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Sarah Kirsch, "Märzveilchen". 20,60 Euro / 240 Seiten. DVA, München 2012
Sarah Kirsch schrieb einmal über ihren Dichterkollegen Christoph Wilhelm Aigner, ihm würde es gelingen, "mit Naturvokabeln Auskunft von Erde zu geben". Denn: "Wir haben alles deutlich vor Augen, viel schöner als Fernsehn. Man muss in seiner eigenen Innenwelt eifrig trainieren. Erst kleine Ausflüge ums Haus, später die großen Expeditionen. Wetterstürze im Gebürge, sanfte, gefährliche Gärten."
Dies lässt sich als Auskunft in eigener Sache nehmen und auf das Werk der 1935 in Halberstadt geborenen Lyrikerin anwenden, die heute in einem kleinen Dorf im hohen Norden Deutschlands, in Schleswig-Holstein, lebt.
In einem Interview aus dem Jahr 2002 antwortete Kirsch, angesprochen auf ihre randständige Lebens- und Beobachterinnenposition: "Der Josef Brodsky hat mal gesagt, so am Rande, wo der Teppich schön abgelatscht ist, da erkennt man das Muster am besten. Man muss natürlich erst an den Rand gehen, wenn man nicht mehr den Eindruck hat, man verpasst was." Nach Halberstadt, Halle, Leipzig, Berlin-Ost, Berlin-West ist der Weiler Tielenhemme tatsächlich Rand. Doch ohne die Landschaft des Nordens ist das Werk dieser Dichterin nicht zu denken. Das simple Leben heißt eines ihrer Bücher, andere Landwege, Erdreich oder Schwingrasen.
Sarah Kirsch schreibt Gedichte über die Natur, die keine Naturgedichte sind. Auch wenn Bäume auftauchen, Krähen und Katzen, Nachtviolen und Wolken, Sumpfland und Buschwindröschen. Dokumentarisch-Biografisches wird von ihr gleich wieder unterminiert. So ist Allerlei-Rauh (1988) der Satz vorangestellt: "Alles ist frei erfunden und jeder Name wurde verwechselt". Im Band Zaubersprüche von 1973 heißt es programmatisch: "Ich weiche ab und kann mich den Gesetzen / Die hierorts walten länger nicht ergeben." In Allerlei-Rauh findet sich die für ihr Werk zentrale Formel: "Nichts Besonderes, nur unvergesslich."
Scheinbar nichts Besonderes liefern ihre in Märzveilchen versammelten Notate, geschrieben zwischen dem 10. Dezember 2001 und dem 22. September 2002. Der Tonfall ist schnoddrig, frech, witzig. Es finden sich Sprachspielereien zu Hauf, einige davon sind allerdings leicht verkrampft. Der kleine Alltag, im Garten, im Haus, rangiert kommentarlos neben globalen Geschehnissen, den politischen Entwicklungen und Ankündigungen nach 9/11.
Diese Schroffheit und die erstaunlich jähen Sprünge sind aber Programm. Denn es ist kein Nachwelt-Journal, sondern die Abbildung gelebten Lebens. Zugleich zeigt diese Prosa, aus welchem Wortbild-Humus ihre Gedichte erwachsen, von denen eine Handvoll eingestreut ist. Sarah Kirsch schaut. Sie schaut TV, gibt Lesungen, kommentiert Radiosendungen, telefoniert, beschreibt Schnee, Wolken, Tiere, das Sitzen an Schreib- und Maltisch.
Vor allem anderen aber schaut sie, präzis, vom Rand her. In ihrem in Rückenwind enthaltenen Gedicht Der Süden, in dem Petrarca und Laura am Fuße des Mont Ventoux auftauchen, heißt es: "Wenn es nach mir ginge, ich säße den Tag / Angelehnt auf dem Faulbett, den Himmel / Vergleichend und Bilder vor Augen." (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 8./9.9.2012)
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