn jemand im Stadtpark einen Freund trifft und „die beiden” dann „nebeneinander” durch den Park flanieren können – und das können sie, auch sprachlich –, dann müssten eigentlich auch „die beiden” Beine „voreinander” gestellt werden können, nämlich eines vors andere.

es kann aber immer nur ein Bein vorne sein und
nicht beide

"Springend" müßte es funktionieren ;-)

vielleicht kau ma des wer vurhupfn *ggg*

Gehirntraining mit "News"

Satt durch Fasten

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